SPREMBERG. Die Geschichte steckt im Fahrstuhl. Dieser enge Lift, Baujahr frühe 80-er Jahre, riecht muffig, ruckelt bedrohlich und - hat so ein seltsames Eichenholz-Imitat an den Wänden. "Das ist Sprelacart", sagt Siegfried Zabel. "DDR-Sprelacart." Auf den Zusatz legt er Wert. Denn "Sprelacart" - jener pflegeleichte Kunststoffbelag für Platten, Paneele, Tische, der in keinem Wagon, keinem Amt, keiner Schule des Ostens fehlte - ist immer noch zu haben. "SprelaCart" heißt er heute. Mit großem C, weil das modern ist. Aus Spremberg in der Lausitz kommt er aber immer noch, wie seit Jahrzehnten. "Sprelacart ist im Osten ein Gattungsbegriff", sagt Siegfried Zabel, Chef der Sprela AG. Eben dies ist Zabels Chance. Vor drei Jahren kam der gebürtige Aachener nach Spremberg. Seitdem steigt der Umsatz.Gleich selbst gekauftDer alte Fahrstuhl im Sprela-Verwaltungsbau ist nur noch selten in Betrieb. Zabel läuft lieber. "Da sehe ich mehr und kann allen die Hand schütteln", sagt er. Der 56-jährige Ex-Offizier und Unternehmensberater sollte 1998 den Rest der Firma eigentlich nur für eine Bank auf Liquidierbares überprüfen. Da hatte Sprela fast fünf Jahre Missmanagement hinter sich. Zu wenig Investitionen, schlechtes Marketing, Lohnkürzungen, Entlassungen: Das Unternehmen, spät von der Treuhand verkauft, schien alle Chancen verpasst zu haben. Von den 1 400 Betriebsangehörigen zu VEB-Zeiten waren noch 79 übrig. Zabel prüfte, fand viel Potenzial - und kaufte Sprela selbst, für 20 Millionen Mark. Die Banken vertrauten ihm, acht Millionen Mark Förderung gab das Land. Doch nur mit Geld war wenig auszurichten."Es gab hier vor allem ein Marketing-Problem", sagt Zabel, der inzwischen wieder 140 Leute beschäftigt und gerade für 16 Millionen Mark neue Maschinen in die alten Hallen stellen lässt. Seine Vorgänger hatten es trotz ihres eingeführten Namens nicht einmal geschafft, die Kunden in Osteuropa zu halten. "Selbst in Moskauer U-Bahnen gibt es Sprelacart", sagt Zabel. "Aber wir mussten viele Kontakte ganz neu aufbauen." Ins Ausland geht jetzt wieder knapp die Hälfte der Spremberger Produkte - neben den klassischen Oberflächen auch Arbeitsplatten, Fensterbänke, Fußböden. Der Rest bleibt vor allem im Osten Deutschlands, etwa in den "toom"-Baumärkten, die nur ihre Filialen in den östlichen Bundesländern mit SprelaCart bestückt haben. Weil nur dort die Leute danach fragen.Damit das nicht so bleibt, hat Zabel gleich zu Anfang einen zweiten Westdeutschen als Marketing-Direktor engagiert, der sich mit dem Laminat-Bedarf in der alten Bundesrepublik auskennt. Matthias Hoffmann verbrachte 23 Jahre beim Konkurrenten "Resopal" aus Groß-Umstadt in Hessen. Er und Zabel bauten Sprela in drei Jahren um. Computergesteuerter Vertrieb, Qualitätslabor, zweimal die Woche Englisch-Unterricht für alle. Neue Dekore erfindet jetzt Luigi Colani, auf dem Firmenvideo wirbt die Stimme von Robert de Niro für "dekorative Schichtstoffe aus Spremberg" und - im Osten fast unvermeidlich - Franziska van Almsick rekelt sich mit verträumtem Blick auf Lausitz-Laminat.Auch der erste große Schritt auf den West-Markt ist inzwischen gelungen. Zwölf der neuen Küchenfarben im nächsten IKEA-Katalog stammen aus Spremberg.Die Spelacart-Story // 1867: Hermann Römmler gründet in Spremberg einen Recycling-Betrieb für Textil-Abfälle. Etwas später stellen die Werke Baumwollflocken für Schellack-Platten her.Ab 1900: Römmlers Forschungsabteilung entwickelt ein eigenes Druck-Hitze-Verfahren zur Kunstharzherstellung, ähnlich dem Bakelit.1919: Römmler erhält das erste Patent zum "Herstellen von Platten aus mit Kunstharz getränkten geschichteten Stoffen". Der Bedarf der Industrie an robusten Kunststoffen steigt.1930: Römmler gibt seinen Schichtstoffplatten (Laminate) aus Papier und Kunstharz den Namen "Resopal". Seit 1935 ist der Name geschützt: ein Kunstwort aus "Resin" - dem Harz-Grundstoff - und "opalisierend", dem visuellen Effekt der Oberfläche.Ab 1945: Als die Sowjets die Römmler-Werke in Spremberg demontieren, gründen einige Mitarbeiter im hessischen Groß-Umstadt ein neues Unternehmen, das bald wieder "Resopal" produziert. Kriegsheimkehrer bauen auch in Spremberg wieder ein Werk auf. Ihr Produkt, identisch mit dem westlichen, heißt seit 1955 "Sprelacart" - zusammengesetzt aus "Spremberg", "Laminat" und "Carton".Seit 1990: Die Firmen "Resopal" im Westen und "Sprela" im Osten konkurrieren um denselben Markt.MICHAEL HELBIG Laminate bestehen aus Papier und Kunstharz. Vor der Hitze-Pressung werden die Bahnen mit Harz getränkt.