Am Anfang wirft diese Straße Fragen auf: Ist die Neustädtische Kirchstraße in Mitte überhaupt noch eine Straße? Oder ist sie nur eine Zufahrt zur amerikanischen Botschaft? Oder, anders, ist sie vielleicht die einzige Straße in Berlin, an der man merkt: Das ist die Hauptstadt, das ist die Metropole? Denn wird nicht hier besonders deutlich, viel stärker als anderswo, dass an einer Hauptstadt die Geschehnisse in der großen, weiten Welt eben nicht spurlos vorübergehen, dass man hier nicht abgekoppelt ist vom Rest der Welt? Wäre der 11. September nicht gewesen als in New York und Washington Flugzeuge ins World Trade Center und Pentagon rasten, dann wäre die Neustädtische Kirchstraße eine ganz normale Straße mit einer Botschaft, wie es so viele davon in Berlin gibt. Es würden ein paar Polizisten um das Gebäude herum patrouillieren, vielleicht wäre eine Seite der Fahrbahn durch Betonkübel abgesperrt, wie es schon vor dem 11. September hin und wieder geschah, zum Beispiel, als 1998 die US-Vertretungen in Kenia und Tansania bombardiert worden waren. Aber eine still gelegte Straße mit Betonmauer und Metallzaun, mit Panzerwagen und Wachhäuschen zur Personenkontrolle, das wäre sie nicht. Café auf dem BürgersteigEine Straße, so steht es im Lexikon, ist "allgemein jeder Verkehrsweg und im engeren Sinne ein planmäßig angelegter, befestigter Verkehrsweg für den Fahrzeugverkehr". Wenn man dieser Definition folgt, dann ist die Neustädtische Kirchstraße tatsächlich noch so etwas wie eine Straße. Man muss sich nur vor das Café Einstein Unter den Linden setzen, man kann seinen Kaffee sogar auf den Bürgersteig der Neustädtischen Kirchstraße trinken. Dann kann man beobachten, dass es durchaus straßenmäßig ist, was hier passiert.Aber das könnte auch ein Trugschluss sein. Es fahren zwar Autos hin und her, nur muss man sagen, dass - jedenfalls auf dieser Seite der Straße - die Neustädtische Kirchstraße ihren Zweck als Verkehrsweg für den Fahrzeugverkehr nur noch für eine genau definierte Gruppe von Berechtigten erfüllt. Weil sie in der Botschaft arbeiten, weil sie in der Tiefgarage unter dem Haus Peitzsch an der Ecke Unter den Linden einen Platz für ihr Auto haben oder weil der Wirt vom Einstein im selben Haus mit einem braunen Jeep etwas anliefert. Es ist ein sonniger Nachmittag, der Tag vor Himmelfahrt. Die Beschützer der US-Botschaft tragen kurze Hemden. Es sind Berliner Polizisten und Beamte des Bundesgrenzschutzes, die Amtshilfe leisten, weil die Polizei das alleine nicht schaffen würde. Einige von ihnen sitzen in einem dunkelgrünen Bundesgrenzschutz-Bus auf dem Fußweg gegenüber. Auf der Straße laufen zwei Beamte, einer bückt sich, hebt einen kleinen Gegenstand auf, mustert ihn und wirft ihn wieder weg. Hinten, an der Kreuzung Neustädtische Kirchstraße/Mittelstraße lehnt ein Beamter an einem Pfeiler, mal schiebt er das linke Bein vor, mal das rechte. Die Polizisten und Grenzschützer machen ihren Job, und wenn man sich mit ihnen unterhält, dann merkt man schnell, dass ihnen dabei ziemlich langweilig ist. Aber weil die Solidarität zu den USA nach dem 11. September ja "uneingeschränkt" ist, so hat es Kanzler Schröder ausgedrückt, will das keiner öffentlich sagen.Es ist das alltägliche, langweilige Geschehen in der Neustädtischen Kirchstraße, jedenfalls in dem Teil, der abgesperrt ist. Auf der anderen Seite, also vom Reichstagsufer aus, kann man wenigstens ein Stück in die Straße hineingehen. Hier kann man Leute treffen, die von der Straße erzählen, in der sie arbeiten. Aus der Botschaft erfährt man nichts, "aus Sicherheitsgründen". Der freie Zugang endet gut 50 Meter vor der Dorotheenstraße. Dahinter, schräg gegenüber von der Botschaft, hat der Wehrbeauftragte des Bundestages seinen Dienstsitz. Zu DDR-Zeiten war in dem gelb verputzten Gebäude der Sportverlag, 240 Leute arbeiteten hier und gaben unter anderem die "Fußball-Woche" heraus. In einem der Büros sitzt Bettina Petzold, die persönliche Referentin des Wehrbeauftragten. Seit dem 11. September ist es ruhig geworden in der Straße, sagt sie. Jetzt, wo das Wetter schön ist, kann sie bei offenem Fenster arbeiten, es ist kein Autolärm zu hören, obwohl man mitten in Mitte ist. Als die Flugzeuge ins World Trade Center und das Pentagon rasten, da ging Petzolds Blick zwischen dem Fernseher, dem Computer mit dem Nachrichtenticker und der US-Botschaft hin und her, und da dachte sie schon: "Hier wird bestimmt bald alles anders werden". Schon am nächsten Tag war ihr gewöhnlicher Weg zur Arbeit durch die Dorotheenstraße versperrt. Der gesamte Block gegenüber zwischen der Friedrichstraße und Neustädtischer Kirchstraße wurde in den vergangenen Jahren bebaut. In einem lindgrünen Haus sitzt unter anderem der Verband der Cigarettenindustrie, Andrea Winkhardt macht dort die Öffentlichkeitsarbeit. Im achten Stock gibt es einen sehr noblen Clubraum, mit rotem Teppich, bequemen Sessel und eine Bar. Der Blick geht weit über die Stadt, man sieht die Reichstagskuppel, das Bundespresseamt gegenüber und viel Himmel über Berlin. Frau Winkhardt serviert Plätzchen und Ginger Ale und sagt: "Die Lage ist ideal, man kann die Bötchen auf der Spree gucken." Durch die Absperrungen ist aber alles komplizierter geworden: "Wir müssen Anfahrtskizzen verschicken, weil niemand weiß, wie man zu uns kommt", sagt Winkhardt. Und wenn sie bummeln will, muss sie weit laufen, um zur Straße Unter den Linden zu kommen. "Ich kann ihnen sagen, wie schwierig das ist, ich habe Zwölf-Zentimeter-Absätze." In dem braunen Klinkerbau nebenan, Neustädtische Kirchstraße 7, sollen bald Leute wohnen. 25 Eigentumswohnungen stehen dort zum Verkauf. Der Vermarkter spricht von edler Ausstattung, einige Wohnungen ist er schon losgeworden. Er glaubt, dass es eine nette Ecke werden kann, wenn erst der Georgenplatz vor dem Bahnhof Friedrichstraße fertig ist. "Man hat Spreeblick, das Objekt ist von sehr guter Qualität, und so viele Plätze gibt es mitten in Berlin ja auch nicht", sagt er. Aber die Vermarktung ist schwieriger geworden nach dem 11. September, "die Absperrung stört schon, es gibt kein Laufpublikum mehr und wenn man Unter die Linden will, muss man einen Umweg machen".Es ist die US-amerikanische Botschaft, die die Neustädtische Kirchstraße zu einem solch stillen Ort gemacht hat, zu einer "toten Ecke" wie PR-Frau Andrea Winkhardt sagt. Dass die Botschaft das gesamte Leben in der Straße prägt, ist auch lange vor dem 11. September so gewesen. 1977 war die Botschaft in das ehemalige "Haus des Handwerks" eingezogen. Suche nach DokumentenAls die Stasi in den achtziger Jahren das Geheimarchiv der Berliner I.G. Farben-Zentrale in der Gegend rund um die Mittelstraße suchte, vermutete sie, dass die Amerikaner das Gebäude in der Neustädtischen Kirchstraße ganz bewusst bezogen hätten, um sich ihrerseits von dort in das I.G. Farben-Geheimarchiv zu buddeln. Der Verdacht wurde jedoch nicht erhärtet, außerdem, stellte der zuständige Stasi-Hauptmann klar, hätten die Amerikaner nicht auf dem Gebäude bestanden. Stattdessen hätten sie den historischen Standort am Brandenburger Tor zurückgefordert, das aber sei abgelehnt worden, weil er sich im Grenzgebiet befand.Im Jahre 2006 soll die amerikanische Botschaft ans Brandenburger Tor zurückkehren. Bis dahin wird die Neustädtische Kirchstraße eine tote Ecke in Berlins Mitte bleiben, und keine Straße oder nur zur Hälfte eine Straße sein.Ein Modderloch in Mitte // Die Neustädtische Kirchstraße erhielt ihren Namen Ende des 18. Jahrhunderts. Zuvor hieß sie offiziell Kirchstraße, ihr nördlicher Abschnitt wurde jedoch im Volksmund "Modderloch" genannt.Namensgebend für die Straße war die Dorotheenstädtische Kirche, auch Neustädtische Kirche genannt. Die im Barockstil gestaltete Backsteinkirche befand sich im Dreieck Neustädtische Kirch-, Dorotheen- und Mittelstraße. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1965 abgetragen.Etwa 400 Meter lang ist die Neustädtische Kirchstraße heute. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie von der heutigen Dorotheenstraße bis zum Reichstagsufer verlängert.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER.Kaffee trinken mit Blick auf Panzer: die Neustädtische Kirchstraße in Mitte.

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