Horst Schwarting kann inzwischen lachen, wenn er an vorige Ostern denkt. "Unsere Osterüberraschung" stand auf einem Zettel im Fenster der Offenbach-Stuben. Als der Hausverwalter in den Schankraum schaute, fand er ihn ausgeräumt vor. Die Offenbach-Stuben, eines der besten Restaurants Ost-Berlins, das die Wende überstanden hat, war am Ende. Schöne Osterüberraschung! Jetzt wird das Lokal in der Stubbenkammer-/Ecke Senefelderstraße in Prenzlauer Berg komplett umgebaut."Es ist viel zu lange nichts mehr gemacht worden hier", sagt Schwarting. Das soll anders werden: Dafür wird das Musikzimmer mit seinen rot gestreiften Stofftapeten abgeschafft, die dunkelgrünen Holzpaneele sind schon auf dem Müll. Zur Straßenfront hin soll eine Wand eingerissen werden, um Platz für einen großen Cafébereich zu schaffen. So hat man das heute. So will es auch das Betreiberpärchen - sie aus Hannover, er aus Thüringen -, denen Schwarting das Restaurant verpachten will. "Ich will den Namen retten. Viele Leute erinnern sich noch", sagt er.Ganz besondere Erinnerungen an die Offenbach-Stuben hat die Berliner Malerin Sarah Haffner. Die Tochter des Publizisten Sebastian Haffner lebte zu Mauerzeiten im Westen. Ausgestattet mit einem bundesdeutschen und einem britischen Pass reiste sie regelmäßig in den Osten. Den jeweils fälligen Mindestumtausch von 25 D-Mark (12,50 Euro) sammelte sie, um nach einigen Jahren eine Ost-West-Fete zu feiern - mit je 35 Gästen aus dem Osten und aus dem Westen. Ort dieser Feier im Jahr 1987, zu der auch Prominenz wie der damalige ARD-Korrespondent in Ost-Berlin, Peter Merseburger, oder der DDR-Schriftsteller Stefan Heym erschien, waren die Offenbach-Stuben."Ich kannte das Restaurant eigentlich gar nicht. Aber es war mir von mehreren Leuten empfohlen worden", sagt Sarah Haffner, die ihre Erinnerungen 2001 in ihrem Buch "Eine andere Farbe" festgehalten hat. "Dieses Lokal war ein bisschen theatralisch und sehr abgedreht", sagt sie. Da, wo sie die eigenen Erinnerungen im Stich zu lassen drohten, griff Haffner auf eine andere Quelle zurück: ihre Stasi-Akten. Denn selbstverständlich waren ihre Ost-West-Aktivitäten nicht unbemerkt geblieben. "Da saßen zwei Gestalten an der Bar, da konnte man sich gar nicht täuschen", erinnert sie sich.Die Wende überstanden die Offenbach-Stuben prächtig. Endlich konnten sich Ost und West ohne Aufsicht treffen. Die Stuben festigten ihren Ruf als politischer Ort durch viele namhafte Gäste, die die gute Küche, die skurrile Speisekarte ("Gräfin von Paris" war eine halbe Ente mit Rotkohl, Hirschkeule mit Schupfnudeln hieß "Plutos Leibgericht") und das gediegene Ambiente gern für Arbeitsessen nutzten. 1995 gab der Gründer auf, ein Kellner übernahm. Danach hörte man immer öfter Klagen über sinkende Qualität. Offenbar wurde an den falschen Enden gespart: an der Küche, am Personal, am Interieur.An den Offenbach-Stuben ist die Zeit vorbeigerast. Dass Gastronomen jedoch sehr wohl auch kreativ mit dem Phänomen Zeit umgehen können, beweist der Wirt der Kneipe Mosaik, nur ein paar Häuser weiter die Stubbenkammerstraße Richtung Prenzlauer Allee hinunter. Er veranstaltet am Sonnabend eine verspätete Halloween-Party, obwohl doch die Kürbis-Gruselei längst vorbei ist. Im Fenster klebt ein Zettel: "Wir schließen um 24 Uhr - oder bis keiner mehr kann."------------------------------Musikalischer NamenspatronDie Offenbach-Stuben wurden nach dem Operettenkomponisten Jacques Offenbach benannt. Bei der Einrichtung 1970 half die Komische Oper mit Fotos und Operetten-Nippes aus dem Fundus.Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Frankreichs Staatschef Francois Mitterrand begründeten den Ruhm in der Nachwendezeit - auch Gregor Gysi speiste noch Ende der 90er-Jahre dort.Günter Grass verewigte die Offenbach-Stuben in seinem Roman "Ein weites Feld", wo er aus der Speisekarte zitiert.------------------------------Foto : Die Offenbach-Stuben waren immer ein Künstlertreffpunkt. Die Illustratorin Ruth Messner gehörte zu den Gästen.