LEIPZIG. Zu den ersten Amtshandlungen von Ulrike Spitz, der Sprecherin der Nationalen Antidopingagentur (Nada), gehörte im neuen Jahr ein Anruf bei der Münchner Staatsanwaltschaft I. Die Schwerpunkt-Ermittler in Dopingfragen, die bei den Kollegen in Wien Amtshilfe erbeten haben, wollen klären, ob deutsche Spitzenathleten im Nachbarland bei der Blutbank Humanplasma ihr Blut auffrischten. Ihre Auskunft an Spitz: "Aktuell besteht keinerlei Bezug zu deutschen Sportlern." Weder habe die Wiener Staatsanwaltschaft Hinweise, noch das österreichische BKA. Erich Vogl vom in dieser Sache bestinformierten Wiener Kurier irritiert das nicht. "Blutspur nach Deutschland" titelte er im Dezember, dabei bleibt er: "Nach unserer Recherche wurden bei der Polizei deutsche Kunden benannt. Die Quelle ist absolut seriös." Vogl vermutet, den Wiener Fahndern sei es "relativ egal", ob Deutsche in Wien dopten - "jedenfalls im Moment". Die Nada ahnt, dass ihr noch Informationen zufallen könnten. "Wir sind", sagt Spitz, "ständig in Bereitschaft."Die heikelste Offenbarung über die deutsche Dopingszene könnte also darauf zurückgehen, dass zwei Staatsanwaltschaften im sonst abgeriegelten Reich des Sports ermitteln. Die Bonner Zentrale der Betrugsbekämpfung kann nur reagieren. Das ist ähnlich verräterisch wie die aktuellste Mitteilung auf der Nada-Homepage: Ulrike Spitz, auch stellvertretende Geschäftsführerin, verlässt die Stiftung nach drei Jahren zum 1. Februar. Es ist der zweite plötzliche Abschied, seit Mitte 2008 der ein Jahr amtierende Geschäftsführer das Handtuch warf. Auch diesmal herrscht offiziell "Bedauern". Spitz sagt, sie habe "ein gutes Angebot". Das klingt nicht nach einem Beben wie 2007, als die Nada mit Pannen bei Dopingkontrollen in die Krise rutschte. Aber der Abgang von Spitz, die mit einer Präventionstour durch die Eliteschulen des Sports der Nada Lob eintrug, legt den Verdacht nahe, dass sich etwas angesammelt hat bei den Dopingwächtern.Nutzlose AkribieManches ist von außen erkennbar, etwa der Mangel an Überführungen von Sündern - ein Gegensatz zu Ankündigungen für 2009. Man habe einiges in petto, ließ Nada-Geschäftsführer Göttrik Wewer im April im Bundestag anklingen, beobachte verdächtige Top-Athleten "seit längerer Zeit". Im Mai, bei der Jahrespressekonferenz, klopfte man sich selbst auf die Schulter. Als Vorbild für andere Länder gelte die Nada: 1 700 Athleten in Meldepflicht, so viele wie nirgendwo sonst, jährlich 8 000 "intelligente" Trainingstests, dazu Analysen von eingefrorenen Proben und Blutprofilen für indirekte Nachweise. All die Akribie hat, so scheint's, wenig ausgerichtet: ein paar positive Fälle aus dem Radsport, eine Schwimmerin oder ein Regionalliga-Kicker fielen auf. Kleine Fische. Selbst in Ländern wie Russland oder Jamaika bleiben mehr namhafte Doper im Kontrollnetz hängen. Immerhin, teilt die Nada auf Anfrage mit, wurden 2009 über 30 Doping-Verfahren abgeschlossen oder eingeleitet. Offenkundig war das nicht.Irreführender HinweisDen Vorwurf, sie sei eher am Bild vom sauberen Großenganzen interessiert als an Transparenz, weist die Nada trotzdem zurück, gern mit dem irreführenden Hinweis auf das Datenschutzrecht. Die Dinge liegen einfacher, nur passen sie schlecht zum deutschen Musterknaben: Sanktionen und ihre Veröffentlichung überlässt der Nada-Code den Verbänden, und die vermelden ihre Sünder lieber versteckt. Anderswo entscheiden die Antidoping-Agenturen und informieren im Internet über Dopingfälle.Der Fehler liegt im System, sagen Kritiker wie der Mainzer Dopingforscher Perikles Simon. Der Professor sinnierte unlängst über die Unabhängigkeit der Nada und befand, "die personelle Durchsetzung" mit Sportfunktionären sei "extrem". Kuratoriumschef Hanns Michael Hölz besetzt diverse Ämter im Skiverband, Vorstand Armin Baumert, früher oberster Leistungsplaner im DSB, war auch im Nada-Ehrenamt der Meinung, er habe Beihilfe zu leisten, "dass deutsche Athleten konkurrenzfähiger werden". Wissenschaftler Simon kam nach einer denkwürdigen Absage ins Grübeln. Für den Gendoping-Nachweis, an dem er arbeitet, standen 2009 zweckgebundene Mittel aus der Wirtschaft bereit. Die Nada verwies auf einen Vorstandsbeschluss, der nicht mit ihrer Stiftungsverfassung in Einklang steht, aber besagt, dass Forschung nicht gefördert wird. Die Sachwalter des Antidoping-Kampfes ließen 250 000 Euro verfallen.Einen weiteren Fingerzeig gab der Fall Stefan Schumacher. Der Radprofi, nach der Tour 2008 von französischen Dopingjägern und nach Olympia in Peking vom IOC als Nutzer des Epo-Mittels Cera enttarnt, argumentierte, es handele sich beim zweiten Fund um Reste des Langzeitpräparats. Die Nada schwieg, obwohl sie zur Aufklärung hätte beitragen können: Eine Trainingskontrolle vor Peking war negativ. Die Frage ist, wann die Betrugsbekämpfer jenen Willen zur Betrugsbekämpfung erkennen lassen, den sie sich bescheinigen. Zuletzt erledigte das Innenminister Thomas de Maizière, als er im Bundestag über die von der Nada erstellten Antidopingberichte ausplauderte, dass Verbänden die Rückforderung von Steuergeldern droht. Baumert sandte ein "Die Luft brennt" hinterher. In der letzten derartigen Debatte griff die Nada noch zum Feuerlöscher. Sie entlastete den Bund Deutscher Radfahrer im Sportausschuss und nahm keinen Anstoß daran, dass der kurz darauf neue Dopingfälle kalkuliert verspätet mitteilte.------------------------------Foto: Sportlerhelfer: Armin Baumert.

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