Die Namen zurückholen

Insgesamt 40 so genannte Stolpersteine wurden in dieser Woche vor Häusern in Mitte in die Bürgersteige eingelassen: Zehn mal zehn Zentimeter groß, mit einer Messingplatte, auf der die Lebensdaten von Menschen stehen, die von den Nazis deportiert wurden. Die Idee für diese Aktion stammt von dem gebürtigen Berliner Bildhauer Gunter Demnig (58).Herr Demnig, wie sind Sie auf die Idee mit den Steinen gekommen? Der Ursprung war eine Kunstaktion zum Thema "Künstler forschen nach Auschwitz". Im Ergebnis hab ich 1997 in Kreuzberg die ersten Steine in den Boden gelassen. Das ist Ihnen einfach so eingefallen? Nein, das ist eine lange Geschichte: In Köln, wo ich lebe, wurden im Mai 1940 genau tausend Sinti und Roma deportiert - eine Art Generalprobe der Nazis für die Judenverschleppungen. Zum 50. Jahrestag hab ich die Deportationsstrecke mit Farbe markiert. Irgendwann sagte eine Frau: "Hier haben doch niemals Zigeuner gelebt!" Da war mir klar: Die Leute wissen das gar nicht. Mit den Steinen will ich die Namen der Opfer zurückholen. Die meisten von ihnen haben nicht mal einen Grabstein. Sie sind ja in Rauch aufgegangen. Die ersten Steine haben Sie 1997 ohne Genehmigung verlegt. Wie haben die Behörden reagiert? Drei Monate blieb alles ruhig, dann sollte der Fußweg in der Oranienstraße aufgerissen werden. "Das können wir nicht wegmachen", haben die Arbeiter gesagt. "Das ist ein Mahnmal." Damit wusste das Kreuzberger Tiefbauamt Bescheid - und hat es geduldet. Für die Ortsbegehung musste ich allerdings 350 Mark zahlen. Mittlerweile liegen in Berlin mehr als 300 solcher Steine. Wie kam das? Im Jahr 2000 meldete sich ein Südafrikaner beim Kreuzberg-Museum. Er wollte wissen, ob auch an seine Tante und seinen Onkel erinnert werden könne. Ich habe zugesagt und das Museum hat sich um die Genehmigung gekümmert. Später hat das Bezirksparlament beschlossen, dass mindestens 2 000 solcher Steine verlegt werden. Ihre Steine liegen heute in mehr als zehn Städten. Haben Sie sie gezählt? Nein, aber es sind mehr als 2 300. Was das Ihr Plan? Nein, ich habe das nur als Konzept entwickelt. Sechs Millionen Steine für alle Deportierten kann ich eh nicht machen. Aber mittlerweile geht es immer weiter. Wie reagieren die Hauseigentümer? Ganz unterschiedlich: Gerade hab ich vor einem Haus 24 Steine gelegt und die Besitzerin war ganz begeistert. Ein Mann hat mir allerdings gedroht, bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen zu wollen, weil die Steine den Wert seiner Immobilie mindern. Das Gespräch führte Claudia Fuchs.BLZ/MIKE FRÖHLING Gunter Demnig, Bildhauer