RERIK, im Mai. Die Welt in Rerik endet an einer Mauer. "Betreten strengstens verboten Explosionsgefahr", warnt ein Schild in roter Schrift. Seit fünfzig Jahren schon trennen Beton und Drahtzaun das Ostseebad nahe Wismar von einer tausend Hektar großen Landzunge namens Wustrow. "Hier beginnt die verbotene Zone", sagt Heike Hollmann. Für fünf Mark Eintritt führt die junge Frau Touristen in die Welt jenseits der Mauer. Durch eine Allee von Pappeln geht es bis zur verlassenen Garnison, aus der 1993 die letzten von einst 3 000 sowjetischen Soldaten abrückten. Seitdem haben Tausende Besucher die verfallenen Gebäude, die von Gras und Wildblumen überwucherten Exerzierplätze, die verlassenen Schlaf-, Geschäfts- und Gefängnisräume besichtigt. Hinter der Geisterstadt liegen Felder, Wiesen und ein Naturschutzgebiet von 670 Hektar, wo Seeadler, Sperbergrasmücken und Neuntöter brüten.Das alternative KonzeptEs ist schön in Wustrow. So schön, daß die Investoren Schlange standen, als die Rostocker Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) das Ostseejuwel 1996 weltweit zum Verkauf anpries. "Catch your Island", hieß der Lockruf. Von mehr als hundert Interessenten blieben am Schluß drei übrig; und den Zuschlag bekam am 5. Februar dieses Jahres die Kölner Fundus-Gruppe. Fundus ist bekannt für seine Fondsgesellschaften, die exklusive Bauten wie das Adlon-Hotel und die Friedrichstadt-Passagen in Berlin errichten. In der einst verbotenen Zone wollen die Kölner auf rund 190 Hektar eine Wohn- und Ferienanlage für 2 000 Leute bauen, dazu einen Reiterhof und einen 18-Loch-Golfplatz.Gut für Fundus aber auch gut für Rerik? "Nein", sagt Bürgermeister Wolfgang Gulbis. Seit dem Rostocker Abschluß befindet sich seine Gemeinde im Streit. Im Streit mit der TLG, im Streit mit dem Bundesvermögensamt und überhaupt mit "denen in Schwerin und Bonn". "Sie haben Wustrow verschenkt", ärgert sich Gulbis. Er fährt mit dem Finger über die Landkarte an der Wand des Ratssaales. "Und das komplette Naturschutzgebiet dazu!" Der 39jährige klagt, Fundus wolle in Wustrow "luxusmäßig" bauen. "Aber wo sollen denn all die Golfspieler herkommen?"Bürgermeister Wolfgang Gulbis und seine Stadtverordneten wollen sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden. Immerhin hatten sie bis 1994 noch darauf spekuliert, den Schatz vor ihrer Haustür selbst zu heben bevor das Bundesvermögensamt seine Ansprüche auf das Gebiet geltend machte. "Es waren natürlich erhebliche Hoffnungen vorhanden", sagt der Bürgermeister. Wie an der gesamten Küste richten sich die Erwartungen der 2 090 Einwohner vor allem auf den Tourismus auf den "sanften Tourismus".Wer nach Rerik kommt, sucht Ruhe und Ferien auf dem Land, glaubt der Bürgermeister. "Man parkt den Daimler um die Ecke und holt die Jeans raus", sagt er. Es gibt im Ort nur ein Hotel, aber viele Privatquartiere, die im vergangenen Jahr etwa 250 000 Gäste beherbergten. Mit Bundesmitteln hat die Gemeinde eine Seebrücke, Strand-WCs und eine Aussichtsplattform auf den Dünen angelegt. Immer mit Blick auf Wustrow, denn von der Entwicklung der Halbinsel versprach sich Rerik vor allem eines: Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze. Nun herrscht Katerstimmung im Rathaus die Gemeinde hat auf eine andere Karte gesetzt. Sie bevorzugte das Konzept der Firma Archi Nova aus Stuttgart, die 300 Arbeitsplätze in einer autofreien "Zukunftsinsel Wustrow" verhieß. Wie Fundus wollten die Schwaben zwar für rund 300 Millionen Mark Wohnungen bauen und verkaufen, aber im Gegensatz zum Kölner Konkurrenten mit alternativer Energieerzeugung, biologischer Landwirtschaft und einer solargetriebenen Fähre über das Salzige Haff.Die ökologischen Projektentwickler leisteten geduldige Überzeugungsarbeit und fanden Anklang für ihr Projekt einer "Symbiose von Mensch und Natur" wohl nicht zuletzt, weil sie eine enge Kooperation mit der Stadt versprachen. Im März 1997 setzte der sogenannte Vergabeausschuß von Vertretern der Gemeinde, der Treuhand, der Ministerien und der Wirtschaft Archi Nova auf Platz eins der Investorenliste vor Fundus."Und dann wurde Wustrow bei Nacht und Nebel an Fundus verkauft", empört sich Wolfgang Gulbis. Bis zuletzt habe man Archi Nova im Glauben gelassen, doch noch zum Zuge zu kommen schließlich hatten sich die Schwaben zur Stärkung ihrer Finanzkraft Ende letzten Jahres mit der auf Platz drei gesetzten Investorengruppe Lion-Bau aus Mülheim-Kärlich zusammengetan. "Wir können es zwar nicht beweisen, aber es war wohl nie das Ziel, an jemand anderen als Fundus zu veräußern", sagt Gulbis. Es klingt, als habe einmal mehr der herzlose Kapitalismus über das allgemein Gute gesiegt.Bei der Rostocker TLG hört sich das prosaischer an: Archi Nova habe im vergangenen Sommer die Finanzierung des Projekts in Höhe von zunächst 40 Millionen Mark nicht nachweisen können. Deshalb habe man auftragsgemäß die Verhandlungen mit der auf Platz zwei gesetzten Fundus-Gruppe aufgenommen. Ein Sprecher gibt zu, daß die Verhandlungen mit Archi Nova fortgesetzt wurden, um ein Gegengewicht zu Fundus zu haben eine nicht unübliche Praxis.Vorwürfe und GerüchteDas Gestrüpp der gegenseitigen Schuldzuweisungen und Verdächtigungen beim Verkauf von Wustrow ist dennoch schwer zu lichten. Die einen sagen, da hätten mal wieder die "Wessis" geschoben. "Sie müssen sich vor Augen halten, daß der Leiter der Rostocker TLG ein Studienfreund von Fundus-Chef August Anno Jagdfeld ist", sagt Reriks Bürgermeister Wolfgang Gulbis.Seine Widersacher kolportieren, beim Zusammenspiel zwischen der Stadt und Archi Nova sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Bereits im Vorfeld seien Grundstükke verteilt und Einflußsphären abgesteckt worden. "Von unserer Seite hat es so was nicht gegeben", erklärt dazu Archi-Nova-Geschäftsführer Gerd Hansen. Und auch bei Fundus heißt es: "Niemand ist mit dem Scheckbuch herumgelaufen!" Im vergangenen Sommer kamen dann Gerüchte auf, Archi Nova sei mit einer Sekte verbandelt, was sich schnell als haltlos erwies. SPD-Mann Gulbis wittert hinter diesem und ähnlichem "Störfeuer" vor allem den politischen Gegner. Der CDU-Kreisvorstand in Bad Doberan habe die Verhandlungen mit Archi Nova hintertrieben, meint er, "weil wir eine rote Insel im schwarzen Meer darstellen". Natürlich weist der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Brandt dies zurück, aber seine Antipathien kann er nur schwer verhehlen: "Humus-Klos und Erdhäuser sind keine Alternative. Es muß Geld reinkommen, und das kommt nicht von Wanderern und Radfahrern." Nun mag man den Stuttgarter Öko-Bauherren vieles vorwerfen, aber mit Geld können die Schwaben umgehen. Auch bei der TLG gilt Archi Nova als "unbestritten seriös". Die Firma hat umweltfreundliche Wohnsiedlungen auf Usedom und im sächsischen Hohnstein errichtet und baut zur Zeit Deutschlands erstes Öko-Kaufhaus in einer alten Mühle bei Stuttgart ein 40-Millionen-Projekt, das laut Geschäftsführer Hansen bereits "komplett vermietet" ist. "Da wird ein Umsatz von 30 Millionen angepeilt, und den erreicht man nicht, wenn man nur Ökofreaks anspricht", sagt er.Daß umgekehrt Fundus in finanziellen Schwierigkeiten sei, läßt sich ebensowenig belegen. Doch im Reriker Rathaus stellt man es so dar: Fundus sei pleite und wolle lediglich sein Luxus-Bad im nahen Heiligendamm vor unliebsamer Konkurrenz schützen, indem Wustrow "pro forma" gekauft und dann quasi "auf Eis gelegt" werde. Ist denn Heiligendamm nicht der Beweis für die Finanzschwäche der Kölner? Schließlich verfällt die "weiße Stadt am Meer", obwohl schon im letzten Herbst dort gebaut werden sollte!Der Fundus-Sprecher Michael Rabe nimmt die Vorwürfe gelassen. In Heiligendamm fehlten bislang die Bebauungspläne und Genehmigungen, doch Ende des Jahres gehe man sicher an den Start. Das übrige Gerede sei "abwegig": "Es wäre ein teures Vergnügen, für Wustrow zwölf Millionen zu bezahlen, um dann nichts zu tun. Heiligendamm ist exklusiv, Wustrow eher still beide Projekte ergänzen sich." Mit der Gemeinde Rerik werde man schon einig werden. "Was die jetzt dort veranstalten, ist auch ein bißchen Theaterdonner."Henning Klostermann, umweltpolitischer Sprecher der SPD im Schweriner Landtag, nennt jedoch den Verkauf des wertvollen Naturschutzgebietes "einfach skandalös": "Im Bayrischen Wald wäre so was nicht passiert." Fundus hatte dies aber zur Kaufbedingung gemacht, da der Bund sich nicht bereit erklärt habe, das Gelände von der Munition zu beräumen, die man im Boden vermutet. Drei Millionen Mark aus dem Kaufpreis sollen dafür aufgewendet werden.Was Beräumung heißt, kann man direkt hinter der Wustrower Mauer besichtigen Erdlöcher, Sandberge, kurz: Wüste. "Das Gelände wird zwei Meter tief umgegraben", sagt Klostermann, "dann ist es kein Naturschutzgebiet mehr und kann bebaut werden. Die einzigartige Flora und Fauna wird dem Kommerz geopfert.""Unsinn", entgegnet Fundus-Sprecher Michael Rabe. Man wolle nur Gebiete am Strand und im Wald beräumen, die für Surfer und Wanderer leicht zugänglich sind, und auch das nur in Abstimmung mit dem Naturschutz. "Eine Bebauung kann es im Naturschutzgebiet nie geben. Wer die Rechtslage kennt, weiß das."Hoffen auf den BundestagIm Fall Wustrow hat das letzte Wort nun der Haushaltsausschuß des Bundestages, der am kommenden Mittwoch tagt. Henning Klostermann schrieb Ende April sogar an den Bundeskanzler: Er möge doch sein Veto gegen den Verkauf des Naturschutzgebietes einlegen. Bürgermeister Gulbis hofft auf ein "Nein" der Abgeordneten, sieht aber noch eine Lösung. "Wir haben der TLG angeboten, den Vertrag von Fundus zu übernehmen und legen sogar noch 500 000 Mark drauf", sagt er. "Dann verwirklichen wir das Konzept, das wir gut finden. Wir haben auch Banken, die das finanzieren." Flankierend sammelt eine Bürgerinitiative in Rerik Unterschriften gegen die Kölner Investoren. Auch eine Klage wird erwogen. Doch ob Archi Nova oder Fundus den Arbeitslosen in der kleinen Stadt ist das Tauziehen mehr oder weniger egal. "Hauptsache, es passiert überhaupt irgendwas", sagt ABM-Kraft Heike Hollmann, die Fremdenführerin in der Geisterstadt von Wustrow.