Als Alexander Hoyer in der ersten Klasse gefragt wurde, was für einen Beruf seine Eltern haben, sagte er: "Die sitzen zu Hause und machen Geld." Die Lehrerin rief verstört bei ihm zu Hause an. "Die dachte, wir drucken das im Keller!" erzählt seine Mutter. Doch Alexander hatte die Wahrheit gesagt. Seine Eltern, die Grafikerin Sneschana Russewa-Hoyer und der Bildhauer Heinz Hoyer, machen Geld. Sie zeichnen und modellieren Münzen. Jetzt haben sie den Bundesadler gestaltet, der auf den deutschen Ein- und Zwei-Euro-Stücken prangen wird. Ein schlanker Vogel mit runden Flügeln. Anfangs brütete er noch auf einem ovalen Ei. Das war Pflicht. Dort sollte ein Hologramm rein. Das Ei ist jetzt weg. Zu teuer, sagten die Beamten. Dafür sind nun die Schwanzfedern länger. Der Gedanke, daß ihr Adler ab 2002 in allen Hosentaschen stecken wird, macht Heinz und Sneschana stolz. "DDR-Mark, D-Mark und jetzt Euro drei Währungen in acht Jahren, das soll mal einer nachmachen", sagt Heinz. Daß kaum einer wissen wird, daß es ihr Adler ist, stört sie nicht. Denn Geschichte haben sie schon zu DDR-Zeiten geschrieben. Ganz leise, nur für Experten. Als erste haben sie 1984 ein Tier auf eine deutsche Münze gebracht. Einen Marabu. "Das Lieblingstier von Alfred Brehm", sagt Sneschana. Passend für eine Brehmsche Gedenkmünze. Ein Jahr später kam die Neuberin. Caroline Friederike Neuber, die im 18. Jahrhundert das deutsche Theater revolutionierte. Eine Schauspielerin auf einer Münze, das hatte es noch nie gegeben, das wurde selbst in den Fachblättern im Westen honoriert.Seit 1984 wohnt und arbeitet das Künstlerehepaar am Thälmann-Park im Berliner Ostbezirk Prenzlauer Berg. Heinz Werktisch steht in einem Erker. Hier kann er die Tür zumachen. Trotzdem kriecht der Staub in alle Ritzen. Auf den Regalen liegen große Gipsmünzmodelle. Richtig samtig sind die. Heinz bestreicht sie mit Seifensud, so werden sie glatt. Oft nimmt er parfümierte Seife. Das riecht gut, sagt er. Solange die Münzen nicht als Zahlungsmittel verwendet werden können, darf Heinz die Modelle behalten. Sonst nicht. Es könnte jemand einbrechen und sie als Vorlage für Fälschungen benutzen. Die Gipsversion des Adlers liegt beim Finanzministerium im Tresor.Sneschanas Computer ist am anderen Ende des Ateliers. Daneben stehen Spiegel-Hefte in Papp-Schachteln, sortiert nach Jahrgängen. Die ersten sind von 1990. Vorher konnte Sneschana sie nicht sammeln. Wozu auch. Damals waren die Politiker in den Heften nicht wichtig. Jetzt braucht die Grafikerin sie. Für die Köpfe. Brandt, Adenauer, Weizsäcker, alle hat sie gezeichnet. Weizsäcker ist schwer, sagt sie. Die Nase und diese Stirn. Auch Clinton ist schwierig. Keine Konturen. Ihre Ideen malt die 46jährige zuerst in münzgroße Kreise. Wenn ihr eine gefällt, macht sie eine große Zeichnung und scannt sie ein. Beim Bearbeiten verkleinert sie das Bild ständig, um zu sehen, ob die Details auch in Originalgröße wirken. Wenn sie fertig ist, fängt Heinz an. Vier Wochen braucht er, um die Zeichnung in ein Gipsmodell zu verwandeln, das den Münzprägern als Vorlage dient. "Früher haben wir so über Details gestritten, daß ich dachte, das machen wir nie wieder", sagt Sneschana. Inzwischen haben sie sich eingespielt. Nur wenn seine Frau bummelt, fängt Heinz an zu fluchen. Nur kurz, sagt er, er kenne sie ja lang genug.Vor 26 Jahren war die Bulgarin nach Ostberlin gekommen, um Grafikdesign zu studieren. "Ich mußte meinem Vater versprechen zurückzukommen", erzählt sie. Das Versprechen brach sie in der ersten Woche. Da traf sie Heinz Hoyer. 1976 heirateten sie, seit 1983 machen sie Münzen. Das geht nur als Duo. "Mir gefiel die Idee, daß Menschen meine Bilder in Alben sammeln", sagt Sneschana. Und Heinz mag feine Reliefarbeiten. Zusammen entwarfen sie Gedenkmünzen für Marx und Thälmann, für die Gebrüder Grimm, Fichte und Kleist. Freiberufler waren sie schon in der DDR, da fiel die Umstellung nicht schwer, sagen sie. Doch nur im Osten war ihr Name ein Begriff. 1990 mußten sie neu anfangen. "So richtig mit Vorstellen", sagt Heinz. "Und wer hätte geglaubt, daß die Verantwortlichen für Münz-Ausschreibungen beim Bundesbau- ministerium sitzen?"Jetzt sind sie gut im Geschäft. Gerade ist ihre 10-Mark-Gedenkmünze für den Pietisten August Hermann Francke erschienen. Dazu kommen Reihen für Sammler, wie die Expo-2000-Münzen für Vanuatu oder Nauru. Winzländer, die sie mit der Lupe im Atlas suchen müssen. "Das zahlt die Miete", sagt Sneschana. Von dem Adler werden sie nicht reich. Ein Honorar. Tantiemen gibt es nicht. Gedenkmünzen, sagt sie, werden besser bezahlt.