Berlin - Mit dem Thema „Flughäfen als Impulsgeber für Metropolregionen“ promoviert die Stadtforscherin Johanna Schlaack an der Technischen Universität Berlin. Dabei untersucht sie auch die Entwicklung am Flughafen Schönefeld.

Frau Schlaack, wenn es um den neuen Flughafen geht, geraten Politiker aus Berlin und Brandenburg ins Schwärmen. 40.000 neue Arbeitsplätze, wirtschaftliche Impulse, Aufschwung für die Region - deckt sich die Propaganda mit Ihren Erkenntnissen?

Der Flughafenausbau ist derzeit definitiv das größte Infrastrukturprojekt der Region Berlin-Brandenburg. Sowohl der Bau als auch der spätere Betrieb generieren erhebliche Impulse für das direkte und weitere Umfeld. Internationale Beispiele zeigen jedoch, dass man viel Geduld haben muss.

Es gibt die gern kolportierte Faustregel, nach der eine Million neue Passagiere 1.000 neue Arbeitsplätze nach sich ziehen. Zweifeln Sie daran?

Es gibt natürlich eine Abhängigkeit. Neben den direkten Beschäftigungseffekten müssen auch die indirekten, induzierten und katalytischen Impulse berücksichtigt werden. Steigende Passagierzahlen sind aber nicht unbedingt eine Folge des neuen Flughafens. Das Berliner Flughafensystem wächst seit Jahren konstant, auch weil Berlin eine Tourismusmetropole geworden ist.

Noch gibt es doch keine Erfahrungen mit dem neuen Flughafen. Er eröffnet doch erst im nächsten Jahr...

...aber die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und für Investitionen im Umfeld Schönefelds müssen jetzt geklärt werden. Das ist bisher noch nicht ausreichend geschehen.

Es sind doch überall Gewerbeflächen ausgewiesen, die auf Firmenansiedlungen nur warten. Interessierten Unternehmen werden rote Teppiche ausgerollt.

Das genau ist ja das Problem. Es gibt im nahen und weiteren Umfeld des Flughafens ein riesiges Flächenüberangebot mit insgesamt 2.100 Hektar Siedlungserweiterungsflächen. Das entspricht 3.000 Fußballfeldern. Jede Gemeinde, natürlich auch Berlin, wirbt um Investoren. Und ist einer an der Angel, wird er nicht mehr losgelassen.

Was ist falsch daran?

Es fehlt eine übergreifende Ansiedlungsstrategie, die über eine gemeinsame Vermarktung hinausgeht. Schließlich geht es um die weitsichtige Entwicklung und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Flughafenregion - diese darf nicht von kurzfristigen Interessen Einzelner abhängen. Nehmen Sie das ehemalige Baufeld Ost dicht am Flughafen, das Anfang der 90er-Jahre durch Immobilienspekulationen bekannt wurde.

Dort, noch auf Berliner Territorium, soll der Business Park Berlin mit Fokus auf Logistik und Gewerbe mit einem repräsentativen Eingangsbereich entstehen. Und was wurde dafür jetzt als eins der ersten Projekte genehmigt? Ein Aldi-Markt. Der konterkariert die angestrebte Entwicklung von vornherein.

Wie wollen Sie das ändern?

Die Investoren müssen gelenkt werden. Nur so ist gewährleistet, dass bestimmte Branchen an einem Standort auch zusammen passen. Und nur so könnte der Flughafen einmal mit anderen Regionen wie München oder London konkurrieren. Oder Amsterdam: Dort wurden zum Beispiel alle geeigneten Gewerbeflächen der Flughafen-Anliegergemeinden zusammengefasst und zentral strategisch vermarktet und entwickelt. Ein ähnlicher Versuch ist am neuen Flughafen bisher leider gescheitert.

Warum?

Die Gemeinden wollen sich nicht die Planungshoheit aus den Händen nehmen lassen, sind aber teilweise von der Komplexität der Situation sichtlich überfordert. Die Bürgermeister und ihre Verwaltungen sollten nicht alleine gelassen werden, schließlich geht es um den Hauptstadtflughafen. Investoren, die sonst in Asien oder Lateinamerika investieren, müssen hier, salopp gesagt, mit kleinen Verwaltungsangestellten im Berliner Umland verhandeln. Das passt nicht, da prallen Welten aufeinander.

Vielleicht ist das Misstrauen zu groß, nichts vom Kuchen abzubekommen?

Der Ausgleich in der Region muss natürlich geregelt werden, etwa über einen speziellen Fonds oder mittels interkommunaler Gewerbeparks. Jeder Ort hat seine Besonderheiten, seine Vorzüge, die gezielt genutzt werden können. Eine gute Wohnlage und eine gewachsene Siedlungsstruktur hier, tolle Gewerbeflächen dort.

Und natürlich sollten dann auch alle etwas davon haben, wenn die Nachbargemeinde prosperiert. Soll die Chance für die Region nicht vergeben werden, muss jetzt etwas geschehen. Sonst sind die Standortentscheidungen getroffen.

Viele Gemeinden rund um Schönefeld fürchten, dass ihnen der Flughafen außer Lärm nichts bringt. Sie fühlen sich allein gelassen.

Nur gegen den Flughafen zu sein, reicht jetzt nicht mehr aus, auch wenn der Standort politisch relativ rücksichtslos durchgedrückt wurde. Aber klar ist: Es geht nur miteinander. Das heißt, auch der Flughafen könnte etwas für die gute Nachbarschaft tun und zum Beispiel von sich aus die Lärmgrenzen für passiven Schallschutz wie in Wien senken. Oder die Nachtflugregelung flexibel handhaben und durch intelligentes An- und Abflugmanagement Erholungszeiten für die Anwohner gewährleisten.

Und die Gemeinden?

Die Gemeinden müssen dahinter kommen, dass ihnen die Opferrolle nichts bringt und beginnen, selbst aktiv mitzugestalten. Sie müssen erkennen: Wir akzeptieren den Flughafen und sehen, was sich daraus machen lässt.

Lässt sich aus einem Ort überhaupt etwas machen, der von Lärm überzogen wird?

Ganz sicher. In Blankenfelde-Mahlow wollen wir im Herbst das auf fünf Jahre angelegte Projekt "fAIRleben" beginnen. Der Ort ist vom Fluglärm so betroffen wie kein anderer. Modellhaft wollen wir eine nachhaltige Gemeindeentwicklung im Flughafenumfeld erproben.

Wir wollen zeigen, wie eine solche Kommune mit Lärm umgehen kann, durch bauliche Veränderungen, durch Begrünungen, durch die Reduzierung des sonstigen Umgebungslärms und das Schaffen von Ruheinseln. Das sind große Herausforderungen, die allein niemand leisten kann.

Und wer bezahlt solche Projekte?

Sofern alles nach Plan verläuft, werden der Ort, das Land Brandenburg und der Flughafen jeweils etwa ein Drittel der Grundfinanzierung von voraussichtlich 2,5 Millionen Euro bereitstellen. Die größte Schwierigkeit wird aber sein, die Menschen zu überzeugen. Blankenfelde-Mahlow hat den Flughafen schließlich nie gewollt. Umso wichtiger ist es, eine positive und nachhaltige Lebensperspektive in der Gemeinde zu stärken.



Berliner Zeitung, 04.08.2011