Der Baedeker von 1906 war lakonisch: "Das letzte Haus auf dieser Seite der Linden ist die Kommandantur. " Weder die Bewohner noch die bis heute unbekannten Architekten aus der Militärbauverwaltung - welche 1873 die Fassade im Neurenaissancestil entworfen hatten - oder gar die künstlerische Bedeutung des Gebäudes waren um 1900 beschreibenswert. Doch die Rekonstruktion des 1945 zerstörten und um 1950 abgetragenen Gebäudes, die heute der Besitzer und Bauherr, die Bertelsmann AG und die Bertelsmann Stiftung, in Betrieb nehmen, wird als Meisterwerk der Architektur und zum Modell für die Wiedererstehung des Schlosses hochgelobt. Mancher schwärmt gar: "Ist es nicht schön, dass der alte Bau neue Farbe bekommen hat?" Begriffe wie historische Bedeutung, Authentizität, Architekturerzählung und selbst die bisher geltenden Kriterien für Rekonstruktionen scheinen durch den "alten" Bau aufgehoben zu sein.Zunächst einmal ist die Kommandantur erschreckend hell, obgleich das für ihre Rekonstruktion zuständige Berliner Architektenbüro Stuhlemmer & Stuhlemmer jenes grelle Weiß schon abgetönt hat, das auf Putz- und Steinresten gefunden wurde. Denn die alte Kommandantur strahlte, das kann man auf Postkarten sehen. Doch dank der Verkehrspolitik des Senats, welche immer noch die Linden als Autobahn missbraucht, wird sich der Glanz schnell legen, so wie beim Zeughaus, dessen 1996 rekonstruiertes Zartrosa auch längst einem Altrosa wich.Der Aufwand, der für die Fassade gemacht wurde, ist immens, und man wundert sich, dass von den 22,1 Millionen Gesamtbaukosten nur zehn Prozent für sie ausgegeben worden sein sollen. Weil die Bauakten 1944 verbrannten, hatten die Architekten Stuhlemmer & Stuhlemmer als Grundlage für ihren Rekonstruktionsplan lediglich eine (!) Messbildaufnahme von 1910, die mittels eines - offenbar sehr genauen - Handaufmaßes von 1880 an der Technischen Universität Berlin entzerrt wurde. Hinzu kamen etwa 30 alte Postkarten und private Fotos, die etwa die auf der Messbildaufnahme nicht sichtbaren Seitenfassaden dokumentieren, sowie die bei den Ausgrabungen 2001 gefundenen originalen Fundamente und kleinere Reste des Bauschmucks.Sie bestätigten den Architekten die Maße bis hin zur Fugentiefe der Bossierung. Da vom Schloss erheblich mehr Aufnahmen und Reste existieren, ist das eine erfreuliche Kunde für die Freunde der Schlossrekonstruktion. Selbst die historische Schichtung des Baus, der aus einem 1795 errichteten Palais entstand - an dieses erinnern nun wieder die allerdings reichlich flau rekonstruierten Wandreliefs und vor allem die Säulenstellung vor der Tür - konnte so erstehen, wenn auch auf der statischen Grundlage eines Stahlbetonbaus und einer vorgeblendeten, 30 Zentimeter dicken Schicht aus modernen Hohllochziegeln konstruiert. Diese Fassade ist ein Musterbeispiel für eine historisch genaue und deswegen ganz und gar nicht Disney-hafte Wiederherstellung eines alten Architekturbildes.Doch trotz all dieser Mühe wirkt der Bau wie eine Kulisse. Vor allem im frühen Abendlicht, wenn innen die Lampen angemacht sind und die Fassade noch im Schwarz der Nacht versunken ist. Dann wird auch außen die luftige Struktur des Baus sichtbar. Denn die dichten Fensterreihen erzählen von einem einst aus kleinen Zimmern und Kammern bestehenden Inneren. Heute aber prägen Foyers, Hallen und Säle das Innenleben - hier soll nicht verwaltet, sondern gefeiert werden. Geradezu systematisch haben die Kölner Architekten van den Valentyn jede Erinnerung an die Geschichte des Hauses ausgemerzt mit ihrem neuen Interieur. Selbst die wenigen Originalreste fanden hier keinen Ausstellungsort, so wie auch die historischen Fundamente nach der Ausgrabung abgeräumt wurden; ein Schicksal, das übrigens auch denen des Schlosses droht bei der Rekonstruktion seiner Fassade.Fast hat man den Eindruck, als hätten die Architekten eine Kriegsruine ausgebaut mit all dem moralischen und ästhetischen Rigorismus der sechziger Jahre. So gehen die abgehängten Akustikdecken nicht bis an die Außenwand mit den Bogenfenstern, sie wird als "alt" isoliert vom "neuen" Inneren. Der Treppenkern mit elegant polierten Wänden steht frei in einer blauen Holzhülle. Auch sonst sind viel helles Holz und Glas als Wandkonstruktion zu sehen, leicht und ostentativ modernistisch wie der so genannte "Wintergarten". In ihm steht bisher keine einzige Palme, obwohl die riesige, nach Süden gewandte Glashalle durchaus eine solche Belebung vertrüge. Auch die Dominanz der übertrieben detaillierten, gebogenen Metallkonstruktion würde dadurch etwas gemildert, die an Auto-Kühlergrills der dreißiger Jahren erinnert. Diese Begeisterung für den leicht dekadenten Chic des Art déco prägt auch die Bar im ersten Stock mit kostbarem Makassarholz an den Wänden (Plantagenanbau, wie Bertelsmann betont), schweren schwarzen Möbeln, viel Edelstahl und mit alabasterverkleideter Lichtdecke.Doch fragt man sich beständig: Was hat dies Innere mit dem Äußeren zu tun, was erzählt der Gesamtbau über die Firma Bertelsmann? Denn ein künstlerisches (Fortsetzung auf Seite 12) (Fortsetzung von Seite 11) Meisterwerk wurde da nicht rekonstruiert. Auch der Verweis auf das 1832 von Schinkel in ähnlichen Formen umgebaute Palais Redern hilft nicht: 1873 waren diese Formen bestenfalls altmodisch. Nicht mehr die nüchterne Florentiner Frührenaissance, sondern die prachtvolle Hochrenaissance und auch schon der Neubarock prägten damals den Historismus in Dresden, Wien oder Paris. Schon die alte Kommandantur ist das Dokument des künstlerischen Konservatismus von Berlin gewesen. Wenn das Haus stehen geblieben wäre, würde es heute wahrscheinlich genauso wenig Aufmerksamkeit erregen wie 1906.Es hatte auch keine besondere Bedeutung für die Identität der Stadt Berlin oder gar der deutschen Nation wie beispielsweise die Frauenkirche in Dresden. Doch so wie jede neue Architektur muss sich auch eine Rekonstruktion der Frage stellen: Welchen Beitrag zu unserer heutigen Kultur liefert dieser Bau? Keine dieser Fragen kann die neue Kommandantur auch nur im Ansatz positiv beantworten. Nicht einmal als Test ist sie brauchbar: Wie man eine alt scheinende Fassade mit einem modernen Inneren verbindet, kann man seit 1968 beim Kronprinzenpalais von Richard Paulick sehen.Mit der Kommandantur bekennt sich Berlin - denn Bertelsmann hat die Fassade nur auf Grund der Forderungen der Senatsbauverwaltung nach dem historischen Bild formen lassen - aber auch zur weit gehenden Entwertung der Architektur als Bedeutungsträger. Bertelsmann, einer der großen liberalen Verlage der Welt, residiert hinter einer Fassade, die bis ins letzte Detail von der Dominanz des Militärs im preußischen Staat erzählt. Der Bau an der Schlossbrücke zeigt, welch üble Kompromisse gemacht werden müssen, wenn die Architektur zur reinen Dekoration verkommt.Die Kommandantur: 1653 errichtet für Gregor Memhardt.Von 1799 bis 1945 Residenz des Berliner Stadtkommandanten. 1873 entstand die Renaissance-Fassade. 1945 wurde der Bau zerstört, 2001 begann die Rekonstruktion.

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