Herr Demnig, 1997 haben Sie in Berlin die ersten 55 Gedenksteine ins Straßenpflaster eingesetzt. Was war der Anlass für Ihre "Stolpersteine"?Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst initiierte das Projekt "Künstler forschen nach Auschwitz". Ich entschied mich für die Stolpersteine. Eine Genehmigung hätte jedoch drei Monate gedauert, weshalb ich die Steine illegal eingesetzt habe. Mittlerweile gibt es hier über 1 000 Steine - legal verlegt.Es scheint, Ihr Projekt findet nur positive Resonanz. Touristen und Berliner sind begeistert.Das stimmt so nicht. Mittlerweile habe ich zwei Morddrohungen erhalten. In München wurden die Steine mit der Begründung abgelehnt, "es werde ja schon genug für die Opfer des Nationalsozialismus getan". Auch den Vorwurf, durch meine Stolpersteine würde das Gedenken an die Opfer mit "Füßen getreten", kann ich nicht verstehen. Dann müsste man auch den Petersdom schließen. Schließlich läuft man dort auf alten Gebeinen herum.Warum setzen Sie die Steine in den Boden, nicht etwa in Hausfassaden?Für die Fassaden würde man nie eine Genehmigung bekommen. Der Grund ist aber ein anderer. Um die Inschrift der Steine auf dem Gehweg lesen zu können, müssen sich die Menschen bücken. Sie verbeugen sich damit vor den Opfern. Indem jeder über die Steine läuft, wird auch die Erinnerung blank poliert. Diese Idee war der ursprüngliche Ansatz meines Projektes.Wer finanziert das Projekt?Mit keinem Cent der Staat. Die Stolpersteine werden durch Patenschaften und private Spenden ermöglicht. 95 Euro kostet ein Stein.Ihr Ziel war es, sechs Millionen Steine zu verlegen, für jedes Opfer einen. Wie viele sind es momentan?Dieses Ziel hatte ich nie. Derzeit sind in 113 deutschen Städten mehr als 6 500 Steine vorzufinden.Ihr Erfolg wird honoriert. Heute halten Sie den German Jewish History Award und das Bundesverdienstkreuz in den Händen.Am meisten freue ich mich über die Reaktionen seitens der Angehörigen der Opfer. Wenn Menschen aus Australien oder Afrika mir sagen, dass sie wieder nach Deutschland wollen, weil die Stolpersteine liegen, hat sich das Projekt gelohnt.Das Gespräch führte Anna Maierski.------------------------------ErinnerungsarbeitSeit 1996 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig "Stolpersteine" in ganz Deutschland. Er erinnert damit vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer an die von den Nazis vertriebenen und ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Verfolgten.Zehn mal zehn Zentimeter sind die Messingtafeln groß. Sie sind auf in den Boden eingelassene Betonquader angebracht.Die Aufschrift lautet z.B. "Hier wohnte Helene Wald, deportiert am 8.7.1942, ermordet in Treblinka."Weitere Informationen: www.stolpersteine.com------------------------------Foto: Gunter Demnig, Künstler