Auf den ersten Blick entspricht Tawakul Karman dem westlichen Klischee einer muslimischen Frau. Sie trägt stets ein langes schwarzes Gewand und ein buntes Kopftuch in mehreren Lagen. Unterdrückt. Folgsam. Traditionell eben. Falsch. Tawakul Karman hat die Proteste im Jemen gegen den Langzeitpräsidenten Ali Saleh ausgelöst und prägt sie bis heute mit.Die 32-jährige Journalistin und Bloggerin ist mutig und zäh. Und sie weiß, was sie will. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Man nennt sie inzwischen die Mutter der Revolution im Jemen, und wenn Präsident Saleh in den nächsten Tagen seine Sachen doch noch packen muss, dann ist das vor allem Karmans Verdienst.Die Gründerin der Organisation Journalistinnen ohne Ketten und Mitglied der Oppositionspartei Islah hat vor vier Jahren begonnen, mehr Freiheiten zu fordern. Jeden Dienstag organisierte sie ein Sit-in gegen den Präsidenten. Sie war da oft fast alleine und hat den Zorn der Sicherheitskräfte auf sich gezogen. Im Januar wurde sie wieder einmal verhaftet. Diese Verhaftung war es, die die revolutionären Proteste auslöste. Tausende demonstrierten in Sanaa, trugen ihr Bild vor sich her und forderten ihre Freilassung. Allein dies ist schon unglaublich: Im Jemen, wo viele Männer nicht ertragen, dass ihre Frauen, Töchter und Schwestern ihre Gesichter öffentlich zeigen und deswegen der Gesichtsschleier weit verbreitet ist, versammeln sich Tausende Männer unter dem Foto einer Frau. Karman hatte früher auch ihr Gesicht verhüllt, allerdings passe dies nicht zu ihrer Rolle als Aktivistin: "Die Menschen müssen mich sehen", sagte sie einmal. Der Schleier hat für sie nichts mit Religion, sondern mit Tradition zu tun.Die Demonstrationen für ihre Freilassung waren erfolgreich: Eine Woche später war Karman wieder aus dem Gefängnis und auf der Straße. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit und politischer Reform wurde der wütende Ruf "Das Volk will das System stürzen!" Als es Mitte Februar in Ägypten der Jugendbewegung gelang, Präsident Hosni Mubarak zum Abdanken zu zwingen, schöpften auch im Jemen die Demonstranten Hoffnung. Doch Ali Saleh gibt bislang nicht auf, vor gut einer Woche ließ er Scharfschützen auf Demonstranten schießen, mehr als 50 starben auf dem "Platz der Veränderung" in Sanaa. Von Gewalt hält Karman allerdings nichts. In ihrem Büro sollen Poster von Martin Luther King, Gandhi und Nelson Mandela hängen.Obwohl das Land derzeit im Chaos zu versinken droht, beschäftigt man sich im Internet schon mit der Nachfolge des Präsidenten, und es gibt eine Facebookseite "Tawakul Karman als Präsidentin Jemens". Das geht vielleicht doch etwas weit, schließlich ist der Jemen ein extrem traditionelles islamisches Land. Aber wer weiß? In diesem Frühling der Arabischen Welt sind auch schon andere Wunder passiert. Und eine der zentralen Forderungen Karmans ist es, mindestens jeden dritten öffentlichen Job mit einer Frau zu besetzen.------------------------------Foto: Tawakul Karman, Aktivistin auf der Straße und im Internet