Der Termin für den großen Festakt steht schon lange fest, ebenso der Ort für die Feierlichkeiten: Am 1. Juli wird die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) ihr 300-jähriges Jubiläum im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt begehen. Vergleichsweise unspektakulär wird dagegen der Leibniz-Tag ausfallen, den die Berliner "Leibniz-Sozietät" am 29. Juni feiert - im Harnacksaal der Staatsbibliothek Unter den Linden. Dabei nimmt dieser kleine eingetragene Verein für sich in Anspruch, der eigentlich legitime Erbe der "Societät der Wissenschaften" zu sein, die am 11. Juli 1700 gegründet wurde. Im Mitteilungsblatt des Vereins steht, er sei "die einzige akademische Gesellschaft, welche die Kontinuität der Leibnizschen Akademie repräsentiert". Der Berliner Geophysiker Heinz Kautzleben, selbst Mitglied der Sozietät sowie Geschäftsführer der "Stiftung der Freunde der Leibniz-Sozietät", erläutert, wie es zu diesem Anspruch kommt. Vor zehn Jahren habe es mit ungefähr hundert Leuten angefangen, "alles alte Akademie-Mitglieder". Damit meint Kautzleben die Akademie der Wissenschaften der DDR. Sie ging 1945 - als Deutsche Akademie der Wissenschaften - aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften hervor, die wiederum auf die Leibnizsche Akademie zurückgeführt werden kann. Nach dem Krieg begannen die Gelehrten wieder mit der Arbeit und wählten neue Mitglieder in ihre Akademie. Kautzleben erwähnt jedoch nur am Rande, dass es in der DDR eine Art Gleichschaltung gab, von der die Akademie selbstverständlich betroffen war. Unliebsame Mitglieder wurden ins Abseits gedrängt. Zum 250. Geburtstag Leibniz , im Jahr 1950, habe es "Spannungen" gegeben, sagt Kautzleben. West-Mitglieder konnten nicht mehr so einfach am Akademieleben teilhaben. Und der Grundlagenvertrag von 1972, der auf eine Anerkennung der DDR als Staat hinauslief, habe Forscher aus der BRD vollends zu Ausländern gemacht. Aus der ehemaligen Leibnizschen Akademie wurde die staatliche Forschungsanstalt für Wissenschaften in der DDR. Sie betrieb am Ende riesige Institute, in denen mehr als zwanzigtausend Forscher tätig waren. Tatsächliche Mitglieder der Akademie gab es insgesamt aber nur rund 350.Ungefähr hundert davon besannen sich Anfang der Neunzigerjahre wieder auf die Ursprünge. "Das war wie 1945", sagt Kautzleben, "es hat nie eine Unterbrechung gegeben, wir setzen die Gelehrtengesellschaft von 1700 bis heute fort". Dieses Mal mit den Mitteln eines eingetragenen Vereins. Die Leibniz-Sozietät e.V. hat derzeit rund zweihundert Mitglieder, die in zwei Klassen organisiert sind: einer naturwissenschaftlich-technisch-medizinischen sowie einer geistes- und sozialwissenschaftlichen. Bei den Sitzungen präsentieren Mitglieder und Gäste Forschungsergebnisse, die mit Kollegen diskutiert werden. "Das ist wie Gutachterwesen", erläutert Kautzleben. "Wir fragen uns, wie gut die Resultate sind, ob man sie publizieren soll, was daraus werden kann." Die Sozietät gibt "Sitzungsberichte" heraus, in denen die wissenschaftliche Arbeit der Mitglieder dokumentiert wird, und sie fördert Forschungsprojekte.Das größte Problem dabei: Es fehlt am Geld. Die administrative Arbeit geschieht ehrenamtlich. Publikationen werden aus Mitgliedsbeiträgen finanziert und aus Spenden, die die "Stiftung der Freunde der Leibniz-Sozietät" sammelt. Im vergangenen Jahr belief sich der Etat des Vereins auf mehr als fünfzigtausend Mark. Nur: "Gelehrtengesellschaften vergleichbarer Größe verfügen über Budgets von mehreren, wenn nicht vielen Millionen", heißt es im Vorstandsbericht. Bisherige Anträge auf Fördergelder vom Senat wurden abgelehnt; ein Umstand, der bei Kautzleben sichtlich Verbitterung hervorruft. "Wir wollen ordentlich behandelt werden", sagt der Geophysiker, der wie viele seiner Kollegen im Zuge der Wende "abgewickelt" wurde. "Jeder von uns Älteren hat ja gehörige Nackenschläge bekommen." Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und damit quasi Repräsentant der Sieger, sieht das wohl ähnlich: "Mit diesen Leuten ist in nicht immer ganz vornehmer Weise umgesprungen worden." Er kann den Anspruch der Sozietät auf das Leibnizsche Erbe durchaus verstehen. Im Einigungsvertrag hatte es damals nämlich geheißen: "Die Entscheidung, wie die Gelehrtengesellschaft der Akademie der Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik fortgeführt werden soll, wird landesrechtlich getroffen." Simon betont ebenso wie die Mitglieder der Sozietät das Wörtchen "wie". "Das heißt ja nicht ,ob ", sagt Simon. Doch der damalige Wissenschaftssenator Manfred Erhardt löste die Gesellschaft auf, und der Landesgesetzgeber verfügte die Gründung einer neuen Akademie, eben der BBAW, als Erbin der Leibnizschen "Societät der Wissenschaften". Die Nachfolge ist also geregelt. Mit Simons Worten: "Der Landesgesetzgeber ist der Landesgesetzgeber."Er selbst hat ein "total unverkrampftes Verhältnis" zur Leibniz-Sozietät und empfiehlt dem Senat, den Verein auf seine wissenschaftliche Leistung hin zu prüfen und gegebenenfalls auch zu fördern. Freilich sagt Simon auch, dass die BBAW "natürlich" die legitime Erbin der Leibnizschen Gelehrtengesellschaft sei. Schon der Gründungsakt sei ja in diesem Selbstverständnis angelegt gewesen. Wer von den beiden Erben Recht hat, werde die Geschichte entscheiden, meint der BBAW-Präsident. "Das ist wie bei einer Revolution. Erst hinterher stellt sich heraus, ob es ein Putschversuch oder ein gelungener Staatsstreich war."Am morgigen Donnerstag beginnt ein dreitägiges Kolloquium an der BBAW mit dem beziehungsreichen Titel: "Die ideale Akademie: Vergangene Zukunft oder konkrete Utopie?"AKADEMIE // Gottfried Wilhelm Leibniz regte 1700 die Gründung einer "Societät der Wissenschaften" in Berlin an. Der Holzstich aus dem Jahr 1855 zeigt den Philosophen, der der erste Präsident dieser "Societät" wurde. Im Juli jährt sich die Akademiegründung zum 300. Mal.