MAASSER. Ein Blick nach oben, in die Baumkrone. Leichtes Schwindelgefühl bei dem Versuch, das ganze Ausmaß zu erfassen. Der Himmel ist dunkelgrün schraffiert, das Sonnenlicht verschwimmt zwischen den Nadeln zu einem pulsierenden Schimmer. Die Äste greifen in die Breite, in der Mitte der Stamm, kraftvoll und verwachsen. Um ihn zu umfassen, brauchte man ein Dutzend Männer. Der Mensch wird vor der Größe der Zeder zum Zwerg, vor ihrem Alter erst recht, und man versteht, warum diesem Baum mythische Eigenschaften zugeschrieben werden."Die Zeder hier ist etwa 3 000 Jahre alt", sagt Nizar Hani, der wissenschaftliche Koordinator des Shouf-Zedernreservats. "Es gibt Leute, die gehen so weit zu sagen, es seien 5 000, aber das kann ich als Wissenschaftler nicht bestätigen."Die Zedern des Libanon - Symbol der Einheit in einem Land, das seine tiefe Spaltung seit den Bürgerkriegsjahren (1975-1990) nicht überwunden hat. Der majestätische Baum ist im sumerischen Gilgamesch-Epos beschrieben. In der Bibel steht, dass König Salomon libanesisches Zedernholz importierte, um seinen Tempel in Jerusalem zu errichten. Mehrfach taucht der Baum im Alten und im Neuen Testament auf als Metapher für Schönheit, Lebensdauer und Gotteskraft. Psalm 92:12 zum Beispiel: "Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum; er wird wachsen wie eine Zeder im Libanon."Einst erstreckten sich die Wälder über einen großen Teil des östlichen Mittelmeerraumes, von der Südtürkei über den Libanon bis nach Syrien. Davon sind heute im Libanon nur noch 2 000 Hektar übrig, verteilt auf ein Dutzend Reservate. Die Zeder ist stark vom Aussterben bedroht. Seit dem Altertum waren verschiedene Völker am Kahlschlag beteiligt: Die Phönizier nutzten das Holz zum Bau von Kriegsschiffen und Gebäuden, der Handel mit ihm verhalf ihnen zu Reichtum und Macht. Die Ägypter nutzten das Harz für die Mumifizierung ihrer Toten. Auch die ottomanischen Türken beuteten die Wälder aus. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges fällten britische Truppen libanesische Zedern, um damit Eisenbahnstrecken zu bauen.Heute ist der Baum geschützt, seine Rodung gesetzlich verboten. "Derzeit ist die globale Erwärmung die ernsthafteste Bedrohung", erklärt Nizar Hani. "Die Zedern brauchen im Winter drei bis vier Monate Frost. Wir haben nun beobachtet, dass der Schnee von Jahr zu Jahr schneller schmilzt."Er lässt den Blick über die Berge schweifen. Ringsum erstreckt sich einer der letzten großen Zedernwälder. Durch die Äste zeichnet sich die Kette sanft geschwungener Gipfel gegen den Horizont ab. Zerklüftete Felsen auf hellbrauner Erde, Hochtäler, angefüllt mit sattem Grün. Die Zedern haben sich perfekt angepasst an das Klima, das hier auf 1 200 bis 1 800 Metern über dem Meeresspiegel herrscht."Wenn die Temperaturen steigen, werden die Zedern auf dieser Höhe nicht mehr die richtigen Lebensbedingungen vorfinden", erklärt Nizar Hani. "Wir haben im vergangenen Winter ein Experiment gestartet und zehntausend Setzlinge über der Baumlinie, auf 1800 Metern, angepflanzt. Sie haben überlebt. Das ist der Beweis Nummer eins dafür, dass sich die Auswirkungen der globalen Erwärmung bereits zeigen." Bald werde die Spezies auf immer höhere Ebenen ausweichen müssen, doch weiter als 2 000 Meter geht es im Shouf nicht hinauf. "Danach", sagt Nizar Hani, "steht dieser Lebensraum vor seiner Zerstörung."Zudem fördert die immer stärkere, länger anhaltende Hitze die Vermehrung von Schädlingen, sie bringt sogar neue Arten von ihnen hervor. Vor wenigen Jahren tauchte im Zedernreservat Tannourine eine Holzwespe auf, die nach ihrem Entstehungsort Cephalcia Tannourinensis benannt ist. Die Existenz des Waldes war bedroht, doch die Plage konnte durch Pestizide unter Kontrolle gebracht werden. "Wir tun, was wir können, um die Bäume zu bewahren", sagt Nizar Hani. "Die Zeder ist ist auf unserer Flagge, auf unseren Briefmarken, auf unserem Geld. Sie ist Teil unseres kulturellen Erbes."Doch gerade die emblematische Bedeutung der Zeder verstelle zuweilen die Sicht auf die Zusammenhänge, glaubt Rania Masri, Forstwissenschaftlerin an der Universität Balamand. "Wenn wir versuchen, eine Nation in einer Pflanze zu symbolisieren, dann haben wir ein Problem", sagt sie. "Wer die Zeder romantisiert, vergisst, dass sie nur Teil eines Ökosystems ist, das als Ganzes gefährdet ist."Der Zustand der Wälder hänge von gesellschaftlichen Fragen ab, sagt Rania Masri. Die Bevölkerung wächst, Städte breiten sich ohne staatliche Regulierung aus, urbane Ausläufer fressen sich tief in bisher naturbelassene Landschaften. Die Bewohner der kargen Bergregionen können sich im Winter weder Diesel noch Gas zum Heizen leisten und schlagen illegal Feuerholz. Immer wieder fressen Ziegen Setzlinge auf - Hirten treiben die Herden in Aufforstungsflächen, weil jede Ausweitung der Wälder auf Kosten ihrer Weideflächen geht. "Der Umweltschutz sollte nicht allein in die Zuständigkeit des Agrarministeriums fallen, auch die Ressorts für Inneres, Wirtschaft, Energie, Soziales und Industrie müssten einbezogen werden. Doch das Thema wird nicht auf diese Art angegangen", sagt Rania Masri. "Was die Regierung tut, ist absolut ungenügend."Das Landwirtschaftsministerium liegt in einem mehrstöckigen Gebäude am Südrand von Beirut. Shadi Mohanna, Direktor für ländliche Entwicklung und natürliche Ressourcen, bestätigt die Gefährdung der Zedern: "Die Bäume auf niedriger gelegenen Ebenen werden schwächer. Bald wird sich das auf die mittleren Ebenen ausweiten." Sein Haus habe wenig Möglichkeiten, eine effiziente Umweltschutzpolitik zu entwickeln, sagt er. "Unser Budget beträgt 0,3 Prozent des Staatshaushaltes - davon müssen wir alle Aufgaben bewältigen. Und uns fehlen Mittel, die Einhaltung der Gesetze auch durchzusetzen."Nizar Hani, der Forst-Experte des Shouf-Reservats, hebt einen der daumenlangen Zapfen auf und streicht über die schuppige Oberfläche. "Zedern wachsen sehr langsam, nur sechs bis sieben Zentimeter im Jahr", erklärt er. "Es dauert 40 Jahre, bis sie Früchte tragen." Dann läuft er weiter, über die weiche, dunkelbraune Erde. Kaum ein Windhauch regt sich zwischen den Bäumen, würziger, herber Nadelduft hängt in der Luft. Der Wald ist ein stiller Organismus aus Holz und Blattwerk, durchzogen von einem Adernetz, in dem es wimmelt, krabbelt, pocht. Eine Eidechse zuckt über Steine, am Himmel kreisen Raubvögel, Stacheltiere scharren im Dickicht, tiefer drinnen verbergen sich Wölfe und Hyänen.Bomben auf das ReservatDoch der Libanon ist kein Naturschutzgebiet, er ist Konfliktzone in einer ruhelosen Region. Während des Bürgerkriegs tobten auch hier, im Shoufgebirge, die Schlachten der Milizen. Schon vor Jahrzehnten übernahm Drusenführer Walid Dschumblatt die Rolle des Schutzherrn über die Zedern im Shouf. In den Kriegsjahren legte der damalige Warlord Minen in den Boden rings um die Wälder, damit die Kämpfer sich fernhielten. Mittlerweile engagiert er sich politisch und finanziell für ihren Erhalt.Auch jetzt bricht immer wieder Gewalt über das Land herein. "Wir sind noch dabei, die Schäden zu beseitigen, die der Krieg 2006 hinterlassen hat", sagt Nizar Hani. 33 Tage lang lieferten sich Israel und die libanesische Hisbollah-Miliz Gefechte. Auch im Zedernreservat gingen Bomben nieder, Israel wollte die Verbindungsstraßen in den Osten des Landes zerstören."Der Umweltschutz hat einfach keine Priorität im Libanon. Die Regierung hat mit all den politischen Problemen schon zu viel zu tun", sagt Nizar Hani und seufzt. "Zuerst brauchen wir dauerhafte Stabilität, dann können wir die Natur zum Thema Nummer eins machen."------------------------------Karte: Libanon (Shouf-Zedernreservat)Foto: Zedern bedeckten ursprünglich im Libanon etwa 50 000 Hektar Land. Heute sind es nur noch 2 000 Hektar. Der immergrüne Baum aus der Familie der Kieferngewächse kann bis zu 50 Meter hoch werden.Foto: Auf der Flagge und im Wappen des Libanon prangt die Zeder. Sie ist ein Symbol für Frieden und Einheit.