Gerhard Beil, der frühere DDR-Außenhandelsminister, war voll des Lobes. Eine "sehr kontaktfreudige, charmante, elegante, weltläufige Dame" sei die Wiener Kommerzialrätin Rudolfine Steindling, schwärmte Beil 1991 vor der Staatsanwaltschaft. Sie verkehre in den höchsten politischen Kreisen Österreichs und habe auch in Deutschland einflussreiche Freunde. Die Ermittler zeigten sich wenig beeindruckt und erließen schon bald einen Haftbefehl gegen die Österreicherin. Interpol schrieb die damals 58-Jährige sogar weltweit zur Fahndung aus. Der Vorwurf: Untreue und Betrug. Rudolfine Steindling, bekannter als die "rote Fini", soll als Chefin der Ost-Berliner Firma Novum in der Wendezeit rund 350 Millionen Mark für die SED beiseite geschafft haben.Seitdem ist viel Zeit vergangen. Haftbefehl und Fahndungsaufruf gegen die Kommerzialrätin bestehen längst nicht mehr, die umstrittenen 350 Millionen Mark sind durch die aufgelaufenen Zinsen inzwischen auf eine Viertelmilliarde Euro angewachsen; und auch die "rote Fini" hat sich verändert: Mit den österreichischen Kommunisten, deren eng mit Moskau und Ost- Berlin verzahnten Wirtschaftsapparat sie im Kalten Krieg heimlich steuerte, hat sie nichts mehr am Hut. Stattdessen betätigt sich die Frau, deren Lebensmaxime einst hieß: "Ich mach nix, was kein Geld bringt", heute als Wohltäterin in ihrer neuen Wahlheimat Israel.An diesem Dienstag aber wird es für Rudolfine Steindling noch einmal um die alten Zeiten gehen. In Berlin, vor dem Oberverwaltungsgericht, soll sie als letzte Zeugin im Endlos-Prozess um die Firma Novum vernommen werden. Auch 13 Jahre nach der Wende in der DDR ist juristisch noch immer nicht geklärt, ob die millionenschwere Novum der SED oder deren österreichischer Bruderpartei KPÖ gehörte. Frau Steindling hat stets beteuert, die Firmenanteile an der Novum treuhänderisch für die Austro-Kommunisten gehalten zu haben. Im Prozess tritt sie deshalb auch als Klägerin auf. Denn die deutsche Treuhandanstalt hatte ihr nicht geglaubt und Anfang der neunziger Jahre die Konten mit dem Firmenvermögen der Novum beschlagnahmt. Zu Unrecht, sagt die Kommerzialrätin. Das Geld steht der KPÖ zu und nicht der Bundesrepublik. In erster Instanz kam Frau Steindling für viele überraschend mit ihrer Version durch. Im jetzigen Berufungsprozess aber stehen die Chancen für sie eher schlecht.Denn da gibt es drei Treuhanderklärungen, die sie als Inhaberin der Novum unterzeichnet hatte - Dokumente, denen das Berufungsgericht offenbar weit mehr Gewicht zumisst, als es die erste Instanz tat. In diesen Erklärungen ist als Treugeber, in dessen Auftrag Rudolfine Steindling die Novum führte, nie die KPÖ erwähnt, sondern stets die DDR-Firma Zentrag - und die gehörte der SED. Aber warum hat die "rote Fini" eine Treuhanderklärung zu Gunsten der SED unterzeichnet, wenn die Novum - wie sie sagt - der KPÖ gehörte? Einzig darum wird es jetzt vor Gericht gehen. Für Frau Kommerzialrätin und ihre Anwälte, aber vor allem für die KPÖ ist es eine Sekt-oder-Selters-Frage: Von der Antwort kann es ganz entscheidend abhängen, wem das Gericht die Novum-Millionen schließlich zusprechen wird.FOTO Rudolfine Steindling Zeugin im Novum-Prozess