LUOSHUI. Zwei Jungen stürmen hinaus auf die Straße und halten die Hand auf. Sie verlangen ein paar Yuan Parkgebühr von den Fremden. Die haben schließlich ihren Wagen am Straßenrand gleich vor ihrem Haus abgestellt. Doch die Besucher lehnen ab. Die Jungen treten den Rückzug an. Eine alte Ziegenhirtin treibt ihre Herde an dem Auto vorbei. Sie krümmt sich über ihren Ast, den sie als Gehhilfe nutzt, und streckt ihre linke Hand aus. "Fotos machen kostet", sagt sie. Als sie zurückgewiesen wird, beginnt sie zu schimpfen. Die Erwartungshaltung der Menschen rund um den Lugo-See, der sich in die malerische Berglandschaft im Südwesten Chinas einbettet, ist eben enorm gestiegen.Seit geraumer Zeit strömen massenhaft chinesische Touristen in diese Gegend und bringen Geld mit. Fast 100 000 Gäste pro Jahr dürften es inzwischen sein. Sie wollen das Volk der Mosuo kennenlernen - jenes geheimnisvolle Volk, in dem die Frauen alle wichtigen Entscheidungen treffen. Jenes Volk, in dem die Frauen die Familien versorgen, zumeist mit harter körperlicher Arbeit. Jenes Volk, in dem die Frauen nicht heiraten, sondern die Liebhaber so oft wechseln dürfen, wie sie wollen, ohne dass die Nachbarn die Nase rümpfen.Einige Touristen kommen vor allem wegen der Sache mit den Liebhabern hierher, weil sie auf ein schnelles Abenteuer mit einer Mosuo-Frau hoffen. Häufig teilen sie den Damen ihre Wünsche unverblümt mit. Meistens stoßen sie auf Ablehnung.Zudringliche Besucher"Diese Männer machen mich sehr wütend. Sie glauben, dass man uns leicht haben kann. Dabei wollen wir einen Mann doch auch erst einmal gut kennenlernen, bevor wir uns mit ihm einlassen", sagt Ache Lacu. Sie ist Mitte 20, hat ausgeprägte Wangenknochen, große, dunkle Augen in Mandelform und trägt die langen schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten. Sie hat sich in die traditionelle Kleidung der Mosuo gehüllt, weil an diesem Abend eine Tanzvorführung für die Touristen geboten wird. Ansonsten trägt sie Jeans.Einer der Gäste hat penetrant versucht, sie zu umarmen. Also hat sie sich lieber aus dem tanzenden Kreis zurückgezogen. "Ich wäre schon bereit für ein Abenteuer", sagt der Mann. Etwas Alkohol scheint ihm seine Hemmungen genommen zu haben. Von dem Ritual, sich beim Händchenhalten mit dem kleinen Finger gegenseitig die Handfläche zu kitzeln, um Bereitschaft zu intimer Nähe zu signalisieren, hat er nie etwas gehört.Auch wenn dieser Mann an diesem Abend erfolglos den schnellen Sex sucht, so ist es dennoch mehr als ein Gerücht, dass in den Tälern der Mosuo kurzzeitige Liebschaften angeboten werden. "Es gibt Frauen, die sich regelrecht prostituieren", sagt der Schweizer Christoph Müller, der in Peking lebt und Reisen in die Region organisiert. Für die Mosuo-Damen seien zahlreiche Intimkontakte gesellschaftlich verhältnismäßig unproblematisch, weswegen einige aus der Lust der Touristen eine lukrative Einnahmequelle machen würden, erklärt Müller. Manchmal böten sich bereits Minderjährige an. Und einige der Damen seien keineswegs Mosuo, sondern Han-Chinesinnen, die davon Wind bekommen haben, dass sich zahlungswillige Freier in der Gegend tummeln.Die große Mehrheit der Mosuo-Frauen, die nicht unmittelbar in den Tourismus-Zentren am Seeufer leben, verdient ihr Geld jedoch nicht mit Prostitution. Sie arbeiten auf dem Feld, stellen Wolle her und weben Teppiche oder betreiben kleine Lebensmittelgeschäfte. Sie sorgen in der Regel für den Lebensunterhalt der Familien, während die Männer nicht mehr tun als nötig. Finanzielle Unterstützung könnten die Mosuo vom Staat erhalten, wenn sie als offizielle Minderheit anerkannt würden. Doch dazu wäre eine Schriftsprache notwendig. "Es gibt jedoch zwei Dialekte, und man kann sich nicht einigen, welcher die Vorgabe für die Schrift sein soll", erklärt Reiseveranstalter Müller. So geht den Mosuo Geld verloren, das manche Familien gewiss bitter nötig hätten. Es kommt nämlich vor, dass Mütter ihre Kinder Fremden zur Adoption anbieten. "Wollt ihr meine Tochter? Ich kann ihr keine Schulbildung finanzieren", sagt eine.Je weiter man sich vom Lugo-See entfernt und in die Ausläufer des Himalaya eindringt, desto verwahrloster wirken die Menschen. Im Dorf Walabi stehen einige Männer an der staubigen Straße, rauchen und unterhalten sich. Vier Frauen und mehrere Kinder marschieren an ihnen vorbei. Auf dem Rücken tragen sie so viel Bambus, dass sie ihre Oberkörper nach vorne beugen müssen, um die Last schultern zu können. Die Männer schauen zu. "Das ist schon unfair, dass die Frauen so viel arbeiten, aber so ist das nun mal bei uns. Wir helfen nur, wenn es gar nicht mehr geht", sagt einer.Andererseits gibt es für die Männer nicht mehr als ein Taschengeld. Ausschließlich die Frauen führen die Haushaltskassen. "Die Männer wissen nicht, was es heißt, eine Familie ernähren zu müssen. Und sie können auch nicht mit Geld umgehen. Sie sind faul und trinken zu viel", sagt eine der Frauen. Wieso das so ist, kann sie nicht beantworten. Die Forschung ist ebenso ratlos. Es gibt ein paar Theorien über die Entstehung dieses Matriarchats. Eine lautet, es habe nicht genug Ehemänner gegeben, weil diese als Händler auf Wanderschaft waren, weswegen die Frauen das Kommando übernommen hätten. Eine andere besagt schlicht, die Mosuo hätten eben schon immer so gelebt - und geliebt.Wegen seines Lotterlebens aber kommt der Mann nicht über eine Nebenrolle in der Familie hinaus. In der Erbfolge spielt er keine Rolle. Wenn er Kinder zeugt, hat er weder mit deren Erziehung zu tun, noch ist er für sie verantwortlich. Er ist ganz einfach der Samenspender für die Fortsetzung der Tradition.Niemand kennt die VäterDie 28-jährige Binma zum Beispiel sitzt mit ihren beiden Kindern im Hof des Familienhauses und lässt sich von einer ihrer beiden Töchter die Haare kämmen. Die Mädchen haben unterschiedliche Väter. "Sie sollen nicht erfahren, wer ihre Erzeuger sind", sagt sie. Es spiele keine Rolle. Die Väter leben bei ihren eigenen Müttern. Häufig entwickeln sie dort ein engeres Verhältnis zu den Kindern der Schwestern, mit denen sie unter einem Dach leben, als zu den eigenen. In manchen Familien sitzen die Liebschaften der Frauen jedoch mit am Esstisch. Sie werden ihren eigenen Kindern dann als Onkel vorgestellt.Ansonsten beschränken sich die Besuchszeiten der Männer auf die Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang. Nach einer Nacht im "Blumenzimmer" der Liebsten verlassen sie das Quartier in den frühen Morgenstunden. Als Zeichen ihrer Bindung hinterlässt er seinen Hut an einem Haken in dem Zimmer. Wenn sie genug von ihm hat, dann hängt sie den gleichen Hut an einen Haken vor der Tür. Protest zwecklos. "Wanderehe" nennen die Mosuo diese Form der Partnerschaft. Sie schaffe weniger Missgunst und weniger Ärger, glauben die Mosuo.Doch all das bedeutet nicht, dass es keine langfristigen Beziehungen gibt. Die Mosuo-Gesellschaft gleicht nicht der Hippie-Bewegung der 70er-Jahre, in der Monogamie als spießig galt. Manche Paare wurden während der Kulturrevolution unter Diktator Mao Zedong sogar zur Heirat gezwungen und leben seitdem entgegen ihrer traditionellen Überzeugung unter einem Dach.------------------------------Wer mehr wissen will: ein Buch"Das Paradies ist weiblich" heißt ein bei Kiepenheuer erschienenes Buch des argentinischen Journalisten Ricardo Coler. Er lebte monatelang unter den Mosuo, um zu erforschen, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der Frauen bestimmen. Er beschreibt eine konfliktarme, gewaltfreie Gesell- schaft, in der Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit auf den Kopf gestellt werden. Sein Urteil: Männer haben es bei den Mosuo besser.------------------------------Foto : Mosuo-Frauen beim Schleppen schwerer Bambuslasten. Sie arbeiten hart, haben aber viele Freiheiten.