Abends, wenn es dunkel wird, gibt es eine Zeit, die Einblicke gewährt. Es ist die Zeit zwischen dem Anschalten des Lichts und dem Zuziehen der Vorhänge. Manchmal sind es nur ein paar Minuten, manchmal ist es eine halbe Stunde. "Dann sieht man, dass hier richtige Puppenstuben entstanden sind. Das ist toll", sagt Sylvia Röder. Sie verkauft Kinderkleider und Spielzeug an einer Straße, die sie 1990 nicht einmal betreten hätte: "Damals war hier alles so schrecklich. Ich hab mich in meiner Wohnung in Lichtenberg verkrochen." Damals gab es keine Puppenstuben. Nicht an der Mainzer Straße in Friedrichshain. Zumindest nicht in 14 der 28 Häuser. Denn deren Einrichtung bestand lediglich aus "zusammengesuchtem Dreck", wie es Hans-Joachim Broberg ausdrückt. Diese Häuser waren besetzt. Sieben Monate lang. "Es war entsetzlich. Tag und Nacht nur Lärm. Vorne und hinten war hier keine Ordnung mehr drin", erinnert sich Broberg, der schon seit 1975 an der Mainzer Straße lebt.So lange wie er wohnt kaum jemand dort. "Die, die es sich leisten konnten, sind ins Grüne gezogen", sagt Broberg. Auch fast alle Hausbesetzer von damals sind weg, sie arbeiten als Bankkauffrau in Hamburg oder als Jurist im Westen der Stadt. Gekommen sind viele junge Leute, Studenten wie Sanna Schondelmayer, die an die Mainzer Straße zog, weil sie von dort aus mit wenigen Schritten am Boxhagener Platz ist, wo es auf dem Markt Biogemüse und sonntags Trödel gibt und weil der U-Bahnhof Samariterstraße nicht weit ist. "Eine nette Ecke", sagt sie. Nur mit dem Kopfsteinpflaster hat sie Probleme: "Wenn Autos drüberfahren, ist es sehr laut."Diejenigen, die früher in dem Haus wohnten, waren dankbar für das Pflaster vor der Tür. Auf den 80 Quadratmetern im vierten Stock, für die Schondelmayer 560 Euro im Monat Warmmiete bezahlt, lagerten 1990 Berge von Pflastersteinen. "Die haben die Straße aufgerissen und die Steine als Munition hinter den Fenstern gebunkert", erzählt Hans-Joachim Broberg. "Als die Polizei kam, hab ich dann ein Steinchen nach dem anderen runtergeworfen", gibt Reiner Wenger freimütig zu. Mit Gleichgesinnten ist der heute 40-Jährige, der sich als "Anarchokommunist" bezeichnet, damals in einem Bus von Würzburg nach Berlin gefahren. "Wir wollten den Genossen helfen, damit die besetzten Häuser bleiben", erklärt er.Reiner Wenger kam in der Nacht von Dienstag, 13. auf Mittwoch, 14. November 1990 in Friedrichshain an. In der Mainzer Straße herrschten bereits "bürgerkriegsähnliche Zustände", wie es der damalige Polizeipräsident Georg Schertz ausdrückte.Am Montag, 12. November 1990 hatte die Polizei besetzte Häuser in Lichtenberg und Prenzlauer Berg geräumt - danach kam es in der Mainzer Straße zu Solidaritätsdemos, die schließlich damit endeten, dass mittwochs mehr als 3 000 Polizisten die Straße stürmten. "Die Tage zuvor haben sie es ja nicht geschafft, da waren sie unterbewaffnet", urteilt Broberg. Die Besetzer hatten eine Straßenbahn zur Barrikade umfunktioniert und mit einem geklauten Bagger Straßengräben ausgehoben. 417 Personen wurden während der Räumung festgenommen, auch Reiner Wenger. "Aber zwei Tage später war ich wieder in Würzburg."Zuvor waren die Vermittlungsversuche der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gescheitert. Während die "Ost-Jugendlichen", wie der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain (WBF), Peter Norden, sagt, verhandlungsbereit gewesen seien, seien die aus dem Westen "richtige ideologische Hardliner" gewesen - und sie waren klar in der Mehrheit. Anwohner beklagten damals in einem Brief an den Ost-Berliner Bürgermeister, dass es eine "Bildung von Banden aus dem Westen in großem Maße" gebe.Der Häuserkampf führte zwei Tage später zum Ende der rot-grünen Koalition unter Walter Momper. Renate Künast, damals Vorsitzende der Alternativen Liste, verkündete am Freitag, 16. November 1990, den Ausstieg ihrer Partei aus der Regierung. Die Basis hatte das gefordert. Bei den Gesamtberliner Abgeordnetenhauswahlen kurz darauf verlor die SPD so stark, dass sie als Juniorpartner mit der CDU eine große Koalition einging.Davon, dass an dieser Straße die rot-grüne Regierung zerbrach, sprechen heute nur noch Reiseführer, die ab und an mit Touristen durch die Mainzer Straße fahren. "Sonst merkt man davon nichts", sagt Student Viktor, der dort wohnt. "Es ist einfach eine coole Straße, so ein bisschen wie Kreuzberg früher."Reiner Wenger ist inzwischen aus Würzburg nach Berlin - und an die Mainzer Straße - zurückgekehrt: Gemeinsam mit dem Heilpraktiker Stefan Reiber eröffnete er dort den Laden "Andersland". Während sich Reiber auf Akupunktur spezialisiert, macht Wenger Tätowierungen. "Es wäre nett, wenn die besetzten Häuser noch hier wären", sagt Wenger. Er vermisst Besetzerprojekte wie das Kinderkino, die Tuntenshow oder den Infoladen. Geblieben sind nur die Gebäude. Diese Häuser an der Westseite der Straße, die damals fast alle besetzt waren, hätten eigentlich abgerissen werden sollen. Nach dem Willen des DDR-Regimes sollten dort Plattenbauten wie an der nahen Colbestraße entstehen. Leer gezogen waren die Wohnungen bereits, "doch dann fehlte dem System die Kraft", wie WBF-Geschäftsführer Norden sagt. Am 29. November 1989 erließ die Modrow-Regierung einen Abriss-stopp. Fünf Monate später kamen die Besetzer.25 Millionen Euro fürs SanierenAls diese vertrieben waren, ging alles ganz schnell: "Zunächst wollte der Senat, dass wir die Häuser zumauern, aber dann konnten wir die Politiker überzeugen, sofort zu sanieren", erinnert sich Hans-Jürgen Träger, heute Vorstandssprecher der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag und damals Prokurist bei der GSW. Diese Gesellschaft war nach dem Mauerfall der Friedrichshainer Wohnungsbaugesellschaft als "West-Partner" zugeordnet worden. Rund 25 Millionen Euro zahlte der Senat damals für die Instandsetzung der Häuser an der Mainzer Straße. Die Alteigentümer erhielten 1992 sanierte Gebäude mit Zentralheizung, schicken Fassaden und neuen Balkonen zurück. Zahlen mussten sie bislang nichts für die Sanierung. Denn nur Kosten, die sich kaufmännisch rentieren, müssen zurückgezahlt werden. Wie viel das ist, entscheidet sich nach zehn Jahren. Diese Zeit ist nun zwar um, doch der Senat hat trotzdem noch kein Geld bekommen. "Denn die Häuser gehörten einerseits privaten DDR-Bürgern, mit denen der VEB Kommunale Wohnungsverwaltung Friedrichshain privatrechtliche Verträge hatte", sagt WBF-Jurist Thomas Ruhland, "zum Teil wurden die Häuser aber zwangsverwaltet, weil die Eigentümer Republikflüchtlinge waren. Und teilweise waren sie enteignet und in staatlicher Verwaltung." Inwiefern sich die unterschiedlichen Rechtsformen auf die Rückzahlung der Sanierungskosten auswirken, darüber wird noch gestritten. Ein Problem ist auch, dass die Zuschüsse nicht im Grundbuch abgesichert sind und die Häuser inzwischen meist weiterverkauft wurden. "Wir haben das Gebäude lastenfrei übernommen", sagt ein Eigentümer. "Das war ein gutes Geschäft." Von ihm kann der Senat kein Geld fordern, er muss sich an diejenigen halten, die damals als Alteigentümer die Häuser bekamen."Aber das wird so gut wie unmöglich sein", meint ein Insider. "Man muss sich damit abfinden, da sind jetzt Millionen weg - man hat sie eben für einen politischen Effekt ausgegeben, weil man keine besetzten Häuser wollte. Letztlich hat man damit ein gutes Dutzend Privatleute glücklich gemacht. Aber Geld war damals ja genug da."Eine Pizza für 4,10 EuroInzwischen ist das Geld knapp geworden. Auch an der Mainzer Straße. "Die Gegend verkommt zum Armenviertel", beobachtet Anwohner Broberg. "An manchen Tagen", sagt Reisebürobesitzer Nesat Daloglu, "kommt nur ein Kunde und kauft ein billiges Flugticket". Acht Läden stehen an der 300 Meter langen Straße leer - selbst bei Mietpreisen von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter will sie keiner haben. "Es ist eine tote Straße, die Leute laufen nur durch oder kaufen mal ein Dosenbier", klagt Lebensmittelhändler Nguyen Thong. Abends sitzen die Biertrinker im Dönerladen an der Ecke: "Hier kostet ein halber Liter 1,20, gegenüber in der Kneipe kosten 0,3 Liter 1,30 Euro", rechnet der arbeitslose Agrotechniker Detlef Garnetz vor. Preise sind hier ein Argument. Deshalb gibt s im Restaurant "Fliegender Teppich" schon für 4,10 Euro eine Pizza. Wirt Bilal Ilhan kam 1992 mit seinen Eltern an die Straße - als diese dort einen Dönerladen eröffneten. "Damals gab es hier nichts, keine Bäckerei, keinen Kiosk", sagt Ilhan. Ein paar Jahre später gab s an jeder Ecke einen Dönerladen. "Die Umsätze gingen zurück, wir mussten uns was einfallen lassen." 1999 verwandelte die Familie den Imbiss in ein Restaurant. Nun essen dort vor allem Studenten. "Wenn sie nach der Überweisung der Miete noch etwas übrig haben, kommen sie manchmal auch zu uns", sagt Bayram Krüger, der ein paar Häuser weiter im Plattenladen Techno-Sound auf Vinyl verkauft. Ab und zu bringt er japanische Touristen zum Staunen: "Die wundern sich, dass es in Deutschland noch Langspielplatten gibt." Krüger arbeitet gerne an der Mainzer Straße - ein Stück weit weg von der umtriebigen Simon-Dach-Straße, "wo man eh nur Stuttgarter Studenten trifft". Solche Berührungsängste kennt Heidi Krentz, die gegenüber seit acht Jahren einen Teeladen hat, nicht: "Man muss das Sortiment nach den Kunden ausrichten." Als im U-Bahnhof Samariterstraße viele Punks bettelten, nahm sie grelle Haarfarben ins Sortiment auf. "Wenn die genug geschnorrt hatten, kamen sie zu mir." Inzwischen gibt s bei ihr auch kitschige Figürchen und handgeformte Keramikvasen - alles was eben passt zu einer richtigen Puppenstube.Drei Straßen - ein Name // Mainzer Straßen gibt es in Berlin gleich dreimal. Alle wurden Ende des 19. Jahrhunderts nach der Stadt Mainz in Rheinland Pfalz benannt.Die Friedrichshainer Mainzer Straße ist 300 Meter lang und führt von der Frankfurter Allee zur Boxhagener Straße. Die Mainzer Straße in Neukölln reicht von der Karl-Marx-Straße bis zur Rollbergstraße, die Mainzer Straße in Wilmersdorf beginnt am Bundesplatz und endet an der Koblenzer Straße.14 Häuser waren an der Mainzer Straße in Friedrichshain 1990 besetzt. Sie wurden am 14. November 1990 geräumt - dabei kam es zu schweren Ausschreitungen. Die Alternative Liste verließ daraufhin die rot-grüne Koalition unter Walter Momper."Es ist einfach eine coole Straße - so ein bisschen wie Kreuzberg früher. " Viktor, Student.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Die Häuser an der rechten Seite der Mainzer Straße waren 1990 fast alle besetzt - inzwischen sind sie saniert und gut vermietet. Nur Läden stehen leer.DPA/ALTWEIN 14. November 1990: Mit Wasserwerfern bahnt sich die Polizei einen Weg.DPA/KUMM Die Hausbesetzer hatten sich hinter Barrikaden verschanzt.