Die NGBK-Ausstellung "Islands + Ghettos" untersucht den Wandel urbaner Strukturen: Die Möglichkeit einer Insel

Eine anmutigere Grenzüberschreitung ist kaum vorstellbar: Schnell zeigt der Artist noch seinen Pass, dann segelt er auch schon mit ausgestreckten Armen den blauen Sonnenhimmel entlang; hoch über den Zaun, der Mexiko von den USA trennt. Der Aktionskünstler Javier Téllez hat "Amerikas berühmteste menschliche Kanonenkugel", David Smith, 2005 einfach hinüber geschossen, im Rahmen eines Therapieprojekts für psychiatrische Patienten. "Smith steht für das Fliegen über menschliche Grenzen", erklärte der Venezolaner damals.In der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) kann man das Kunststück nun als Video sehen. Es ist Teil der vom Heidelberger Kunstverein initiierten Ausstellung "Islands + Ghettos. Über territoriale Segregation in Städten des 21. Jahrhundert" mit Beiträgen von 34 Künstlern. Ein Schwerpunkt liegt auf den boomenden Regionen Lateinamerikas und der Vereinigten Arabischen Emirate, wo der Kontrast zwischen Wohlstands- und Elendsvierteln aktuell besonders markant zu Tage tritt.So hat der Fotograf Alexander Apostol in Caracas sowohl modernistische Stadtgebäude als auch die Behausungen der Barrios aufgenommen und digital alle Türen und Fenster entfernt. Indem er den Motiven seiner großformatigen Serie "Residente Pulido" (2001-03) jegliche Wohnlichkeit nimmt, lässt er auch die Unterschiede zwischen den Bauten und ihren Nutzern verwischen. Ganz anders die Fotoserie "Body Techniques" (2007) der Afrikanerin Carey Young, die Aktionen der US-Body Art zitiert. In ihren Bildern verschmilzt sie selbst mit den Neubaugebieten rund um Dubai; mal an einen Bordstein geschmiegt, mal auf die Straße gekauert oder - auf Bruce Naumans "Square Dance" (1967) verweisend - wie ein eingepferchtes Tier zwischen Baugerüsten. Dass Abschottungstendenzen auch deutsche Städte prägen, deutet die Arbeit der Architekten Michael Zinganel und Michael Hieslmair an. Ihre anonymen Pappmodelle in "Crossing Gates" lassen an die Sterilität so genannter Service-Apartments denken; zumindest wenn man dazu per Kopfhörer den kühlen Alltagsschilderungen von Menschen lauscht, die ihre Kinder aus dem bewachten Luxus zu internationalen Schulen fahren. Sogar in Kreuzberg entstehen derzeit solche Lofts - mit einem Fahrstuhl für die gefährdeten Nobelkarossen.Diese Problemzonen ebenfalls zu thematisieren, ist ein Verdienst der Ausstellung und schärft das politische Profil der NGBK im Jahr ihres 40. Jubiläums. Doch die Vielfalt macht die Schau auch angreifbar: Im weiten Themenfeld territorialer Ein- und Ausgrenzung verliert man leicht den Überblick zwischen nationalen und innerstädtischen Konflikten. Hier könnte jeder Aspekt eine eigene Ausstellung füllen - so wie schon 2007 die DAAD-Schau "Hyper Cities" im Museum für Asiatische Kunst.Besonders im zweiten und größeren Teil von "Islands + Ghettos" im Kunstraum Kreuzberg ist ein roter Faden kaum zu erkennen. Passt etwa der Arbeitsalltag von Konsumdesignern noch ins Konzept, porträtiert in Harun Farockis Film "Die Schöpfer der Einkaufswelten" (2001)? Hier steht die Debatte um öffentlichen und privaten Raum neben Themen wie illegale Migration und Gaza-Siedlungen. Ein ganzer Raum ist nur dem umstrittenen Berliner Shoppingcenter Alexa gewidmet: "Ist einkaufen die letzte verbleibende Form öffentlicher Aktivitäten?" fragt Eva Kietzmann in ihrem Video und läuft mit einem "Besitz ist fiktiv"-Schild durch die Geschäfte. Das Prinzip der sozialen Verinselung wird auf antikapitalistische Gesten reduziert.Immerhin bleibt es nicht bei der bloßen Dokumentation künstlerischer Interventionen. Zur Tradition der Bezirksgalerie und NGBK gehört, sie den Betrachtern auch live erlebbar zu machen. Ähnlich wie die Street-Art-Schau "Backjumps" bietet "Islands + Ghettos" ein teils wunderbar ironisches Rahmenprogramm; etwa einen Kanutrip zur "Recherche über Spreeverinselung" oder eine Führung durch die "No-Go-Areas" Berlins. Nur für einen Kanonenflug über die Mauer ist es heute - zum Glück - zu spät.Islands + Ghettos: NGBK, Oranienstr. 25/Kunstraum Kreuzberg, Mariannenplatz 2, bis 26. April, täglich 12-19 Uhr.------------------------------Foto: An den Rand von Dubai gekauert: In ihrer Serie "Body Techniques" zitiert Carey Young (Foto) Werke der Body Art, etwa die dänische Künstlerin Kirsten Justesen (Sculpture II, 1969).