Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" zählt über sechzig von Militärs in Tschetschenien getötete Zivilisten: Die russische Justiz ermittelt gegen russische Soldaten

MOSKAU/BERLIN, 1. März. Russlands Justizminister Juri Tschaika will "etwa ein Dutzend" Ermittlungsverfahren gegen Russen wegen mutmaßlicher Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien einleiten. Unter den Verdächtigen seien auch russische Soldaten, sagte Tschaika am Mittwoch in Straßburg, wo er mit Vertretern des Europarats zusammentraf.Von russischer Seite ist dies nicht die erste Ankündigung, die mittlerweile zahlreich dokumentierten Fälle von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien untersuchen zu wollen. Die russische Justiz hatte bereits für Anfang Januar einen Bericht angekündigt, der den Anschuldigungen der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" nachgehen sollte. Diese hatte dem russischen Militär vorgeworfen, nach der Einnahme der Ortschaft Alchan Jurt nahe der tschetschenischen Hauptstadt Grosny siebzehn Bewohner exekutiert zu haben. Aufgeklärt sind die Vorfälle in Alchan Jurt und anderen tschetschenischen Dörfern und Städten jedoch bis heute nicht.Der Bericht über die Tötung von Zivilisten in Tschetschenien, den "Human Rights Watch" Anfang Februar vorlegte, kritisiert vielmehr, dass die russischen Behörden im Fall Alchan Jurt weder "ernsthafte Ermittlungen" einleiteten, noch dafür sorgten, dass sich in der Folge Übergriffe der russischen Armee auf Zivilisten nicht wiederholten. Über sechzig von russischen Militärs getötete Zivilisten hat "Human Rights Watch" in den vergangenen vier Monaten gezählt. "Die Mehrzahl der Opfer waren Tschetschenen, in der Hauptsache Männer", sagt Malcom Hawkes, ein Mitarbeiter von "Human Rights Watch" in Moskau. Der Bericht dokumentiert neben Exekutionen zahlreiche weitere Übergriffe, Folterungen und Plünderungen inbegriffen.Die Organisation beobachtet das Vorgehen der russischen Armee in Tschetschenien seit Anfang November vergangenen Jahres. "Die Menschenrechtsverletzungen reichen von der gezielten Bombardierung ziviler Ziele über Massaker an der Bevölkerung bis zu Folterungen in den russischen so genannten "Filtrationslagern", besonders in dem berüchtigten Lager Tschernokosowo im Norden Tschetscheniens", berichtet Malcom Hawkes. "Die Vorgänge in diesen Lagern sind unbeschreiblich", sagt die Direktorin der Abteilung Europa und Zentralasien, Holly Cartner: "Wir sahen die gleichen Misshandlungen und Folterungen wie im ersten Tschetschenien-Krieg."Ihre Informationen bezieht die Menschenrechtsorganisation aus Interviews, die Mitarbeiter mit tschetschenischen Flüchtlingen in der Nachbarrepublik Inguschetien führen. "Wir haben zahlreiche Überlebende interviewt, denen es gelungen ist nach Inguschetien zu fliehen", sagt Hawkes, "in den Flüchtlingslagern und an den Grenzübergängen nach Inguschetien." Die Flüchtlinge werden "unabhängig und getrennt voneinander befragt. Wir versuchen, die Vorgänge aus den Berichten der Augenzeugen zu rekonstruieren. Vielfach ist uns das gelungen. Die Aussagen der Zeugen widersprechen einander nicht", sagt der "Human Rights Watch"-Mitarbeiter.Die russischen Behörden reagierten auf die Berichte von "Human Rights Watch" bislang stets mit dem Vorwurf, die Organisation betreibe anti-russische Propaganda. Ihre Arbeit in den Flüchtlingslagern sei jedoch von russischer Seite nicht behindert worden, sagt Malcom Hawkes. Allerdings sei der Organisation der Zugang zu tschetschenischem Territorium bis heute verwehrt worden.Nach Angaben des Menschenrechtsbeauftragten des Europarates, Alvaro Gil-Robles, besucht gegenwärtig eine Delegation des Antifolterkomitees des Europarates das Filtrationslager Tschernokosovo. Gil-Robles, der in dieser Woche Grosny besuchte, sprach von großen Bemühungen der russischen Behörden der tschetschenischen Bevölkerung zu helfen. Vorwurf an GeheimdienstDas russische Innenministerium relativierte am Mittwoch Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Krieges. Die jüngste Offensive gegen die letzte Rebellenhochburg in Schatoj sei zwar ein bedeutsamer Sieg gewesen, Partisanen-Gruppen könnten den russischen Truppen jedoch noch länger zu schaffen machen. Der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow und seine Kommandeuren seien mit jeweils mehreren Dutzend Kämpfern entkommen. Der Kreml will sie nun mit Hilfe von Interpol dingfest machen. Der über drei Wochen in Tschetschenien verschollene Journalist Andrej Babizki ist dort nach eigener Einschätzung von Agenten des russischen Geheimdienstes FSB festgehalten worden. In einer Pressekonferenz in Moskau sagte Babizki am Mittwoch, er habe zwar keinen eindeutigen Beweis dafür, aber es gebe viele Argumente, die diese Theorie stützten. Ein FSB-Sprecher wies den Vorwurf zurück. (mit AFP)GROSNY Augenzeugen // Der Bericht der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" befasst sich vornehmlich mit den Berichten von Augenzeugen der Kämpfe um Grosny.Dokumentiert werden Massaker an Zivilisten und Plünderungen in dem Stadtbezirk Staropromyslowski.Russische Armeean- gehörige sollen Zivilisten unter anderem gezwungen haben, die Leichen gefallener russischer Soldaten aus vermintem Gelände zu bergen.Auch Übergriffe tschetschenischer Kämpfer auf Zivilisten dokumentiert der Bericht.Dem Report ist ein dringender Aufruf an die russische Regierung und internationale Organisationen vorangestellt, die Zivilbevölkerung zu schonen und dafür zu sorgen, dass Exekutionen, Folterungen und Vergewaltigungen in Tschetschenien umgehend beendet werden.ihttp://www. hrw. org