REINICKENDORF. Michael Werner weiß genau, wo der markante Leberfleck in Robert de Niros Gesicht sitzt. Er kennt die Lippen von Sherley McLaine und die Augen von Terence Hill. Er hat sie dutzende Male gesehen: Der 52-Jährige ist Filmplakatemaler - genauer gesagt, Chef einer Firma, die Filmplakate für Kinos anfertigt. Wo auch immer eines dieser gigantischen Bilder an einem Kino in Berlin hängt - es stammt aus der Werkstatt der Firma "Werner Werbung". Es ist die letzte ihrer Art in der Stadt - und ein echtes Familienunternehmen. Exakt 67 Jahre ist es her, dass Michael Werners Vater Heinz in seinem Heimatdorf in Böhmen ein riesiges Filmplakat malte. Es war für das Melodram "Schlussakkord" gedacht, das in der Dorf-Gaststätte gezeigt wurde. Damit hatte der damals 19-Jährige seinen Traumberuf gefunden. Nach dem Krieg, in dem er vor allem Marineoffiziere und ihre Angehörigen porträtierte, verschlug es ihn nach Berlin - und noch im Sommer 1945 sprach er bei den ersten Kinos vor. Am 1. September 1945 gründete er "Werner Werbung" und malte fortan gigantische Filmmotive von Plakaten ab. Sein Sohn Michael, 1950 geboren, war allerdings alles andere als begeistert von der Arbeit des Vaters. "Ich habe ihn immer nur malend erlebt", erinnert er sich. Fast die Hälfte der Wohnung wurde als Atelier genutzt, überall standen Staffeleien. Mit zehn Jahren stand für Werner junior fest: Nie im Leben wird er Filmplakatemaler, dann lieber Koch. Doch nach vier Wochen Kartoffelnschälen im Hotel Hilton warf er das Handtuch - und fing bei seinem Vater in der Firma an. Damals gab es drei weitere Konkurrenten in Berlin - heute ist "Werner Werbung" die letzte Firma ihrer Art in ganz Deutschland. Das Prozedere der Filmplakatemalerei hat sich in all den Jahren wenig verändert - mit einer Ausnahme. Seit den 50er-Jahren wird die Vorlage nicht mehr per Hand für das bis zu 17 Meter breite Bild vergrößert, sondern mit einer Art elektrischer Lupe auf die Leinwand projiziert. Dort werden die Umrisse des Bildes dann mit Kohle abgezeichnet. "Der leichteste Teil der Arbeit", wie Michael Werner sagt. "Das kann jeder." Dann folgt die Feinarbeit: Zunächst wird die Hintergrundfarbe mit Spritzpistolen aufgetragen, erst dann werden die Gesichter gezeichnet, oft in mühevoller Kleinarbeit. "Wenn es sein muss, schaffen wir in drei Tagen zwei solcher Plakate", sagt Werner. Dann wird das fertige Stück - in einzelne Segmente geteilt und auf Holzrahmen gespannt - an den Kinos aufgehängt. Auftraggeber der Arbeiten sind die jeweiligen Kinos, die Kosten trägt meist der Verleih, der die Filme herausbringt. Doch die Rezession hat auch den kleinen Betrieb erreicht. Wo einst 20 Mitarbeiter beschäftigt wurden, arbeiten heute noch vier. Das Kinosterben vor allem in der City-West hat die Aufträge schrumpfen lassen. "Marmorhaus, Gloria Palast, Filmbühne Wien, Astor, Kurbel - die sind alle zu", sagt Werner. Früher, sagt er, sei ihm klar gewesen, dass das der Beruf ist, den er bis zur Rente ausüben könne. "Heute kann ich nicht ausschließen, dass wir eines Tages aufhören müssen." Sein Sohn und seine Tochter arbeiten nicht in der Firma - Michael Werner ist ganz froh darüber. "Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge sollen sie was machen, von dem sich auch leben lässt.""Frauen sind schwerer zu malen als Männer. Ihre Gesichter sind viel zarter. " Michael Werner, Plakatmaler.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Noch steht das neue Plakat in Michael Werners Werkstatt in Reinickendorf - am 1. Weihnachtsfeiertag wird es am Kino Cinema Paris in Charlottenburg aufgehängt.