POTSDAM. Aus der Ferne ist die Arbeit der beiden Bagger kaum zu unterscheiden. Die orangefarbenen Großgeräte wühlen sich keine zwanzig Meter voneinander entfernt durch die unwirtliche Mondlandschaft im Herzen von Potsdam. Doch ihre Mission könnte nicht unterschiedlicher sein. Die Aufgabe des einen Baggers ist die Zerstörung. Mit Getöse zertrümmert er im Boden den Stahlbeton über einer Warmwasserleitung aus den 1970er-Jahren. Die Aufgabe des anderen Baggers ist die Entdeckung. Er legt ein Stück weiter Fundamente des Anfang der 1960er-Jahre abgerissenen Hohenzollern-Schlosses frei. Daneben schaufeln Archäologen den Sand von den Mauern.Kultisches BegräbnisgeländeBeide Bagger symbolisieren den aktuellen Zustand des Ortes perfekt. Es ist ein Ort des Überganges. In der Zukunft soll hier der neue Landtag entstehen - in den Formen des zerstörten Schlosses. Doch noch ist die Erforschung der Vergangenheit angesagt. Der riesige Platz an der Nikolaikirche ist kein Platz mehr, das Pflaster ist verschwunden, dafür türmen sich hohe Sandberge auf - und darunter in der Tiefe all jene historischen Schätze, die die etwa 20 Altertumsforscher von der Firma Architekturmanufaktur aus Wustermark seit Herbst 2006 bergen: Scherben, Knochen, Münzen, Krüge, Ziegel, Eimer.Der zentrale Platz Potsdams ist durchaus mit einem Stück unbewohnten Wüstenbodens am Nil vergleichbar, in dem Archäologen nach Relikten der alten Ägypter suchen. Denn ähnlich gut sind auch die Bedingungen auf dem 16 000 Quadratmeter großen Grabungsfeld in Potsdam. Die Besonderheit: Ab dem 16. Jahrhundert entstanden die Schlossbauten um einen großen Platz. "Seither ist die Fläche weitgehend unberührt", sagt Archäologin Marita Genesis bei einer Führung über das Areal. Auch später seien keine neuen Straßen angelegt worden, auch keine Keller oder Tiefgaragen, nur ein paar Leitungsschächte. "Durch diese Ungestörtheit können wir im Boden lückenlos die Geschichte der Stadt von der frühesten Siedlung bis zu den Bomben des Zweiten Weltkriegs nachvollziehen." Die 37-Jährige sagt, es seien "Grabungen von unermesslichem Wert, die wichtigsten für die Geschichte der Stadt."Im Container auf dem Grabungsfeld zeigt sie auf eine Karte. Zu sehen sind die Umrisse des zerstörten Schlosses. Doch auf der Fläche des Schlossplatzes sind überall kleine Fundstellen eingezeichnet: Häuser, Öfen, Brunnen, Gräber. Es gibt auch eine Töpfergasse. Sechs verschiedene Bauphasen konnten die Archäologen nachweisen.Als bahnbrechend neu sehen es die Archäologen an, dass es nun so etwas wie ein Gründungsdatum für Potsdam gibt. Denn es wurden auch vier Gehöfte von deutschen Siedlern gefunden. "Sie bauten mit Holz, das 1199 und 1200 geschlagen wurde", sagt Marita Genesis. Damit ist nachgewiesen, dass Potsdam älter ist, als viele dachten. Bislang sei nur eine urkundliche Erwähnung als deutsche Siedlung im Jahr 1304 bekannt gewesen. "Eine Gründungsurkunde der Stadt gibt es nicht", sagt sie.Es gibt weitere Entdeckungen: Funde von Pfeilspitzen der Urmenschen - 12 000 Jahre alt. Es wurden Gräber gefunden - fast 5 000 Jahre alt. "Dieser Ort war damals ein riesengroßes kultisches Begräbnisgelände", sagt Genesis und präsentiert bei ihrer Führung auch eine 5 000 Jahre alte glattpolierte Steinaxt. "Eine Grabbeigabe", sagt sie. "Natürlich für ein Männergrab." Sie zeigt auch alte Keramikkrüge oder einen schwarzgrauen Topf. "Das war das Ikea-Geschirr des Mittelalters." Im Boden wurde aber auch ein Sandstreuer zum Trocknen von Tinte gefunden, hergestellt im 19. Jahrhundert in der Berliner Königlichen Porzellan Manufaktur.All diese beweglichen Zeugnisse der Vergangenheit kommen ins Landesmuseum, doch die meisten Fundamente, Keller und gemauerten Abflussrinnen werden beseitigt, wenn die Tiefgarage unter dem Landtag gegraben wird.Begehbares FreilichtmuseumKarin Zierenberg, eine 72-jährige Teilnehmerin der Führung erzählt, dass sie als Schülerin in den 1950er-Jahren in der Ruine des Schlosses war. "Ich bin dagegen, dass bald alles verschwindet", sagt sie. "Wenn das Schloss nicht mit Originalfassade gebaut wird, sollte die Fläche ein begehbares Freilichtmuseum für die Ausgrabungen werden."Marita Genesis kann diesen Wunsch verstehen: "Es ist der Traum jedes Archäologen, dass die historischen Artefakte nach der Erforschung im Boden bleiben können." Doch die Politik habe entschieden, dort zu bauen. "Das hat auch einen großen Vorteil: Denn nur weil es die Baugrube gibt, können wir überhaupt im Boden forschen", sagt sie. "Der Nachteil ist, dass hinterher beim Bau das meiste beseitigt wird." Deshalb sei es so wichtig, die historischen Zeugnisse zu fotografieren und zu dokumentieren. Und ein Teil der alten Fundamente soll auch sichtbar bleiben, wenn der Landtagsneubau steht.------------------------------Grabungen vor der ZerstörungErste Ausgrabungen: Der Potsdamer Hobbyhistoriker Richard Hoffmann führte 1950/51 erste Grabungen durch.Schloss: Das Schloss wurde unter Kurfürst Friedrich Wilhelm nach 1662 gebaut und ab 1679 erweitert. 1960 erfolgte die Sprengung des bei der Bombardierung im April 1945 ausgebrannten Schlosses.Führungen: Die Stadt hat die bis ursprünglich Ende Oktober vorgesehenen Führungen wegen des großen Interesses bis 11. November verlängert. Sie finden immer dienstags, 15 Uhr, statt. Treffpunkt: Fortuna-Portal. Die Teilnahme kostet fünf Euro/Person. Anmeldung sind nötig, Tel.: 0331/2891261.Selbsterkundung: Da um das Areal nur ein Gitterzaun steht, sind die Ausgrabungen gut sichtbar. Viele Schautafeln um das Gelände erklären die Geschichte. Bauarbeiten für das Schloss beginnen frühestens Mitte Dezember.------------------------------Foto: Ein Forscher legt auf dem Platz vor der Nikolaikirche einen alten Brunnen mit Wasserbecken frei.Foto: Vorsichtig pinselt eine Archäologin in einem etwa 2 000 Jahre alten Kriegergrab ein Skelett sauber.