MOSKAU, im März. "Wenn wir den Serben rechtzeitig einige S-300 geliefert hätten", sagt der General Alexander Lebed, "und wenn dann einige US-Flugzeuge abgeschossen würden, dann würde die öffentliche Meinung in den USA sich im Handumdrehen gegen Clinton wenden." Tatsächlich sind die S-300-Systeme das Spitzenexportprodukt der russischen Rüstungsindustrie. Mit einer Reichweite von 120 Kilometern könnten sie nach Moskauer Expertenmeinung sowohl amerikanische Cruise-Missiles als auch Stealth-Bomber vernichten.Im vergangenen Jahr protestierte die Türkei heftig gegen den Erwerb einiger S-300-Anlagen durch Zypern, deren Nordteil von der Türkei besetzt ist. Moskau beharrte auf dem Exportgeschäft. Die Türkei fing reihenweise verdächtige Frachter mit Kurs Zypern ab. Schließlich wurde unter amerikanischer Vermittlung vereinbart, die Raketen auf Kreta zu stationieren. Kurz vor Beginn der Bombardierungen hieß es in Moskau jetzt, die Anlagen würden in der ersten Aprilwoche in Griechenland ankommen. Die CIA allerdings, so war zu erfahren, habe Hinweise, daß die Raketen in Wirklichkeit nach Jugoslawien geliefert werden sollen.Ein mysteriöser VorfallWenn Rußland aus dem Waffenembargo gegen Jugoslawien aussteigen sollte, wie von Außenminister Iwanow angekündigt wurde, dann wären nach einhelliger Fachleute-Meinung tatsächlich einige S-300-Anlagen das erste, das nach Belgrad geschmuggelt werden könnte. Auch deshalb ist der Luftraum über Jugoslawien und Makedonien seit Beginn der Nato-Operation gesperrt. Sogar ein Aeroflot-Flugzeug, das eigentlich russische OSZE-Beobachter aus der makedonischen Hauptstadt Skopje abholen sollte, wurde am vergangenen Donnerstag überraschend für die Crew zur Landung ins griechischen Thessaloniki umgeleitet, obwohl der Flug vorher sogar mit dem Nato-Hauptquartier in Brüssel abgestimmt worden war.Das russische Außenministerium protestierte scharf gegen die "Willkür", nährte damit aber wohl eher noch westliches Mißtrauen, besonders nach dem mysteriösen Vorfall mit einem russischen Ruslan-Militärtransporter, der mit sechs MiG-Abfangjägern an Bord bei einer Zwischenlandung in Baku festgehalten worden war. Angeblich war er auf dem Weg nach Belgrad, so teilte zumindest der aserbaidschanische Staatssekretär für Auswärtige Politik mit.Die russische Rüstungsexportbehörde und das russische Außenministerium dementierten umgehend jegliche Beteiligung. Premierminister Primakow versicherte am Dienstag, Rußland halte das Waffenembargo gegen Jugoslawien streng ein. Der Ruslan-Transporter gehört der Firma "Poljot" aus der russischen Provinzstadt Woronesch, die bereits einmal in die Schlagzeilen geraten war, weil sie Aufständische im afrikanischen Namibia versorgt hatte. Gechartert war die Maschine von der tschechischen Firma "Agroplast", die in einen Waffenlieferungsskandal mit Kroatien verwikkelt gewesen sein soll. An Bord der Ruslan waren außer 50 Tonnen Fracht auch 18 Mann Besatzung und 10 Begleitpersonen, angeblich MiG-Piloten und Mechaniker, die in den Papieren aber nicht ausgewiesen waren.Diese schwarzen Passagiere erweckten denn auch beim Auftanken in Baku das Mißtrauen der Zöllner. Verdächtig schien auch, daß die russischen Fluglotsen bei der Anmeldung der Maschine Nordkorea als Zielort angegeben hatten, obwohl der Luftweg vom Startflughafen in Kasachstan nach Korea sicher nicht über Aserbaidschan führt. In den Frachtpapieren war zudem als Endbestimmung teils eine tschechische, teils eine slowakische Stadt aufgeführt.Obwohl in den Dokumenten die sechs demontierten MiG-21- Kampfflugzeuge und dazugehörige Ersatzteile als Altmetall aus Kasachstan deklariert waren, setzten die aserbaidschanischen Behörden den Ruslan-Transporter vorläufig fest. Auch nachdem der kasachische Außenminister Tochajew bestätigt hatte, daß es sich um ausgemusterte alte Sowjet-Düsenjäger handele, die nicht nach Jugoslawien geliefert werden sollen, blieben sie dabei. Schließlich stellte das US-State-Department am Freitag nach eigenen Ermittlungen fest, daß die Ruslan auf dem Weg in ein afrikanisches Land gewesen sei.Es bleibt der Verdacht, daß die ser "fliegende Holländer" eher einen Testzweck hatte. Auch bleibt die Annahme, daß Rußland doch noch versuchen könnte, hochwertigere Waffensysteme nach Jugoslawien zu bringen. Außenminister Igor Iwanow lieferte die völkerrechtliche Begründung für einen einseitigen Ausstieg Rußlands aus dem Waffen-Embargo gegen Jugoslawien. Da das Land einer Aggression ausgesetzt sei, hätten die Uno-Mitgliedsstaaten der Charta entsprechend das Recht, "zu erörtern, welche Maßnahmen sie für nötig halten, um Jugoslawien bei der Abwehr der Aggression zu helfen".Die Duma dürfte auf einer Sondersitzung am Samstag die Forderung nach Waffenhilfe bekräftigen, obwohl Moskauer Militärfachleute am Wert solcher Lieferungen zweifeln. Jugoslawien brauche zwar dringend Flugabwehrsysteme, heißt es, aber selbst wenn es gelänge, sie auf irgendeinem Wege nach Jugoslawien zu bringen, so fehlten dort immer noch die Fachleute, die die S-300 erfolgreich gegen die Nato-Luftflotte einsetzen könnten.Ein Professor bastelt"Es gibt viele Möglichkeiten, Jugoslawien zu helfen, orakelt denn auch der russische Generalstabschef Anatolij Kwaschnin. Gemeint ist wohl beispielsweise der Austausch von Aufklärungserkenntnissen. Schon am Mittwoch waren die acht russischen Aufklärungssputniks, die über dem Balkan hängen, auf niedrigere Positionen abgesenkt worden. Generalstabsoffiziere erklärten am Freitag, "wir haben zwar nicht so viele wie die Nato, aber es sei auf dieser Basis durchaus möglich zu sagen, wo die Nato-Flugzeuge sind, wohin sie fliegen und was sie tun, um nicht abgeschossen zu werden". Dafür, so die Offiziere, sei aber die Entscheidung der russischen Führung nötig.Ein ganz anderer Know-how- Transfer könnte aber schon längst stattgefunden haben. Professor Valentin Kaschinow aus Petersburg hatte es schon Saddam Hussein jüngst zu verdanken, daß ein Großteil der amerikanischen Flügelraketen bei den letzten Bombardements im Irak am Ziel vorbeiging, das vermutet zumindest der russische Informatiker.Der Störsender, der die Raketen erblinden läßt, weil er die Verbindung zu den Navstar-Satelliten unterbricht, lasse sich fast kinderleicht für 200 Dollar bauen, berichtet der Professor in einem Zeitungsinterview. Er habe die Baupläne per Internet unter anderem nach Bagdad geschickt aber erst, nachdem er keine Antwort auf seine e-mail-Angebote an eine ganze Reihe von Moskauer Botschaften bekam. Überhaupt sei das auch nicht strafbar, und die Konstruktionsprinzipien seien auch schon 1992 in der russischen Hobbyfunker-Zeitschrift "Radiotechnika" veröffentlich worden.