In der vergangenen Woche verhaftete das FBI an einem Morgen 127 Gangster der sieben New Yorker Mafia Familien. Es war die größte Aktion gegen die Mafia in der Geschichte des FBI und löste unter New Yorkern einige Verwunderung aus. Gemeinhin hatte man geglaubt, dass es die Mafia nicht mehr gebe oder dass sie zumindest keine große Rolle mehr spiele seit 1992 der Pate der Gambino-Familie, John Gotti, in einem spektakulären Prozess abgeurteilt wurde.In der New York Times erklärte deshalb der langjährige Mafia-Reporter der Zeitung, Selwyn Raab, warum die Mafia immer noch so mächtig ist. Die Ermittlungen Ende der 80er-Jahre, die schließlich unter anderem zu Gottis Verhaftung führten, hätten zwar die Familienhierarchien weitgehend zerschlagen. Doch das FBI habe nach dem 11.September 2001 seine Anti-Mafia-Einheiten zugunsten der Terror-Bekämpfung drastisch gestutzt. Das habe den Familien die Gelegenheit eröffnet, sich neu zu formieren. Ihre Fähigkeit, sich immer wieder zu regenerieren resultiere aus der strammen Organisationsstruktur, die der berüchtigte Lucky Luciano schon in den 30er-Jahren eingeführt habe. Die italienisch-stämmige Mafia habe sich nie auf einzelne Anführer verlassen. Jeder war ersetzbar; sobald ein Oberhaupt verhaftet wurde, rückte jemand nach.Die heutige Mafia in New York lebe im Grunde noch immer vom gleichen Kerngeschäft wie eh und je, schreibt Raab: Sportwetten und schwarze Kredite zu exorbitanten Konditionen. Das Kreditgeschäft habe von der Wirtschaftskrise profitiert. Als die Banken keine Kredite vergaben, hätten sich kleine Betriebe an die Mafia gewandt. Auch das erkläre deren Wiederaufblühen. Raab glaubt nicht, dass der jüngste Schlag der Mafia den Garaus gemacht hat: "Sie ist angeschlagen. Aber nicht lebensgefährlich."Das Wall Street Journal sieht gleichfalls die streng hierarchische Struktur als stärkstes Element, um etwa die russische und die chinesische Mafia in New York zu überleben. Einer der genialsten Züge der New Yorker Mafia nach dem Schlag zu Beginn der 90er sei es aber auch gewesen, die kriminellsten Aktivitäten wie Mord und Überfall anderen Banden zu überlassen, um sich weniger angreifbar zu machen. So kooperiere die Mafia eng mit den Hells Angels.Die Nachrichtenwebsite Slate glaubt, die Mafia gehe nicht mehr nur ihrem traditionellen Gewerbe nach, sondern sei moderner geworden. So unterhalte sie einen Prostitutionsring, der das Kleinanzeigen-Internetportal Craigslist nutze. Sie betreibe ein illegales Sportwettgeschäft, das über Server in Costa Rica laufe. Zudem gebe es Indizien, dass die New Yorker Mafia in Italien an der Vergabe von staatlichen Aufträgen zur Erzeugung von Windkraft beteiligt sei.Das Nachrichtenportal Huffington Post delektiert sich derweil an den humoristischen Aspekten. Die Website listet die witzigsten Spitznamen der verhafteten Mafiosi auf. Zu den besten gehören: Vinny Carwash, Johnny Pizza, Junior Lollipops, Tony Bagels, Johnny Cash, Baby-Fat Larry und Jack the Whack. Selbst die Drehbuchschreiber von Mafia-Serien wie den Sopranos dürften angesichts solcher Kreativität erstaunt gewesen sein. Sebastian Moll