Als er den Dienst als Polizeipsychologe quittiert, verabschieden ihn die Politessen mit einem a-cappella-Ständchen. Dr. Vincent Flemming (Samuel Finzi) ist ein Frauentyp. Aber das hilft ihm nicht. Denn die einzige Frau, die er liebt, will ihn nicht mehr haben. Jedenfalls nicht als Ehemann. So ist der Mann, der die Seelen anderer mit wenigen Worten heilen kann, selbst ein innerlich stummer, tief verletzter, einsamer Mann. Besonders hart sind die Tage, an denen ihn die Leiterin der Mordkommission als Experten anfordert. Denn Ann Gittel (Claudia Michelsen) ist nicht nur seine Ex-Chefin, sondern auch seine Ex-Frau. Kann man sich das Leben schwerer machen?Gregor Edelmann ist kein typischer Drehbuchautor. Seine Filmliste führt nur zwei Titel auf, ist also noch sehr überschaubar. Wäre es bei einem Mann des Jahrgangs 1954 nicht so lächerlich, man könnte ihn sogar noch als Nachwuchstalent bezeichnen. Denn vor der Wende war der Germanist verantwortlicher Dramaturg in einem DDR-Theaterverlag, danach gründete er ein Tourneetheater, für ein Jahr war Edelmann sogar Pressesprecher für Peter Zadek am Berliner Ensemble. Vor etwas mehr als zehn Jahren schrieb er seine erste Arbeit fürs Fernsehen. Die Pathologenserie "Der letzte Zeuge" wurde - nicht zuletzt wegen seiner ungewöhnlichen Bücher und seines hervorragenden Hauptdarstellers - zum Kultkrimi, die Reihe fand 2007 mit dem Tod des Hauptdarstellers Ulrich Mühe ihr unwiederbringliches Ende.Nun hat Edelmann also seine zweite Serie entworfen - wieder für das ZDF und wieder ein wenig abseits der üblichen ausgetretenen dramaturgischen Fernsehpfade. In manchen Momenten ist die Hauptfigur Flemming nämlich schlauer als die Polizei erlaubt. Ein eloquenter Besserwisser mit einer eigenen Radiosendung, dazu gehörig selbstbewusst im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht und tief im Innern ein echter Melancholiker, der die Menschen in seiner direkten Umgebung so schonungslos analysiert wie weiland Dr. Kolmaar seine Leichen sezierte. Diesen Mann muss man einfach mögen.Gleich im ersten Fall, den Flemming mit seiner Ex-Frau lösen muss, sind seine Intuition und Menschenkenntnis gefragt: Eine Mutter meldet ihr Kind als vermisst. Kay ist auf einem Spielplatz verschwunden, Augenzeugen wollen beobachtet haben, dass er in ein Auto stieg - so unbefangen, als kenne er den Fahrer gut. Die alleinerziehende Frau Fokken (Inga Busch) kann sich darauf keinen Reim machen. Es gibt keinen Mann in Kays näherer Umgebung. Der Vater hat sich nie um seinen Sohn gekümmert. Also doch der geheimnisvolle Unbekannte? Flemming mag daran nicht glauben. Und schon bald erweist sich die Version der Mutter als gefährliche Halbwahrheit.Trotz aller konventionellen Krimispannung haftet dem Pilotfilm etwas wohltuend Unbehauenes an. Die Figur wirkt im besten Sinne wie ausgedacht, und alle Beteiligten waren sich beim Drehen der Theatralik des Stoffes offenbar bewusst: Samuel Finzi, im Hauptberuf Ensemblemitglied des Berliner Deutschen Theaters, spielt sein Alter Ego, so oft es eben geht, wie eine artifizielle Bühnenfigur. Claudia Michelsen dagegen bleibt ihrer reduzierten Spielweise treu und vertraut zu Recht auf die Wirkung der nächsten Großaufnahme.Auch die Inszenierung von Regisseurin Claudia Garde will sich nicht auf einen Stil festlegen, ist mal düster und tragisch, mal leichtfüßig und traumgleich. Als ginge es vor allem darum, die Genre-Erwartungen der Zuschauer zu unterwandern, strahlt der Auftakt der sechsteiligen Serie eine verblüffende Vorläufigkeit aus - und vermittelt damit im Formatfernsehen dieser Tage vor allem den Anspruch, etwas ganz Besonderes sein zu wollen.Ob die Reihe dies auch in den Augen des Publikums ist, wird sich zeigen. Nicht zwangsläufig müssen die Fans des "Letzten Zeugen" auch Liebhaber von "Flemming" werden. Aber schon der Versuch, eine Serie zu etablieren, die sich nicht so leicht als Adaption eines US-Vorbildes ausrechnen lässt und zudem den Pseudorealismus des Genres, wie er im "Tatort" oder den Samstags-Krimis des ZDF gepflegt wird, souverän ignoriert, ist aller Ehren wert. Und überhaupt: Wer sich für Psychologie interessiert, sollte unbedingt einschalten. Alles, was man über die Abgründe der Seele bei "Bloch" noch nicht gelernt hatte, erfährt man nämlich hier.------------------------------Flemming, sechs Folgen, freitags, 21.15 Uhr, ZDF------------------------------Der Krimi will sich nicht auf einen Stil festlegen, er ist mal düster und tragisch, mal leichtfüßig und traumgleich.Foto: Diese beiden haben eine Menge zu besprechen: Die Kommissarin (Claudia Michelsen) und ihr Ex (Samuel Finzi).

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