BERLIN, im Oktober. Es ist so eine Art Winkreflex. Der Reflex ist an ein Lächeln gekoppelt, breit und Zähne zeigend, und dann geht die Hand hoch und winkt. Kein majestätisches Winken, die Hand von links nach rechts, sondern ein Mädchen-Winken, die Finger klappen nach unten und dann wieder nach oben. Winke, winke. Schwer zu sagen, ob der Reflex schon vorher da war, oder ob er neu ist, aber er beherrscht sie alle. Er kommt unvermeidlich, sobald jemand vorbeigeht, der ein Fan sein könnte oder auch nur ein Roadie. Sandy, die durch die Halle tänzelt, winkt. Lucy, die mit dem Baggerfahrer herumalbert, winkt. Vanessa, die mit vorgeschobener Unterlippe zu ihrem Tourmanager sagt: "Aber ich muss schnell meinen Koffer aus dem Bus bekommen, bitte, bitte, bitte." Sie winkt. Nadja und Jessica sind noch im Backstage, aber man könnte darauf wetten, dass auch sie dort winkend herumgehen. Vielleicht ist es nur freundlich gemeint, einfach nur eine Geste, um zu sagen: Hallo, da sind wir, schön, dass ihr auch da seid. Aber so genau weiß man das nicht, weil die "No Angels" ein Kunstprodukt sind, dessen absolute Natürlichkeit vom Management in jedem Interview betont wird. Das ExperimentDie "No Angels" sind nicht in irgendeinem Übungskeller entstanden, sondern in der Fernsehsendung "Popstars - Du bist mein Star", und alle, die für den Erfolg wichtig waren, haben zugesehen. Es gibt die Bezeichnung "werberelevante Gruppe" im Fernsehen schließlich nicht umsonst. Bei "Popstars" waren die Zehn- bis Zwanzigjährigen wichtig, die gute Aktien sind, weil man auch in ein paar Jahren noch eine Menge Geld mit ihnen machen kann. Dass das im Fall der "No Angels" so reibungslos geklappt hat, damit konnte niemand rechnen. Aus Tausenden von Mädchen wurden öffentlich fünf gecastet und dann via Kamera auf den Weg geschickt, die Musikwelt zu erobern. "Popstars" hätte ein reines Experiment sein können, und wenn die Mädchen keinen Erfolg gehabt hätten, dann wäre das kein Misserfolg gewesen, sondern lediglich der Beweis dafür, dass auch Profis sich bei der Auswahl der zukünftigen Stars mal irren können. Aber das wäre eine langweilige Geschichte gewesen. Und zum Glück war es ja nicht so. Vanessa, Nadja, Lucy, Sandy und Jessica hatten mit ihrem ersten Song, dem simpel strukturierten "Daylight in your eyes", sofort einen Nummer-eins-Hit, das Album "Elle ments" verkaufte sich über eine halbe Million Mal und so wurden aus einer Reisekauffrau-Azubi, einer Verkäuferin, einer allein erziehenden Mutter, einer Studentin und einer Tänzerin richtige Popstars. Manche haben sich natürlich geärgert. Über die kühle Kalkulation hinter dem Erfolg und über die Kommerzialisierung der Popmusik, was Quatsch ist, weil die Musikindustrie sich längst vom Traum des kreativen und ständig selbsterneuernden Musikers verabschiedet hat. In Siegen, beim allerersten Konzert ihrer allerersten Deutschlandtournee, hat es sogar kleine Proteste gegeben. Ein paar Idealisten verteilten Zettel: "Keine Chance für Plastikbands". In Berlin stehen schon fünf Stunden vor dem Konzertbeginn viele junge Menschen vor den Türen der "Arena" und rufen: "Vier, drei, zwei, eins, No Angels!"In der Halle ist davon nichts zu hören. Der Tourmanager schleppt Vanessas Gepäck und das Kosmetikköfferchen. Lucy sitzt mit ihrem Handy-Communicator auf der Treppe zum Mischpult. Auf der Homepage der "No Angels" steht bei ihr unter der Rubrik Hobby: "Chatten". Inzwischen ist auch Jessica aufgetaucht. Jessica würdigt die anderen mit keinem Blick, sie gilt als die Intellektuelle der Band. Als die "No Angels" noch die vier Elemente verkörpern mussten, erfanden die Produzenten für Jessica ein fünftes. Sie bekam eine Brille und war fortan der "Geist". Der Soundcheck dauert eine Stunde. Die fünf Mädchen singen a capella, die Musik dudelt nur leise im Hintergrund, und man hört, dass die Produzenten beim Casting für die "No Angels" tatsächlich auf die Stimmen geachtet haben. Sie singen ihre Hits an, und dann noch ein bisschen "Johnny B. Goode" und "Great balls of fire", aber keine kennt den Text, die Lieder sind ja auch schon ziemlich alt, und die "No Angels", zwischen neunzehn und fünfundzwanzig, ziemlich jung. "George, kann es bitte ein bisschen schneller gehen?", fragt Vanessa.Der große PlanGeorge Kerwinski ist der Tourmanager der "No Angels", fünfundfünfzig Jahre alt, ein resoluter, väterlicher Typ. Er hat schon für Michael Jackson gearbeitet und Tina Turner, für die Großen also. Jetzt arbeitet er für die "No Angels". Vor dem Backstageeingang steht ein junges Mädchen mit Stift in der Hand. George Kerwinski schaufelt sie beiseite und fährt die Sicherheitsleute an. "Warum steht jetzt hier unten ein Autogrammsammler? Ich habe gesagt, keine Autogrammsammler!" Die Halle ist leer, das Mädchen steht ganz allein, aber gleich beginnen die Pressetermine, der Ablauf scheint gefährdet. Vielleicht geht es aber auch darum, dass bei den "No Angels" nichts außerhalb des großen Plans stattfinden darf. Zum großen Plan gehört, dass ein Interview mit den "No Angels" schwer zu bekommen ist. Sie sind in Deutschland erfolgreicher als Michael Jackson. Fünfzehn Minuten Gespräch, mehr ist nicht drin. Die Managerin der "No Angels" kommt in den Raum gefedert. Sie ist siebenundzwanzig Jahre alt, heißt Joy Hayat Berhanu und lässt keinen Zweifel daran, dass sie hier die Autorität ist. "Kann ich euch die Mädchen jetzt schon bringen?", fragt sie, obwohl man ja sowieso keine Wahl hat, und federt schon wieder aus dem Raum. "Lucy, Nadja, Sandy, Vanessa, Jessica", ruft sie, und man wundert sich, dass sie dabei nicht noch rhythmisch in die Hände klatscht, damit das alles ein bisschen schneller geht. "Wir setzen uns vorher immer zusammen und besprechen, was sie sagen", sagt Joy. "Damit die Mädchen den Fokus nicht verlieren."Es ist nicht zu befürchten, dass die "No Angels" den Fokus verlieren. Sie erzählen, wie viel Spaß alles macht, dass die Fans einfach toll sind, dass man natürlich jetzt weniger Freizeit hat, aber dass das eben der Preis sei und nicht schlimm. Dass man hart gearbeitet hätte und denen dankbar ist, die den Erfolg möglich gemacht haben. Dass Nadja natürlich ihr Kind vermisst, aber andererseits sei es ja auch gut für die Zukunft des Kindes. Sie wirken seltsam unnahbar, ein bisschen leer, ein bisschen gelangweilt. Vanessa sagt: "Unser Management ist super. Wir bekommen überhaupt keinen Druck." Nadja sagt: "Wir machen das doch freiwillig. Wir lieben unseren Beruf." Das haben sie schon oft gesagt. Als eine von ihnen aus Versehen einmal ausplauderte, dass die "No Angels" pro Kopf von der Plattenfirma nur fünftausend Mark im Monat bekämen, schrieben viele Zeitungen etwas von Ausbeutung und Knebelverträgen. "Die bekommen ihr Geld später. Wir möchten nicht, dass sie den Boden unter den Füßen verlieren", hieß es damals. Und die Mädchen gaben brav zu Protokoll: "Wir machen das doch freiwillig. Wir lieben unseren Beruf." Seitdem ist das Thema Geld in der Öffentlichkeit tabu. "Ihr habt jetzt genau anderthalb Stunden frei", sagt Joy und schickt die Mädchen in ihr Zimmer. Es gibt wenig, was die "No Angels" allein machen. Das Büffet wird gebracht, die Tanzstunden koordiniert, eine Kostümbildnerin sorgt für das Outfit, eine Maskenbildnerin für das Aussehen. Den Rest erledigt Joy. "Ich habe ihnen vorhin gesagt: Zieht euch jetzt mal was Gemütliches an." Die "No Angels" funktionieren, weil sie von Anfang an ihr natürliches Gesicht gezeigt hätten, sagt Joy. "Es gibt im Prinzip keine Geheimnisse." Der Erfolg der Band ist das gemeinsam erreichte Ziel von Zuschauern und Bewerberinnen, und wahrscheinlich sind deshalb auch alle die, die "Popstars" gesehen haben, automatisch zu "No Angels"-Fans geworden. Die Musik, die dabei herauskommt ist im Grunde völlig unwichtig, das Individuum spielt keine Rolle. An diesem Abend in Berlin ist das Konzert der "No Angels" in der "Arena" ausverkauft. Fünftausend Teenies, die Eltern warten draußen vor der Halle. Als sich das Licht senkt, beginnt ein Kreischen. In dieser perfekten Liaison zwischen Fans und Popstars gewinnen alle, die einmal den Mädchentraum hatten, ein Star zu sein. Und es ist ziemlich spannend, was nun kommen wird, weil es schon einige Retortenbands gab, die an ihrem Liveprogramm gescheitert sind. Die ShowWer peinliche Künstlichkeit erwartet hat, ist enttäuscht. Die Show ist perfekt, die Stimmen hübsch und die Lieder so wenig mühsam und eingängig, dass man automatisch mitwippen muss. Ein Drittel ist Playback, weil es schwierig ist zu singen und gleichzeitig zu tanzen - Britney Spears macht das auch so. Jessica singt Tracy Chapmans "Baby can I hold you", was aber kaum jemand kennt, weil es älter ist als die Zuschauer. Nadja singt ein Lied für ihre Tochter, und als die Fotos des Babys auf der Leinwand gezeigt werden, jubelt die Menge, als hätten sie das Kind gemeinsam zur Welt gebracht. "Es gibt keine Geheimnisse", hat Joy gesagt. Das ist die Doktrin der "No Angels". Es gibt nichts Privates, nichts Mystisches. Vielleicht können solche Popstars nicht wirklich berühren, aber womöglich ist das auch gar nicht wichtig. Die "No Angels" machen eine großartige Show, und man hat das Gefühl, dass sie eigentlich besser sind als das musikalische Format, das für sie geplant ist. Sie werden wahrscheinlich irgendwann den Weg aller Girlbands gehen. Bei irgendeiner von ihnen werden Realität und Selbsteinschätzung überlappen und sie wird plötzlich zum Individuum werden wollen. Aber noch nicht. Die "No Angels" singen, tanzen und rufen "Wir lieben euch" und "Habt ihr Spaß?". Nach zwei Stunden verschwinden sie wieder hinter die Bühne, wo Joy schon auf sie wartet.Der Bertelsmann-Musikchef Thomas Stein hat einmal gesagt: "Weder Autos noch Joghurt wollen dabei mitreden, wie sie produziert, verpackt oder vermarktet werden." Er würde die "No Angels" lieben.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER "Zieht euch mal was Gemütliches an" - Vanessa, Jessica, Sandy, Lucy und Nadja bei ihrem Auftritt in der Berliner "Arena".