LEISTON/LONDON, 24. März. Es waren angemessen ungewöhnliche Szenen, mit denen die legendäre Reformschule Summerhill sich in dieser Woche vor dem Hohen Gericht von London in einem möglicherweise historischen Vergleich ihr langfristiges Überleben sicherte. Der außergerichtliche Champagner nach der außergerichtlichen Einigung im Streit mit der Schulaufsicht und dem Bildungsministerium mag bei den Gerichtsdienern noch als normal durchgegangen sein. Die Schülervollversammlung in dem vom Richter zur Verfügung gestellten Gerichtssaal, die vor der besagten Einigung hatte stattfinden müssen, schon weniger.KomplettdemokratischAuf solch einem Spektakel aber hatte nicht zuletzt Zoe Readhead bestehen müssen, die Schulleiterin und Tochter des Summerhill-Gründers A.S. Neill. Summerhill ist komplettdemokratisch, Schüler und Lehrer haben gleiche Rechte in der Führung der Schulgeschäfte. Und über eine Einigung in dem "wichtigsten Rechtsstreit der Schulgeschichte" (Readhead) hatten folglich alle mitzubestimmen, die zufällig in London waren, weil die Schülerschaft eigentlich vor dem Sitz des Premierministers in Downing Street demonstrieren wollte.Noch in der vergangenen Woche hatte es ziemlich schlecht ausgesehen für das legendäre Schulexperiment. Ausgerechnet die linksliberale Regierung Blair, die sich auf ihrer Suche nach einem Ausweg aus der britischen Bildungsmisere vielleicht allzu sehr ins Dickicht von Statistiken und Leistungslisten begeben hat, hatte der vor 79 Jahren von A. S. Neill gegründeten antiautoritären Schule indirekt mit Schließung gedroht.Die Schulaufsichtsbehörde Ofsted (Office for Standards in Education) war mit der kleinen Internatsschule, in der momentan 61 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden, schon seit Jahren verschärft unzufrieden gewesen. Mit Rückendeckung des Bildungsministers hatten die Inspektoren 1999 nun unter anderem die Auflage erteilt, "verpflichtenden Unterricht in Klassen" einzuführen, weil sie meinten, dass Schüler sonst "Freiheit durch Faulheit ersetzen" könnten. "Da hätten wir Summerhill auch gleich zumachen können", wehrte sich also Zoe Readhead. Diese Auflage allein zeuge von dem "kompletten Unverständnis", mit dem die Inspektoren im vergangenen Jahr nach Leiston gekommen waren. "Sie haben noch nicht einmal mit den Schülern selbst gesprochen", sagte Readhead.Sonst, so steht es auch in einem eigens von Summerhill in Auftrag gegebenen "Unabhängigen Bericht" einer allerdings deutlich sympathisierenden Vereinigung für "Selbstbestimmtes Lernen", hätten die Inspektoren erfahren können, wie Lernen in Summerhill funktioniert. "Als ich mit 16 Jahren nach Summerhill kam, habe ich gedacht, dass ich nie wieder Mathe lernen würde", erzählt beispielhaft die Ex-Schülerin Maja, die jetzt als "Hausmutter" über einen der Schlafflure des Internats wacht. Nach ein paar mathefreien Monaten habe sie dann doch wieder "reingehört" und plötzlich Spaß an der Mathematik gefunden. "Beim Abitur in Deutschland hatte ich keine Probleme", sagt sie und weist Gerüchte über mangelnde Thementiefe von sich.Als Teil der Einigung soll die Backsteinidylle von Summerhill nun weitgehend in Frieden gelassen werden, solange die Schülerschaft sich gewissen kleineren Auflagen der Schulaufsicht beugt. Das haben die Schüler versprochen. Wobei ein Beschluss der Schulkonferenz in Summerhill nicht notwendigerweise von Dauer ist. "Wir können unsere Regeln jede Woche ändern, wenn wir wollen", sagt Maja. Summerhills Schicksal wird also spannend bleiben, so oder so.ERZIEHUNG 61 glückliche Schüler // Summerhill wurde 1921 von Alexander S. Neill gegründet. Er wollte Kinder in völliger Freiheit erziehen. Seit 1985 leitet Neills Tochter Zoe Readhead das Internat im Geist ihres Vaters.Die Privatschule liegt in der Grafschaft Suffolk. Derzeit werden in Summerhill 61 Schülerinnen und Schüler antiautoritär unterrichtet. Zwei Drittel von ihnen sind Ausländer.Informationen über das Internat Summerhill unter: www. s-hill. demon. co. uk