Aufgabe der Sprachwissenschaft ist eigentlich die Erforschung der Sprache, nicht ihre Veränderung. Daß die am Mannheimer "Institut für deutsche Sprache" angesiedelte "Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung" ein anderes Wissenschaftsverständnis pflegt, wird jedesmal deutlich, wenn sie alle zwei Jahre ihre "vertraulichen" Ausarbeitungen an die Kultusministerkonferenz (KMK) abliefert. Die Grundzüge des vierten Geheimberichts sind uns nun bekannt.Die Kommission ist von der KMK damit betraut worden, auf die "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum" hinzuwirken. Diese Aufgabe zu erfüllen ist unmöglich, da die zu Beginn des 20. Jahrhunderts herbeigeführte Einheit der deutschen Orthographie durch die Reform zerstört wurde; was nicht existiert, kann auch nicht bewahrt werden. Die Verantwortlichen sehen das natürlich anders. So haben sie die Rückkehr der FAZ zur herkömmlichen Rechtschreibung nur als "kurzzeitige Irritation" wahrgenommen. Sie vertrauen auch darauf, daß die Lehrer in Zukunft lieber zu Benjamin Lebert als zu Günter Grass greifen werden.Was das mangelhafte Regelwerk selbst betrifft, so glaubt die Kommission ihrem Auftrag zur "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung" durch die Einführung immer neuer Schreibvarianten gerecht zu werden. Diesmal sind es unter anderem "ohne Weiteres", "vor Kurzem", "die Meisten" und "8-fach", die neben "ohne weiteres", "vor kurzem", "die meisten" und "8fach" treten sollen. Das auffällig kontraproduktive Verfahren der Kommission rührt daher, daß sie um keinen Preis eine einmal beschlossene Festlegung wieder rückgängig machen will. Aufgrund dieser Vorgabe darf sie selbst die erfolglosesten ihrer Wortschöpfungen nicht mehr aus dem Verkehr ziehen. Suchmaschinen bieten heute eine bequeme Möglichkeit, die Akzeptanz der Rechtschreibreform anhand der Häufigkeit fakultativer Neuschreibungen statistisch zu beschreiben. Auf einen "Jogurt" kommen gegenwärtig ungefähr 25 Joghurts, auf einen "Tunfisch" 40 Thunfische. Für Linguisten von besonderem Interesse: Auf ein "Fonem" kommen 120 Phoneme. Das ist ein Verhältnis, das schon in die Nähe berüchtigter Falschschreibungen gerät, denn auf 150 Originale kommt ein "Orginal".Eklatant falsch ist bekanntlich auch die von den Reformern aus Unkenntnis der Sprachgeschichte eingeführte Schreibung "Leid tun". In einer vom Sekretariat der KMK angefertigten Beschlußvorlage heißt es dazu: "Für den Fall Leid tun wird die neue zusätzliche Variante leidtun (wie teilnehmen, kundtun ) eingeführt. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass sich eine eindeutige Entscheidung für adjektivischen und substantivischen Gebrauch nicht treffen lässt." Tatsächlich liegen die Verhältnisse klar zutage: Das Substantiv "Leid" hat sich aus dem älteren Adjektiv "leid" entwickelt, welches in den Wendungen "leid sein" und "leid tun" fortlebt. Daß die Großschreibung "Leid tun" abwegig ist, läßt sich jedem Wörterbuch der deutschen Sprache entnehmen, das noch nicht im Sinne der Reformer umgeschrieben ist.Lakonisch stellte die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft 1997 fest, daß die "amtliche Regelung" der deutschen Rechtschreibung nicht dem Stand der Forschung entspreche. Genaugenommen fällt sie hinter den Erkenntnisstand des 19. Jahrhunderts zurück. Denn schon Konrad Duden hatte darauf hingewiesen, daß die "Hinzufügung einer nähern Bestimmung" die Desubstantivierung von "Recht" in "recht haben" deutlich vor Augen führt. Damit hatte er "vollkommen recht" - hier "vollkommen Recht" zu schreiben, wäre grammatisch "vollkommen Unsinn". Die Reformer rührt dies nicht; sie glauben ohnedies, daß künftige Generationen die Kleinschreibung erkämpfen werden.Für die nähere Zukunft fordert die Kommission, weniger einschneidende Änderungen auch ohne vorherige Konsultierung der politischen Gremien beschließen und durchsetzen zu können. Da in der genannten Vorlage nicht definiert ist, welche möglichen Eingriffe "von grundsätzlicher Bedeutung und Tragweite" und damit weiterhin zustimmungspflichtig wären, würde ein entsprechender Beschluß der KMK die Kommission ermächtigen, eine Vielzahl bisher gescheiterter Vorschläge sukzessive einzuführen. Der Weg wäre grundsätzlich frei für "Ältern, Apoteke, Flopp" und "Pitza", denn keine dieser Schreibungen ist mit den Paragraphen des 1996 abgesegneten Regelwerks unvereinbar.Oft wird beklagt, dass Entscheidungsträger beratungsresistent seien. Es gibt allerdings Situationen, in denen ausnahmsweise einmal Politiker gefragt wären, die resistent gegen die eigenen Berater blieben. Das nächste Zusammentreten der Kultusministerkonferenz Anfang März zählt dazu.Der Autor ist Verfasser von "Rechtschreibreform und Nationalsozialismus" (mit Hanno Birken-Bertsch; Wallstein, Göttingen 2000). Auf seinen Wunsch erscheint sein Text in alter Rechtschreibung.Foto: Scrabble spielen wird jetzt einfacher! Die Schreibvarianten nehmen zu.