Stefan Liebich machte aus seiner Erleichterung kein Hehl. „Ich bin sehr zufrieden“, sagte der in Pankow erneut direkt gewählte Bundestagsabgeordnete aus dem Reformerlager. „Noch im Sommer letzten Jahres waren wir der Fünf-Prozent-Hürde bedrohlich nahe. Dass wir es geschafft haben, verdanken wir vor allem einem: Gregor Gysi.“ Liebichs Genosse Jan Korte fügte hinzu: „Gysi ist als Fraktionsvorsitzender unumstritten – sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Partei.“

Gegen 18.30 Uhr kam Gysi dann selbst auf die Bühne der Berliner Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg. Sofort gab es „Gregor, Gregor“-Rufe. Der rief zurück: „Wer hätte das 1990 gedacht, dass diese Partei die drittstärkste Kraft der BRD wird?“
Die Linke feierte am Sonntag einen kleinen Triumph.

Im Juni 2012 fand bekanntlich der Göttinger Parteitag statt. Es war der Gipfel der Selbstzerfleischung zwischen Ostreformern und Westradikalen. Immerhin ging aus dem Parteitag eine Doppelspitze hervor, der es gelang, die Linke im Inneren halbwegs zu befrieden: Katja Kipping und Bernd Riexinger. Nur Charismatiker sind sie beide nicht.

Schon die Nominierung des achtköpfigen Spitzenteams diente dann vor allem einem Zweck – eine Wahlkampf-Doppelspitze aus Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi zu verhindern. Seither war der 65-Jährige de facto alleiniger Spitzenkandidat. Und dankte es der Linken mit starkem Einsatz. Gysi hat zuletzt erklärt, dass er in Fahrt komme, wenn auch sein Publikum in Fahrt gerate. Das hat funktioniert. Korte sagt: „Gysi hat den Laden gezogen.“

Auf Pragmatismus trimmen

So landete die Linke ungefähr dort, wo die PDS 2005 gelandet war. Die 11,9 Prozent der letzten Wahl, das sagen alle, waren Spätfolge der Agenda 2010 und unerreichbar. Unerreichbar schien auch, so stark zu werden wie die Grünen oder sie gar zu überrunden. Dass dies gelang, grenzt angesichts der grünen Umfragen der vergangenen 24 Monate an ein Wunder.

Hinzu kommt das Wahlergebnis in Hessen. Um den Wiedereinzug in den Landtag stand es eher schlecht. Die Linke schien zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün zerrieben zu werden. Nun ist der Abwärtstrend im Westen offenbar gestoppt. Mit Spitzenkandidatin Janine Wissler bleibt eine Frau sichtbar, von der sie im Westen gern mehrere hätten – klar links und doch maßvoll.

Aus dem großen Triumph 2009 hat die Linke nichts gemacht. Sie hat die Chance verspielt. Jetzt hat sie recht unverhofft eine zweite Chance und kann sich im Falle einer großen Koalition erneut gegen die SPD profilieren, was eine gute Ausgangsposition für 2017 verspricht.

„Wir haben einen großen Auftrag bekommen – nämlich die Oppositionsführerschaft im Deutschen Bundestag“, sagte Fraktionsvize Dietmar Bartsch der Berliner Zeitung. „Den Auftrag werden wir annehmen. In besonderer Weise wird bei uns die Angleichung der Lebensverhältnisse im Osten auf der Tagesordnung stehen.“ Auf die Frage, ob sich die Linke auch selbst ändern müsse, um die Rolle ausfüllen zu können, entgegnete Bartsch: „Heute feiern wir und ändern uns nicht.“