BERLIN, im September. Die meisten Messen gehen an den Berlinern einfach so vorüber. Messen wie die Belektro für Elektrotechnik, Elektronik und Licht. Oder die CMS, eine Messe für Reinigungstechnik. Dabei haben beide rund 15 000 Fachbesucher angezogen - so viele, wie zur Popkomm erwartet werden, jener Musikmesse, die von Köln nach Berlin gezogen ist, und die heute von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement eröffnet wird. Viele Berliner dürften allerdings mitbekommen haben, dass die Popkomm mehr sein will als eine normale Fachmesse. "35 Locations, 400 Künstler", haben die Messemacher auf hunderten von Plakaten versprochen, überall im Nachtleben liegt das Programm aus. Die Konzerte sind - im Gegensatz zur Messe unter dem Funkturm - für alle gedacht. Zumindest für jeden, der sieben, zehn oder gar 19 Euro Eintritt zahlen möchte, um sich Künstler aus aller Welt anzuschauen, die hier kaum jemand kennt. Das hat der Berliner also davon, in einer Stadt zu leben, in die immer mehr Musiker, Musikfunktionäre und Plattenfirmen ziehen, und die Klaus Wowereit gerne Musikhauptstadt nennt. Tatsächlich passt die Musik gut zur Hauptstadt, eignen sich doch Wowereits Lieblingsattribute für Berlin auch hervorragend für die Musikwirtschaft: "Arm, aber sexy." 1997 setzten die Tonträgerunternehmen noch 2,6 Milliarden Euro um, 2003 waren es nur noch 1,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 1,6 Milliarden entsprechen dem Umsatz des Staubsaugerkonzerns Vorwerk oder dem Quartalsgewinn des Handyherstellers Nokia in guten Zeiten. So sehr ist das Geschäft mit Tonträgern in den vergangenen Jahren geschrumpft, dass man auf seltsame Ideen kommen kann. Zum Beispiel, dass das arme Berlin eine Art Elefantenfriedhof für die Musikindustrie ist. Wie groß die Not der Branche ist, kann man an den Versuchen erkennen, sich aus der Krise zu befreien. Man denke nur an Phonoline, die Plattform der deutschen Industrie für Musikdownloads. Im März startete der Bundeskanzler das Ganze per Knopfdruck - inzwischen wurde Phonoline wieder abgeschaltet. Mutig scheint auch das neue Preismodell, das sich die Plattenfirma BMG gerade ausgedacht hat: Sie hat die CD der Elektropopband Zweiraumwohnung in drei Varianten auf den Markt gebracht - für 9,99 Euro, 12,99 Euro und 16,99 Euro. Die billigste wird ohne Cover und Begleitheftchen geliefert, die teuren mit etlichen Bonustracks. Kurz: Der Branche geht es miserabel, und dennoch feiert Berlin jeden Neuankömmling noch freudiger als den Vorgänger. Als der Elektronikkonzern Sony im Sommer 2000 von Frankfurt an den Potsdamer Platz zog, ging noch völlig unter, dass auch die Musiksparte nach Berlin gekommen war. Damals hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass eines Tages Gerüchte um einen Wegzug von Berlin große Aufregung auslösen könnten, Gerüchte wie sie jetzt nach der Fusion von Sony und BMG aufkamen. 2001 wurde erstmals die Echo-Preisverleihung nicht mehr in Hamburg, sondern in Berlin gefeiert. Auf einmal sangen Janet Jackson und Ricky Martin im ICC, draußen kreischten die Teenager. So etwas meint Klaus Wowereit wohl mit sexy. Die Freude war entsprechend groß, als 2002 der Branchenriese Universal von Hamburg an die Spree zog. "Die Branche hat eine enorme Strahlkraft für den Standort", sagt Tanja Mühlhans, Musikindustriebeauftragte der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Die Logik: Wo MTV ist, siedeln sich noch weitere Unternehmen an. Es scheint, als habe Berlin eine Art Sammelleidenschaft für die Scherben der Musikindustrie gepackt. Auch den Popkomm-Umzug hat die Stadt gefeiert - und darüber fast vergessen, dass sie erst nach Berlin zog, als sie in Köln zu verenden drohte. Immer weniger wollten oder konnten sich einen Stand dort leisten: Nach 924 Ausstellern im Boomjahr 2000 kamen zum Abschied von Köln gerade mal 618 Firmen. Nun, in Berlin, soll es wieder aufwärts gehen. "Wir haben 630 Aussteller. Der Abwärtstrend ist gestoppt", sagt die Popkomm-Projektleiterin Katja Bittner. Neue Aussteller kommen vor allem aus dem Ausland, unter anderem aus dem offiziellen Popkomm-Partnerland Frankreich. Für den Auftritt der Franzosen ist Patrice Hourbette zuständig. Er ist Chef des "bureau export de la musique française", das vom französischen Staat finanziert wird, seit vier Jahren am Ku'damm residiert und den Deutschen französische Musik näher bringen soll. "Es war eine sehr gute Idee, mit der Popkomm nach Berlin umzuziehen. Sonst wären wir auch nicht mehr hingegangen", sagt Hourbette. "Die Franzosen kommen einfach lieber nach Berlin." Sechzig französische Plattenfirmen wollen sich auf der Messe präsentieren, 55 Konzerte sind angekündigt.So viel Internationalität kann vielleicht sogar die Nostalgiker trösten, die Köln gar nicht so schlecht fanden. Köln, so ihr Argument, war für die allermeisten Messebesucher exterritoriales Gebiet, auf dem sich trefflich feiern ließ, gerne auch schon morgens mit ein paar Cocktails. Nicht jeder hat daran allzu rosige Erinnerungen: "Das war ja immer ein unglaubliches Besäufnis", sagt Fitz Braum, Chef von Four Music, dem Label der Hiphop Band Fantastische Vier. "Ich finde es großartig, dass dieser Sommerkarneval vorbei ist." Jetzt, in der Musikhauptstadt, ist die Messe für viele Manager ein Heimspiel, auch für Fitz Braum, der vor zwei Jahren samt Label von Stuttgart nach Berlin zog: "Wir wollten einfach aus Stuttgart weg, und hier war klar, dass etwas geht." Was geht sind Studios, Musiker, Videoregisseure, Grafiker - in Berlin gibt es alles, was man als Label unbedingt braucht. Obendrein nun auch noch eine Messe. Braum freut sich, dass er sich deshalb hier unter anderem "mit Leuten aus London treffen kann, die die Four-Music-Clubsachen promoten wollen". Das spart nicht zuletzt Reisekosten.Vielleicht ist das ja eine clevere Strategie für Berlin: Einfach warten, bis die Welt kommt - und Musik hören. Die Love Parade hat in ihren Glanzzeiten gezeigt, wie gut das funktioniert. Es mag abgedroschen klingen, wenn Unternehmen, die hierher ziehen, immer wieder die kreative Szene beschwören. Und doch: Irgendetwas muss da ja sein, das Musiker wie die Kanadierin Peaches oder den Norweger Erlend Øye hierher lockt. Etwas, das wirklich sexy ist. Billige Mieten sind es wohl nicht. Über dieses Etwas kann man nachdenken, wenn mal wieder von Tim Renner die Rede ist, dem ehemaligen Universal-Chef. Einem Mann, der herumdruckst bei der Frage, ob er gefeuert wurde oder nicht. Einer, der bei seinem Abtritt katastrophale Zahlen hinterlassen haben soll, einer, den viele Kollegen für eine Luftnummer halten - und der doch auf so manchen Journalisten ungemein betörend wirken muss. Wie sonst ließe sich erklären, dass ein Gescheiterter ein Buch über die Zukunft der Musik schreibt und überall Interviews geben darf, als wäre er selbst ein erfolgreicher Popstar. Dass der Gescheiterte zum Propheten wird, finden sogar Musikmanager wie der Geschäftsführer von BMG Music Publishing Hartwig Masuch amüsant: "Wenn jeder Geschäftsführer einer 200, 300-Millionen-Euro-Firma nach seinem Abtritt ein Buch schreiben würde, dann müssten die Buchläden ihre Fläche verdoppeln." Für ihn ist der Renner-Auftritt ein Ausdruck für ein generelles Problem der Branche, eines, das in den vergangenen Jahren insbesondere bei der Popkomm zum Vorschein kam. "Den Firmen ging es da doch vor allem um ihre Selbstdarstellung, also darum, wer den größten Stand hat, wer mit der Party mit der prominentesten Gästeliste aufwartet." Darüber konnte man glatt das Geschäft vergessen. Masuch hofft nun auf neue Bescheidenheit. Geht es nach ihm, wird die Popkomm einfach wieder wie in ihren Anfangszeiten zu einem Treffpunkt für Musikschaffende, eine Messe ohne Schnickschnack. So hält er rein gar nichts davon, dass nun auch Klingeltonanbieter und Handyfirmen auf der Messe vertreten sein werden. Masuchs Philosophie: "Je komplexer das Musikgeschäft wird, desto klarer muss so eine Messe strukturiert sein." Die Messeorganisatoren sehen das anders. Sie lassen das Kongressprogramm von Eddy Cue eröffnen, einem Mann, der bei dem Computerkonzern Apple arbeitet, den Titel "Vice President Applications" trägt und unter anderem für I-Tunes zuständig ist, die Apple-Musikplattform. "Zu den zentralen Themen des Kongresses gehört die Frage nach dem Umgang mit neuen digitalen Vertriebsformen von Musik", erklärt die Messe die Einladungspolitik. Ausführlich soll bei der Popkomm also diskutiert werden, wie sich künftig mit I-Pod und Ähnlichem Geld verdienen lässt - und man so aus der Krise herausfindet. Doch damit nicht genug der Selbsthilfe: Unter anderem will eine gewisse Diana Jaffe, angekündigt als "Vorstand Bluestone AG Strategic Marketing Consulting", der Frage nachgehen: "Sind Frauen die Lösung für die Krise der Musikindustrie?" Außerdem auf der Agenda: Die Frage, warum "neue deutsche Künstler mit ihren Songs kaum mehr als jeweils 150 000 Alben" verkauft haben. Bei der Debatte mit dabei: Tim Renner. Mal wieder. Aber man muss wohl auch ein bisschen Verständnis für die Veranstalter aufbringen. Es ist derzeit schwer, hochkarätige Führungskräfte zu finden, die sich länger im Amt gehalten haben. Lediglich Warner-Chef Bernd Dopp ist noch auf seinem Posten, ansonsten hat die Krise viele Manager den Job gekostet, unter anderem musste der BMG-Chef Thomas Stein gehen, kürzlich hat es den Sonymann Balthasar Schramm erwischt. Auch in punkto Jobschwund passen Musikindustrie und Berlin also gut zusammen. Wer öfter mit Plattenfirmen telefoniert, hat sich daran gewöhnen müssen, dass viele Menschen dort plötzlich verschwinden. Und dann schon mal auf einer Echo-Preisverleihung wieder auftauchen und einem etwas von ihrer neuen Selbstständigkeit erzählen.Wahrscheinlich trifft man so manchen nun auch auf der Popkomm wieder. Es wäre ja schön, wenn die Messe zu einer Jobbörse für die Musikbranche würde. Dann kämen vielleicht auch mehr Besucher: Die Messe "Einstieg Abi" hatte immerhin 26 000.------------------------------"Die Franzosen kommen einfach lieber nach Berlin." P. Hourbette, französisches Musikexportbüro------------------------------Foto: "Branche mit enormer Strahlkraft": Berlin hofft auf die Popkomm, die Popkomm hofft auf Berlin.