ROM, 31. Januar. Der Fall Vacca Agusta, der die Italiener seit Wochen beschäftigt, enthält alle Ingredienzien, die zu einem guten Krimi gehören: Sex, Geld und Blut. Hinzu kommen noch ein paar zwielichtige Gestalten, die der Geschichte zusätzliche Würze verleihen. Jetzt ist die Leiche der Gräfin Francesca Vacca Agusta in französischen Küstengewässern gefunden worden. Der Fund wirft allerdings mehr Fragen auf als er beantwortet. Atemberaubend schönFrancesca Vacca Agusta, die Protagonistin der Geschichte, ist 58 Jahre alt. Bilder aus ihrer Jugend zeigen eine atemberaubend schöne Frau. Vor 30 Jahren lernt die Verkäuferin aus Genua den reichen Hubschrauberhersteller Conte Corradino Agusta kennen. 1974 heiraten die beiden trotz eines enormen Altersunterschieds. Nach dem Tod des Grafen 1989 bleibt Francesca nicht nur der Adelstitel, sondern auch die Villa hoch über Portofino im Wert von 35 Millionen Mark. Um den Rest prozessiert sie mit ihrem Stiefsohn Rocky Agusta. Erst im Vorjahr verglichen sich die beiden.Rocky ist einer der letzten Menschen, mit dem die Contessa telefoniert, ehe sie am 8. Januar spät abends aus ihrer Villa hoch über dem Hafen von Portofino bei Genua tritt. Deprimiert sei sie gewesen und etwas verwirrt, erzählt der Stiefsohn später. In ihrem weißen Bademantel sei die Frau im Regen zum Strand gegangen, werden später die drei Personen berichten, die mit ihr im Haus waren. Die Polizei zu alarmieren kam ihnen erst Stunden nach dem Verschwinden in den Sinn.Tagelang durchkämmen nun die Rettungsmannschaften das Gelände. Sie suchen die Steilhänge ab und tauchen zum Meeresgrund. Dort finden sich bald ein zerfetzter Bademantel, ein zerbrochenes Brillengestell und zwei Pantoffeln der Gräfin. Von der Frau selbst keine Spur. Nach tagelanger erfolgloser Arbeit wird die Suche eingestellt.Die Ermittler erwägen erstmals eine neue Variante: Die Gräfin könnte geflohen sein. Es wäre nicht ihre erste Flucht. 1994 entkam die Frau mit ihrem damaligen Liebhaber Maurizio Raggio knapp der Verhaftung. Die italienischen Korruptionsermittler spürten Raggio nach, weil er im Ausland illegale Millionenkonten des Sozialistenchefs Bettino Craxi verwaltet haben sollte. Raggio und die Gräfin konnten über Monaco nach Mexiko fliehen. 1997 handelten die Anwälte der Frau einen sehr vorteilhaften Vergleich aus: Sie musste weder ins Gefängnis noch eine Lire zahlen.22 Tage nach dem Verschwinden der Gräfin in Portofino erweist sich nun die Theorie der Flucht als unhaltbar. Die Polizei des französischen Küstenortes Hyères meldet den italienischen Kollegen, in der örtlichen Leichenhalle liege der Körper einer Frau. Die beiden Ringe an ihrem Finger machen die Identifizierung der übel zugerichteten Leiche möglich. Ein Rätsel bleibt, wieso die Ermittler die Leiche acht Tage lang aufbewahrten, ohne den Verdacht zu hegen, zwischen dem Fund und dem Verschwinden der Gräfin könnte ein Zusammenhang bestehen. Auch in Frankreich hatten die Zeitungen über das mysteriöse Schicksal der reichen Witwe aus dem benachbarten Küstenort berichtet. Ohne weitere Gedanken zu verschwenden ordnete man die Obduktion an, stellte zahlreiche Knochenbrüche fest, ein zertrümmertes Genick, konstatierte von Fischen abgenagte Haut und legte den Körper ins Leichenhaus.Zu den Rätseln der Geschichte gehört auch ein Brief, den die Gräfin zurückließ, als sie zum Strand ging. Er soll ihre beiden zuvor verfassten Testamente modifizieren. Der 42-jährige Maurizio Raggio, der ursprünglich Begünstigte, wird darin angeblich durch den neuen Liebhaber, den 50 Jahre alten Mexikaner Tirso Chazaro Rosario, ersetzt. Tirso war in der Villa, als die Gräfin verschwand. Noch gibt es keinen Angeklagten, doch ein Selbstmord wird immer unwahrscheinlicher.In den Lungen der Leiche fand sich kein Wasser. Es ist daher auszuschließen, dass die Frau ertrunken ist. Francesca Vacca Agusta muss tot gewesen sein, als sie ins Wasser fiel oder - geworfen wurde. Und noch etwas ist merkwürdig: Die obduzierenden Ärzte kamen zu dem Schluss, dass die Frau zum Fundzeitpunkt am 22. Januar erst seit acht Tagen tot war. Sollte eine weitere Obduktion dies bestätigen, verstärkt sich der Mordverdacht.Der Streit um das riesige Erbe der Toten hatte schon begonnen, ehe ihr Körper aufgetaucht war. Sowohl Maurizio Raggio als auch Tirso Chazaro Rosario balgen sich um die Hinterlassenschaft. Sollten weder die beiden Testamente noch der Brief als gültige Nachlassregelung anerkannt werden, käme ein Dritter zum Zug: Francescas Bruder Domenico Vacca Griffagni. Er scheint im Übrigen der Einzige zu sein, dem der Tod der Frau zu Herzen geht.Ein Bademantel und zwei Pantoffeln // Am 8. Januar verschwand die italienische Gräfin Francesca Vacca Agusta aus ihrer Villa in Portofino. Die 58-jährige Contessa verließ ihr Haus über die Terrasse, ging hinunter ans Meer und verschwand. Tage später wurden ihr Bademantel und zwei Pantoffeln von der Polizei aus dem Wasser gefischt.Die Suche nach Vacca Agusta blieb lange erfolglos. Ihre Leiche wurde an einem Strand nahe Cap Benat in Frankreich gefunden. Vacca Agustas Bruder identifizierte sie anhand zweier Ringe an den Fingern.ACTION PRESS Sehr schick und sehr, sehr reich: Gräfin Francesca Vacca Agusta.AP/RAI Der Morgenmantel der Gräfin, zerfetzt aus dem Meer gefischt.