Die Nordischen Kombinierer überraschen mit Doppelsieg: Papa brüllt

OSLO. Mehr als 10000 Menschen sind am späten Sonnabend auf dem Universitätsplatz im Zentrum von Oslo erschienen, Siegerehrung für Eric Frenzel. Doch wohin jetzt mit der Freude und der Verlegenheit? Frenzel hat mit dem Empfang nicht gerechnet. Er ist aufgeregt, verbeugt sich, winkt, singt kurz die deutsche Hymne mit, streichelt seine Goldmedaille. "Weltmeister - ein Traum, unglaublich. Mein Herz hüpft", sagt Frenzel, 22, der nordische Kombinierer aus Klingenthal in Sachsen. Sein Triumph am Holmenkollen ist die bisher größte Überraschung dieser nordischen Ski-Weltmeisterschaften. "Das war nicht abzusehen", sagt Frenzel und meint damit nicht nur sich, sondern auch Tino Edelmann, den Gewinner der Silbermedaille aus dem eigenen Team. Fast wäre es ein Dreifachtriumph der deutschen Zweikämpfer geworden, doch Johannes Rydzek aus Oberstdorf verpasste als Tagesvierter Bronze um 4,5 Sekunden.Die Saison war bisher außergewöhnlich kurz, es gab deutlich weniger Weltcups als in den Jahren zuvor - "Vermarktungsprobleme", erklärt Bundestrainer Hermann Weinbuch. Daher hat der 25-jährige Edelmann die Wettkampfserie "zum Training genutzt, zum Ausprobieren, um Material zu testen. Im Hinterkopf hatte ich nur Oslo und die Weltmeisterschaft. Der Rest war mir egal. Und ich glaube, dem ganzen Team ging es genauso." Die ganze Mannschaft hatte bis zum Sonnabend keinen einzigen Sieg in diesem Winter feiern dürfen.Nach Rang zwei zu Saisonbeginn hatte auch Frenzel eine Leistungsdelle, doch der Formaufbau sei eben passend gewesen, findet er. In der zuletzt langen Pause hat das deutsche Team auch in Oslo trainiert, schließlich hat es mit den Österreichern in Oberstdorf geprobt. Für Frenzel war die Testreihe ein Glücksfall: "Ich habe das richtige Material und Gefühl für die Schanze gefunden. Und läuferisch bin ich immer stärker geworden. Das Selbstvertrauen war da."In Oslo ist Frenzel ein Start-Ziel-Sieg gelungen: 109,5 Meter vom nebelverhangenen Midtstubakken, der kleinen Holmenkollen-Anlage - sein dritter Schanzenrekord, die anderen Bestmarken hat er im finnischen Kuusamo und im französischen Chaux-Neuve aufgestellt. Platz eins bedeutete dies nach dem Springen, 44 Sekunden vor Edelmann, dem Sechsten von der Schanze, und 1:12 Minuten vor dem Österreicher Felix Gottwald, dem besten Langläufer unter den Kombinierern, der von Platz 15 noch auf den Bronze-Rang lief.Für den 10-Kilometer-Langlauf hatte sich Frenzel eine simple Taktik ausgedacht: "Die Flucht nach vorne." Er lief konstant, sein Vorsprung vor Edelmann und Gottwald war nie geringer als eine halbe Minute, am Ende kam er knapp zwölf Sekunden vor Edelmann ins Ziel. Der Thüringer hatte sich im Zielspurt mit Gottwald verhakt, der Österreicher stürzte und sagte: "Das passiert, kein Vorwurf an Tino."Besuch in der EhrenlogeDer ehemalige Junioren-Weltmeister Frenzel bekam auf der Strecke "wichtige Unterstützung" von angereisten Fans, deren treuester Vater Uwe ist: "Der Papa stand ganz oben auf dem schweren Anstieg und hat mich nach vorne gebrüllt, das habe ich genau gehört, obwohl die Stimmung gigantisch war." Daheim vor dem Fernseher haben Freundin Laura und Sohn Philipp, 4, den Vater unterstützt - "Philipp wusste, wie schwer es für mich wird, er kennt das ganze Starterfeld." Nach seinem Sieg durfte Frenzel die Ehrenloge besuchen, sogar König Harald V. von Norwegen gratulierte.Der Erfolg vom Sonnabend ist der zwölfte WM-Titel für einen deutschen Kombinierer und die 40. deutsche WM-Goldmedaille. Platz eins und zwei in Oslo ist zudem die Wiederholung eines deutschen Coups von 1966 - damals wurde Georg Thoma vor Franz Keller am Holmenkollen Weltmeister.2011 haben die Deutschen laut Weinbuch "noch etwas zu erledigen" in Oslo. Etwa im Team-Wettbewerb am Montag. Nach der Saison droht dann ein garstiger Einschnitt: Der Erfolgsgarant Weinbuch, 50, seit 1996 Bundestrainer der Kombinierer, erwägt ernsthaft seinen Rücktritt: "Ich habe zwei ganz kleine Kinder, bin fast nie zu Hause. Da bleibt viel auf der Strecke. Um diesen Job erfolgreich auszuüben, musst du unheimlich viel investieren. Das kann ich mit der Verantwortung für die Familie nicht auf Dauer. Ich werde mit dem Skiverband reden, ob es eine andere Lösung gibt."------------------------------Foto: Respekt royal: Kombinierer Frenzel bei Königin Sonja und König Harald V.