Die Piratenpartei setzt im Wahlkampf auf ihr unverbrauchtes Image. Derzeit liegt sie vor der FDP: Die Unvollkommenen

Seit fünf Jahren schippert die Piratenpartei bereits durch die deutsche Politik, kaum ernst genommen von den etablierten Parteien. Doch bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus könnten die Piraten ihren ersten großen Coup landen. Bei der Bundestagswahl 2009 hatte die Partei mit dem Motto "Klarmachen zum ändern" bundesweit zwei Prozent geholt, in Berlin kam sie damals auf 3,4 Prozent. In einigen Umfragen für die Abgeordnetenhauswahl am 18. September kommen die Piraten nun auf bis zu fünf Prozent - und lassen damit die FDP hinter sich, die derzeit nur etwa vier Prozent verbucht.Bis zur Wahl am übernächsten Sonntag wollen die Piraten, die bevorzugt im Internet herumschippern, auf ihre ganz eigene Art überzeugen. "Wir sind zuversichtlich, dass wir die fünf Prozent schaffen", sagte ihr Bundesvorsitzender Sebastian Nerz selbstbewusst.Im liberalen Gefilde fischenVor allem für die FDP, die um den Wiedereinzug ins Abgeordnetenhaus bangt, sind die Piraten eine Gefahr - die junge Partei fischt im liberalen Gefilde nach Stimmen. Ihre radikale Auslegung des Freiheitsbegriffs dürfte den klassischen FDP-Wähler vermutlich weniger ansprechen, wohl aber das junge Publikum der sozialen Internet-Netzwerke.2006 in Berlin gegründet, verstehen sich die Piraten als Partei in der Informationsgesellschaft. "Transparenz" und "Bürgerrechte" nennt Nerz als Eckpfeiler im Programm. Er verweist auf diverse Mandate, die seine Partei auf Kreis- und Kommunalebene in den vergangenen zwei Jahren erringen konnte - zuletzt bei den Wahlen am vergangenen Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Piraten ein Kreistagsmandat in Greifswald eroberten.Die Newcomer setzen auf den Charme des Unvollkommenen. Auf ihren rund 12 000 Wahlplakaten in Berlin sind die Menschen nicht in Szene gesetzt, sondern wie zufällig fotografiert. Statt eine teure Werbeagentur zu beauftragen, gestalteten die Piraten ihre Plakate selbst. Ein Wahlslogan lautet: "Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht ja eh nicht wählen. Piraten wählen". Das Gegenmodell zu den Hochglanzplakaten anderer Parteien sei bewusst gewählt, sagt Nerz: "Wir haben zwar auch wenig Geld, aber wir wollten auffallen und zeigen, dass wir eine andere Politik machen."Frisches ImageSimon Weiß, Kandidat für das Abgeordnetenhaus, nennt einige Programmpunkte für den Wahlkampf: "Wir wollen das Ausländerwahlrecht einführen, die Altersgrenze fürs Wählen abschaffen, ein Grundeinkommen einführen und den fahrscheinlosen Nahverkehr." Vorrangiges Ziel der Partei ist auch für ihn eine breite Bürgerbeteiligung über verschiedene Internet-Foren und Transparenz in der Verwaltung, die alle Verträge veröffentlichen soll.Einer, dem schon drei Prozent für ein politisches Mandat reichen würden, ist der Kandidat für die Bezirksverordneten-Versammlung Charlottenburg-Wilmersdorf, Siegfried Schlosser. Für die Bezirksparlamente gilt eine Drei-Prozent-Hürde, dort könnten künftig also durchaus bald Piraten in den Reihen der Bezirksverordneten sitzen.Der 56-jährige Programmierer hat im Frühjahr in Charlottenburg Stimmen gesammelt für die Zulassung der Piratenpartei zu den Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Sein Eindruck: "Die Reaktionen sind relativ positiv." Zwar sagten rund 80 Prozent der Passanten "Nein danke", von den restlichen 20 Prozent unterstütze aber die Hälfte das Antreten der Piratenpartei.Die Politikverdrossenheit vieler Wähler sieht Parteichef Nerz denn auch als große Chance für den 18. September. Das frische Image soll den Piraten nun genügend Stimmen bringen, um in zwei Wochen tatsächlich das erste Landesparlament zu entern. (AFP)------------------------------Foto: Piraten-Kandidat Georg von Boroviczeny wirbt in Steglitz um Wähler.