Haben Sie Allüre? Die sollte man haben diesen Sommer, wenn man mittanzen möchte im Modereigen und in seinen Pumps vom letzten Jahr nicht alt aussehen will. Hauptsache der Auftritt ist furios. Glamour, Luxus, Eleganz. Kaschmir, Samt und Seide. Allüre ist so etwas wie das Gegenteil von Allüren, der Mensch als Gesamtkunstwerk, das Leben als Inszenierung. Marlene Dietrich, Maria Callas, Oskar Wilde als Prototypen. Stil ist wichtiger als Ernsthaftigkeit, hat letzterer einmal gesagt. Die Zicken von gestern sind die Stars von heute, will uns die Modebranche weismachen. Und ihre Multiplikatoren sorgen dafür, dass das neue Lebensgefühl auch wirklich unter die Leute kommt. "Vogue" etwa titelt in Mintgrün: "Allüre von A Z, Die neue sexy Magie" und "Marie Claire" informiert: "Das neue Modegeschöpf ist eine sinnliche Mischung aus Botticelli und HipHop-Rapper Puff Daddy. New Romance plus Glamrock, ein moderner Stilmix, der auf Wolken von transparentem Chiffon und Mousseline einschwebt und bereits am helllichten Tage mit Pailletten und bunten Strass-Stickereien glitzert." Das muss man sich mal vorstellen, morgens in der U-Bahn, auf dem Weg zu Arbeit oder besser noch: zurück, bepackt mit Plastiktüten, voller Fressalien für die liebe Familie. Dabei ist die Botschaft doch ganz schlicht: Die Modewelt hat das Luxusweib wieder entdeckt und kleidet es in Tuch von erlesener Eleganz. Und sie gibt dem Kind einen Namen, denn letztendlich ist "Allüre" doch auch nur ein Wort. Wem es zu anstrengend ist, sich als Gesamtkunstwerk zu gestalten, dem bietet die Frühjahr- und Sommermode genügend andere Möglichkeiten, gemäß Nino Cerrutis Aufforderung: Lebe den Augenblick, folge deiner Inspiration. Die Farben der Folklore etwa, das Feuer der Karibik, den Sexappeal der Hot Pants. Alles war schon einmal da: die Punkte, die Streifen, die Karos. Die Jeans, das Leder, der Strick. Aber was sonst erwarten wir eigentlich von der Mode? Endlich kommt wieder Farbe in unser Leben, jubeln die Moderedakteure nach Jahren, in denen sie nur Schwarz gesehen haben. Pink, Grün, Blau. Flower-Power-Heiterkeit. Die Pullover sind transparent, die Hemden tief geschlitzt, unter hauchzarten Geweben blitzen blanke Busen, nichts scheint verboten, alles ist erlaubt. Globalisierung total.Hoch-Zeit für Werbetexter, sollen sie uns doch suggerieren, dass hinter dem Chaos der Möglichkeiten die eine tiefe Idee, das ultimative Zeitgeistgefühl steckt. Da sprudeln die Wortkaskaden, da gehen im Überschwang des Eifers die Bilder durch. "Zuckersüß" sei die Damenkollektion von Cerruti, steht im Werbematerial. "Ein Potpourri verschiedener Kulturen genießt ein Picknick an der Rivera. Duftige Farben erhellen geheimnisvolle Schatten. Rosenknospe auf Efeu, Glyzinie auf Pflaume. Minze, Limonade, Lakritze."Während man sich bei der Damenkollektion dem "Reiz des Kunterbunten" hingibt, preist die Herrenkollektion hingegen die "Ästhetik der postindustriellen Gesellschaft": "Lässig Formelles und vornehm Informelles können von gleich hoher Qualität sein. Formell-Informell definiert, wie zwei Lebensauffassungen zu einer werden und eine andere, neue Art, den eigenen Lebensstil zum Ausdruck zu bringen. Eine Kollektion des Innehaltens und der Qualität, des Tempos und der Technologie." Sind noch Fragen offen?Andererseits, hat sich je bei einem Modeschöpfer jemand beschwert, dass man sein Kleid nicht tragen kann? Warum also sollte man von einem Wortschöpfer eine verständliche Anleitung zum Einkauf verlangen? Der Wortschöpfer verkauft eine Philosophie. So viel scheint klar, in diesem Sommer geht es um die Vereinbarkeit des Unvereinbaren, um die Versöhnung der Gegensätze. Von der "scheinbaren Normalität der Extravaganz", lesen wir, und dass "die neue Sommerkleidung nicht sexy zugeschnürt, sondern sexy entspannt" sei, oder welche Überraschungen uns erwarten, wenn die neue Daniel Hechter Damenkollektion der Herrenkollektion begegnet: "Weiß begegnet Schwarz, Naturfasern begegnen High-Tech-Materialien, klassische Cuts begegnen raffinierten Details." "Joie de vivre!" jubiliert auch Escada. "Es ist der Gegensatz, der Interesse erweckt. Sogar die einfachsten Linien bestechen Leoparden-Devorés im Dschungel-Look, Slinky Dresses mit Blumenmustern und ausgewählte Spitze." Und dass man auch schlichtes Schuhwerk wie ein kompliziertes Geheimnis beschreiben kann, sei hier belegt, da geht es um "Mary-Janes, Slippers, Mules und Slings auf flexiblen Böden in weichem Vitello, die absolut high street fashion tauglich sind." Der kategorische Imperativ der Firma Hudson tanzt da absolut aus der Reihe: "Think pink".Die Zukunft hat begonnen, alles ändert sich, ja selbst "die Silhouette der Frau ist nicht länger an traditionelle Bekleidung gebunden, sondern setzt sich bevorzugt aus ihren Merkmalen geprägt von ihrer starken Persönlichkeit zusammen." Die Frau, die sich von Gai Mattiolo anziehen lässt, ist "bereit für ein Leben zwischen Wolkenkratzern und Multimillionären." Bereit sein ist alles. Man weiß es längst. Und vielleicht kommt ja mal ein Millionär vorbei