LEIPZIG. "Ich bin nicht sicher", schreibt Richard Pound per Mail, "ob ich die Frage verstehe." Für Begriffsstutzigkeit ist der Chef der Welt-Antidopingagentur (Wada) indes nicht bekannt. Schon eher signalisiert der Wirtschaftsanwalt kultiviert sein Missfallen - gegenüber einem Kuriosum, das im deutschen Sport juristischen Bestand hat. Seit einem Jahr führt der Leichtathletikverband (DLV) einen Staffel-Weltrekord, aufgestellt 1984 von den Sprinterinnen des SC Motor Jena, mit nur drei Namen. Die Berliner Schriftstellerin Ines Geipel ließ ihren Namen streichen, um hinlänglich belegtem Zwangsdoping auch statistisch zu entkommen. "Wenn Doping bewiesen ist", schiebt Pound zum Dreierrekord nach, "sollte das Ergebnis gestrichen werden, auch Zeit und Namen der anderen 'Gewinner'."Der Deutsche Leichtathletik-Verband sieht das anders. Vor einem Jahr erledigte DLV-Präsident Clemens Prokop die über Monate mit größerer Passion geführten Debatte um die Haltbarkeit vergifteter Orientierungsmarken. "Wir können Unrecht nicht mit Unrecht tilgen", erklärte Prokop und verkündete damit das Ergebnis einer angeblichen juristischen Prüfung: Die schmutzigen Rekorde dürften ohne positiven Dopingtest nicht gelöscht werden, weil es andere Regeln erst seit 1999 gebe. Dass dies selbst für aktenkundige Resultate "strafrechtlich relevanter Körperverletzung" gilt, steht seither in einer Präambel zur DLV-Rekordliste, die auch die Vorläufigkeit der gescheiterten Selbstläuterung mitteilt: Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird darin aufgefordert, "eine für den gesamten deutschen Sport umsetzbare Lösung zu entwickeln".Gutachten ohne SchriftformNun sieht es so aus, als ob aus dem vorläufigen ein endgültiger Status wird: Die Konferenz der Spitzenverbände, in die DOSB-Präsident Thomas Bach die Sache flugs abschob, will das Thema an diesem Freitag diskret beerdigen. Die Lösungssuche erschöpfte sich im Abnicken der Rechtsauffassung, die Prokop darlegte. Mündlich, denn keines der vier Gutachten, die Prokop der Öffentlichkeit als greifbar unterjubelte, existiert tatsächlich auf dem Papier. Verewigt würden damit allein in der Leichtathletik in den verschiedenen Altersklassen 19 Weltrekorde und 135 deutsche Rekorde, die von DDR-Athleten aus dem Dopingstaatsplan 14.25 gehalten werden. Westdeutsche Dopingrekorde gibt es auch. Mehr als 80 leuchten als Vorbild auf den Anzeigetafeln, bei Junioren- und Jugendwettkämpfen, als Maß, an dem sich der Nachwuchs abrackern darf.Schon das Rechtsverständnis des Kanadiers Richard Pound kollidiert erheblich mit dem der deutschen Verbandsfürsten. "Es gab Regeln gegen Doping", sagt Pound, auch in den 80er-Jahren, aus denen die meisten der anabol beförderten Höchstleistungen stammen. "Es gab allerdings auch die Sicht, ein Verstoß könne nur durch positiven Test nach dem Wettkampf festgestellt werden." Eine falsche Sicht, fügt der Wada-Chef hinzu. Er ließe "natürlich andere Dopingnachweise" gelten - Gerichtsakten etwa, wie sie umfänglich vorliegen.Auch der renommierte Sportrechtler Christoph Wüterich - zuletzt vertrat er 2006 die Wada in Deutschland - nahm die Quintessenz der DLV-Prüfung in seiner Stuttgarter Kanzlei kopfschüttelnd zur Kenntnis: "Was darüber zu lesen war, wurde der Komplexität des Themas kaum gerecht." Mit Sozius Marius Breucker fahndete er nach Mitteln gegen die Verewigung der abstrusen Bestmarken. Ihre 32-seitige Expertise zur "Zulässigkeit der Streichung von Rekorden wegen Verstößen von Athleten gegen Doping-Verbote" lässt die Position des deutschen Sports wie eine exotisch anmutende Konstruktion aussehen. Das beginnt schon damit, dass Wüterich/Breucker den Umgang mit dem Dopingrekord eines fiktiven westdeutschen Staffelquartetts im Jahre 1984 durchspielen. Das Anwaltsgespann leidet nicht etwa an ethischen Ermüdungserscheinungen: "Das Delikt der Körperverletzung", sagt Wüterich, "können Sie als Politikum dazu denken."IAAF-Regel 148Rekordlöschung sei allein auf Grund der Basismaterie geboten: den Wettkampfregeln des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF in den 80er-Jahren. "Doping ist streng verboten", lautete Regel 144. Sie galt für jede Substanz, "mit deren Hilfe die physische und/oder geistige Beschaffenheit des Wettkämpfers künstlich verbessert wird", auch für die seinerzeit probaten anabolen Steroide. Wer sie einnahm, war nach Regel 53 zur Wettkampfteilnahme gar nicht berechtigt. Regel Nummer 148 klärte die Anerkennung von Rekorden. Dafür musste die Bestmarke in einem "nach gutem Glauben" regelkonform durchgeführten Wettkampf aufgestellt werden. Selbst wenn systematisches Doping zur Rekordvorbereitung nicht erwähnt war, widersprach es den Regeln. Genau wie, so notieren die Sportrechtler, "die Absolvierung einer Laufstrecke per Fahrrad oder des Weitsprungs mit Sprungfedern" - auch so etwas war nicht ausdrücklich verboten.Rekordlöschung also, bilanzieren Wüterich und Breucker, ist möglich. Anders als Disqualifikation. Nur für die war 1984 eine positive Probe obligatorisch, der Nachweis von "Dopingsubstanzen im Urin" (Regel 144) während des Wettkampfes. Diesen elementaren Unterschied dröselt das Gutachten detailreich auf. Eine Mühe, die sich niemand machte in der DOSB-Spitze, die dieser Tage das brancheneigene Pharmaproblem lauthals beklagt. Die Stuttgarter Expertise räumt auch mit ein paar aktuell virulenten Argumenten auf. Dopingbetrug verjährt nämlich nicht so leicht. In der Leichtathletik datiert die diesbezügliche Regel erst vom letzten Jahr; Anwendbarkeit auf frühere Zeiträume schließen Wüterich/Breucker aus. Das ist ein Rat auch an jene, die bekennende Radsportsünder vor dem Verlust ihrer Siegerhemdchen behüten wollen.Klagen von notorischen Doping-Leugnern qualifizieren die Stuttgarter überdies als mäßig Furcht erregend. Die Löschung vergifteter Bestmarken zum Beispiel verletze weder Persönlichkeitsrechte, wie etwa von Weltrekordlerin Marita Koch behauptet, noch wäre sie Sanktion - nur eine Ordnungsmaßnahme des DLV. "Ordnungsgemäße Führung" einer Rekordliste, merken Wüterich/Breucker an, betreffe nämlich gleichfalls "das Verhältnis der Verbände zum ungedopten Sportler". An die Fürsorgepflicht gegenüber sauberen Athleten erinnert auch Richard Pound. Rekorde wie der des SC Motor Jena von 1984 seien noch dazu Betrug gegenüber unwissentlich betrügenden Athleten gewesen: "Ihre moralische Integrität wurde verletzt und möglicherweise ihre Gesundheit."Selbst für Aldag & Co., die wissentlichen Betrüger, ist Besorgnis angebracht. Ihr kalkuliertes Beichten müsste allerdings als Echo einer umfassenderen Agonie gehört werden. Deutsche Sportfunktionäre sind dafür traditionell taub. Nichts zeigt das klarer als derart laxer Umgang mit dem Recht. Nur mit dem Sportrecht, wohlgemerkt.------------------------------Die RekordfrageJuli 2005: Ines Geipel, Nebenklägerin im Hauptprozess um das DDR-Staatsdoping, stellt einen Antrag auf die Löschung ihres Namens aus dem Vereinsweltrekord der 4 x 100-Meter- Staffel des SC Motor Jena von 1984.Mai 2006: Der Leichtathletikverband DLV teilt mit, auch nachweislich dopinggestützte Rekorde aus den 70er- und 80er-Jahren dürften ohne positive Probe nicht aberkannt werden, da andere Regeln erst später etabliert wurden.Juni 2006: Nachdem der DLV den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zu einer juristischen Prüfung aufgefordert hatte, will die Konferenz der olympischen Spitzenverbände das Thema Rekordlöschung am Freitag ablehnen.------------------------------Foto: Fragen der Verjährung: das Telekom-Trio des Jahres 1998 mit Bjarne Riis und Udo Bölts (jeweils dopinggeständig) und Jan Ullrich (dopingverdächtigt, v.r.).Foto: Weltrekord mit drei Namen: die Jenaer Sprintstaffel von 1984 mit Bärbel Wöckel, Marlies Göhr, Ingrid Auerswald und Ines Schmidt Geipel (v. l.)