Schlicht wirkt die Nikolaikirche, wenn man sie betritt, und zugleich sehr hell. Vom Eingang kann man bis zum Chor sehen. Nur das fast 450 Jahre alte Taufbecken aus Zinn, das erst vor wenigen Jahren restauriert wurde, verstellt etwas den Blick. Am Sonntag um 15 Uhr wird die Nikolaikirche nach gut zweijähriger Restaurierung wiedereröffnet. Aber nicht als Kirche, diese Funktion hat sie schon lange nicht mehr. Sondern als Ausstellungsort des Stadtmuseums Berlin."Die Ausstellung hat internationalen Standard und vermittelt Wissen zur Nikolaikirche und zur Berliner Stadtgeschichte", sagt Franziska Nentwig, die Generaldirektorin des Stadtmuseums. Und um diese Geschichte zu präsentieren, gibt es wohl kaum einen besseren Ort als die Nikolaikirche. Denn sie ist das älteste Gebäude Berlins. "Vom Stadtgrund bis zur Doppelspitze. 800 Jahre Berliner Nikolaikirche" heißt die Ausstellung, deren Konzeption einfach ist. Während das Mittelschiff der Kirche einen freien Blick auf die kirchliche Ausstattung wie die hölzerne Kanzel, das große Kreuz sowie die hängenden Altarfiguren im Chorbereich ermöglicht, sind in den Seitenschiffen und den Kapellen die sieben Ausstellungsbereiche angeordnet, sagt Kurator Albrecht Henkys. Er ist mit Ausstellungsstücken sparsam umgegangen, die Besucher können sich vor allem multimedial an kleinen Monitoren informieren und sich dort durch die Geschichte klicken.Trotz moderner Präsentation gibt es historische Schätze zu sehen. Erstmals wird der Münzschatz aus dem Turmknauf in der Beyerschen Gruft ausgestellt, der bis 1990 als verschollen galt. In der Sakristei wird ein Altartuch aus der Zeit um 1300 präsentiert, und eine fast 2,50 Meter lange Rippe und ein Schulterblatt werden in einem Seitenschiff aufgehängt. Es sind originale Skelett-Reste, die von einem Grönlandwal stammen und ein Gastwirt im 17. Jahrhundert gekauft hatte. Er brachte sie als Hauszeichen an seiner Wirtschaft an - der Gaststätte "Zur Rippe". Das Gasthaus gibt es noch heute im Nikolaiviertel, nur Rippe und Schulterblatt sind inzwischen Kopien.Wie die Frühgeschichte Berlins künftig in der Nikolaikirche präsentiert wird, findet Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gelungen. Dazu trägt auch ein neues Lichtkonzept bei. Von den Decken hängen nicht mehr große Kronleuchter, sondern unauffällige Metall-Stelen. Darin sind insgesamt 669 Glaskugeln mit Leuchten befestigt, die entweder die Ausstellungsstücke anstrahlen oder etwa bei Konferenzen das Mittelschiff beleuchten können.Keine Rumpelkammer mehrMit der neuen Beleuchtung ist auch der verstaubte Charakter der Kirche weg, den sie vor ihrer Schließung Anfang 2008 hatte. "Sie wirkte verbraucht, ein bisschen wie eine Rumpelkammer", sagt Architektin Christina Petersen. Sie war in den vergangenen zwei Jahren für die Restaurierung verantwortlich. Und die Arbeiten waren dringend notwendig. In den Gewölben etwa hatten sich über die gesamte Länge bis zu anderthalb Zentimeter breite Risse gebildet. Der Boden war stellenweise abgesackt. Es gab auch Sicherheitsmängel in der Elektrik. "Die Sanierung erfolgte sehr zurückhaltend. Wir wollten der Nikolaikirche nicht einfach den Stempel aus dem Jahr 2010 geben", sagt die Architektin.So blieben die Farben der Gewölbebemalung etwa in Rot, Grün und Blau aus der Zeit des Wiederaufbaus der Kirche durch die DDR zur 750-Jahr-Feier Berlins erhalten. Die Pfeiler sind dagegen nicht mehr weiß, sondern haben einen leichten Grauschimmer. Wie Christina Petersen sagt, ist das die historische Farbe, wie bei Untersuchungen festgestellt wurde.Für Besucher nicht sichtbar ist im Dachraum eine neue Dämmebene eingezogen worden, die nun das Kirchendach und die Gewölbekonstruktion voneinander trennt. So sollen Temperaturschwankungen und damit die Bildung von neuen Rissen an Decken und Wänden im Kirchenraum verhindert werden. Komplett erneuert wurde der Fußboden. Statt Keramikplatten wie zu DDR-Zeiten haben die Denkmalpfleger nun handgefertigte rote Klinkersteine auf insgesamt 1 200 Quadratmeter Fläche verlegen lassen. Durch andere Steinformate wurde in den Boden zugleich der Grundriss der spätromanischen Basilika eingearbeitet, sodass sich die Besucher die Größe dieser frühen Nikolaikirche besser vorstellen können. "Diese Spur der Basilika wollten wir unbedingt zeigen", sagt die Architektin. Auch eine Fußbodenheizung wurde eingebaut. Die Restaurierung der Nikolaikirche sowie die Einrichtung der neuen Dauerausstellung hat insgesamt etwa vier Millionen Euro gekostet. Außer Landesmitteln stand dafür auch Geld der Europäischen Union zur Verfügung.Eröffnet wird die Kirche am Sonntag vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Wie er sagt, erhalten die Berlinerinnen und Berliner ein "stadtgeschichtliches Juwel" zurück. Die Nikolaikirche stehe wie kaum ein anderer Ort für das Selbstbewusstsein der Berliner Bürger, für ihren Freiheitsanspruch und für ihren politischen Gestaltungswillen. Wem die Ausstellung zu groß ist, der kann auch am Kircheneingang virtuell durch die Geschichte spazieren - an einem Computer. Auf einem großen Bildschirm ist es möglich, mit den Händen die Jahrhunderte buchstäblich hin und herzuschieben, Jahreszahlen anzuklicken und Informationen abzurufen.------------------------------CHRONIKDie Nikolaikirche wurde um 1230 als erste Kirche Berlins gebaut. Sie bildete zusammen mit dem Molkenmarkt den Kern der späteren Handelsstadt Berlin. Auf der gegenüberliegenden Spreeseite wuchs um die Petrikirche die Stadt Cölln heran. Die Nikolaikirche ist das älteste erhaltene Bauwerk Berlins.Geweiht ist das Gotteshaus dem Heiligen Nikolaus von Myra, der als Schutzpatron der Kaufleute und Seefahrer gilt. Erstmals urkundlich genannt wurde die Nikolaikirche 1264. Errichtet wurde sie als dreischiffige Basilika aus Feldsteinen im spätromanischen Stil, sie wurde noch im 13. Jahrhundert zu einer frühgotischen Hallenkirche in Backstein umgebaut, verfügte asymmetrisch aber nur über einen Turmaufbau.Der Sakralbau wurde mehrfach erweitert. Der imposante Hallenumgangschor entstand Ende des 14. Jahrhunderts, der Bau des spätgotischen Langhauses, der Sakristei und der seitlichen Liebfrauenkapelle erfolgte im 15. Jahrhundert.Mit der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts änderte sich die Nutzung der Kirche. Die Seiten- sowie die Chorkapellen wurden zu Begräbnisstätten umgewidmet. So ließen Adlige, kurfürstliche Beamte, Gelehrte sowie Angehörige des Militärs und der Oberschicht prunkvolle Grabstätten errichten. Die Gruften und Grabdenkmäler an Wänden und Säulen prägen noch heute den Innenraum. 1694 wurde nahe dem Altar der Philosoph Samuel von Pufendorf bestattet, ein Wappenschild erinnert daran. Historisch wertvoll ist das Gruftportal für den Hofgoldschmied Daniel Mannlich durch Andreas Schlüter als bedeutendes Werk des Barock.Die Hauptpfarrkirche war nicht nur ein Ort für Gottesdienste, sondern auch ein Ort des Bürgertums, der Kirche kam die Rolle eines "verlängerten Ratssaals" zu. Die erste frei gewählte Stadtverordnetenversammlung Berlins wurde nach der Einführung der Städteordnung am 6. Juli 1809 in der Kirche vereidigt.Tiefgreifende Restaurierungsarbeiten fanden 1877-1880 unter Hermann Blankenstein statt. Nachdem die Kirche über Jahrhunderte nur über einen Turm verfügte, ließ er über dem spätromanischen Westbau einen neogotischen Backsteinaufsatz bauen und den Zwillingsturm errichten. Die Türme sind nun fast 90 Meter hoch. Innen wurde eine Orgelempore eingebaut und die barocke Ausstattung entfernt.Der letzte Gottesdienst in der Nikolaikirche fand am 5. November 1939 statt. Im Anschluss sollte sie im Rahmen eines städtebaulichen Gesamtkonzepts für das umgebende Viertel restauriert werden. Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kirche völlig zerstört und als Gotteshaus nie wieder in Betrieb genommen.Archäologische Grabungen erfolgten zunächst in den 1940er-Jahren und dann von 1956 bis 1958 sowie kurz vor dem Wiederaufbau der Kirche von 1980 bis 1982. Nachgewiesen wurden dabei unter anderem Reste von zwei Vorgängerbauten - der spätromanischen Basilika und des frühgotischen Hallenlanghauses. Auch ein vorstädtischer Friedhof mit 90 Gräbern aus dem 12./13. Jahrhundert wurde entdeckt.Zur 750-Jahr-Feier Berlins wurde die Nikolaikirche in den Jahren 1980-1987 wiederaufgebaut. Zwischen Spree und Spandauer Straße ließ die DDR zugleich als Prestigeprojekt das Nikolaiviertel unter der Leitung des Architekten Günter Stahn nachbauen. Am 14. Mai 1987 wurde die Nikolaikirche mit einem Festakt eröffnet. Sie dient seitdem als Dependance des Märkischen Museums, heute Stadtmuseum Berlin.Ein Ort der Demokratie ist die Nikolaikirche auch nach der deutschen Einheit. Am 11. Januar 1991 fand dort die konstituierende Sitzung des ersten frei gewählten Gesamtberliner Abgeordnetenhauses statt. Für eine umfangreiche Restaurierung wurde die Kirche Anfang 2008 geschlossen. Mit neuem Raumkonzept und einer Dauerausstellung öffnet die Kirche am Sonntag wieder.------------------------------Öffnungszeiten: Die historische Nikolaikirche in Mitte wird nach gut zweijähriger Restaurierung am Sonntag um 15 Uhr mit einem Festakt wiedereröffnet. Geöffnet hat die Kirche täglich von 10 bis 18 Uhr.Preise: Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Inklusive ist ein Audioguide zur Ausstellung (130 Minuten; auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Russisch). Jeden 1. Mittwoch im Monat Eintritt frei (Audioguide 2 Euro). Angemeldete Schulklassen, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre Eintritt frei.Führungen: Öffentliche Führungen gibt es jeden Freitag um 15 Uhr. Zuzüglich zum Museumseintritt kostet ein Ticket drei Euro, ermäßigt zwei Euro.Infoline: Anmeldungen und Reservierungen für Gruppen, Führungen sowie Klassen unter Tel. 24 00 21 62.Festprogramm: Das Stadtmuseum bietet kommende Woche Mo-Fr, 14 und 17 Uhr, Führungen zu Themen wie Baugeschichte der Nikolaikirche, Nikolaiviertel, Lieder aus St. Nikolai sowie Bestattungskultur und Grabmalskunst. (Ticket 3 Euro/erm. 2 Euro zzgl. Eintritt)Orgelspiel: In der Eröffnungswoche gibt es Mo-So 18-18.30 Uhr ein öffentliches Orgelspiel. Eintritt frei. Am Ostersonntag (4.4.) wird auf der Orgel ein Osterkozert gegeben (19 Uhr, Karten 15 Euro).Informationen zum Stadtmuseum: www.stadtmuseum.de------------------------------Grafik: NikolaikircheKarte: NikolaiviertelFoto: Weltbekannt - Kirchenlieder aus St. Nikolai: Von der Kanzel aus dem Jahr 1662 - sie stammt eigentlich aus der Franziskanerkirche und wird aufwändig restauriert und nachgebaut - predigte Paul Gerhardt. Er war 1657-1667 Pfarrer an der Nikolaikirche und hat 139 Liedgedichte verfasst. An das Wirken von Gerhardt sowie der Kantoren Johann Crüger und Johann Georg Ebeling wird in der Ausstellung erinnert. Auf der Orgelempore gibt es Hörstationen mit Kompositionen.Foto: Verloren und wiederentdeckt - Der Münzschatz aus dem Turmknauf: Ein paar Treppenstufen führen in die Beyersche Gruft (l.), die sich auf dem ursprünglichen Bodenniveau der Kirche befindet. Dort sind Münzen und Medaillen ausgestellt, die zwischen 1514 und 1734 gespendet wurden. Nach der Zerstörung der Kirche 1944 wurde der Schatz eingelagert, verschwand aber in den Nachkriegswirren. Erst 1990 tauchte der Schatz wieder auf. Ein Berliner hatte die Sammlung geerbt, er spendete die Münzen dem Stadtmuseum.Foto: Bestattungskultur im Kirchenraum - Das Pantheon der Berliner: Die Nikolaikirche war nach der Reformation auch Begräbnisort für Bürger und Beamte. Anhand von Epitaphien, Grabdenkmälern und Grabbeigaben wird dies illustriert. So sind etwa die Kastanien, Murmeln und Kreisel ausgestellt, die die Zöglinge eines Waisenhauses für Knaben in Schöneiche aus ihren Hosentaschen holten und in die Gruft ihrer Gönnerin Rosina Schindler (1688-1746) warfen. 1819 fand das letzte Begräbnis in der Nikolaikirche statt.Foto: Vom Feldstein zum Backstein - Die Baugeschichte der Nikolaikirche: Vor einem großen Flachbildschirm stehen drei Reihen alter Kirchenbänke. Ein Film veranschaulicht die Geschichte der Nikolaikirche, die vermutlich schon im 12. Jahrhundert mit einer hölzernen Kirche inmitten eines Friedhofs begann.Foto: Spurensuche - Die frühe Berliner Stadtgeschichte: Gut einen Meter tiefer als heute lag das Bodenniveau des mittelalterlichen Berlins. Mauern der spätromanischen Nikolaikirche sind rings um einen Pfeiler in einem offenen archäologischen Sichtfenster zu sehen. Zudem ist der gesamte Grundriss der Basilika im neu verlegten Boden nachgezeichnet. An einer Medienstation können sich Besucher über die Geschichte noch erhaltener Gebäude aus dem Mittelalter informieren. Auf das ursprüngliche Bodenniveau - die Sohle der Stadt - kann man im südlichen Turm-Joch hinabsteigen. Dort befindet sich die Beyersche Gruft.Foto: Spaziergänge - Das Nikolaiviertel gestern und heute: So wie das Nikolaiviertel heute steht und im Modell zu sehen ist, hat es nie existiert. Nur wenige Häuser wie die Kirche waren beim Wiederaufbau in den 1980er-Jahren zumindest in Teilen erhalten. An Bildschirmen erfährt man bei einem virtuellen Rundgang etwa, dass die Gerichtslaube Teil des alten Berliner Rathauses war und 1871 abgerissen wurde. Und die Gaststätte Zum Nussbaum stand ursprünglich in Alt-Cölln und wurde 1943 zerstört.Foto: Spurensuche - in den 50er-Jahren wird die Kirchenruine untersucht.Foto: Nikolaikirche in Öl - Gemälde von Johann Heinrich Hintze (1827)Foto: Restaurierung - die beiden 43 Meter hohen Turmspitzen werden 1982 montiert.Foto: Hell und übersichtlich - die Nikolaikirche ist nach der Restaurierung wieder Museum.