HAMBURG. Es spricht: der Chef. Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, rühmt den THW Kiel, der soeben den DHB-Pokal gewonnen hat, durch ein 30:24 (15:12) im Finale gegen den VfL Gummersbach. Die Kieler, sagt Bohmann, seien "vielleicht die beste Mannschaft, die es auf der Welt je gegeben hat". Am Sonntag haben sie in Hamburg ihren dritten Pokalsieg in Serie gefeiert. Sie können, wenn sie auch im Champions-League-Endspiel gegen BM Ciudad Real triumphieren, zum zweiten Mal nach 2007 drei Titel in einer Saison holen. Da stimmt auch der Gummersbacher Trainer Sead Hasanefendic in den Lobgesang ein: "Kiel ist eine Maschine, die sehr schwer zu stoppen ist." Der THW Kiel, die Übermacht - das klingt, als sei im deutschen Handball alles wie immer. Aber das täuscht.Die Manipulationsaffäre hat die Atmosphäre in der Branche vergiftet. Sie ist überall. Sie lässt die vielen Geschichten, die der Sport an diesem Wochenende produziert hat, nebensächlich erscheinen: den drohenden Jobverlust von Martin Schwalb, dem Trainer des HSV Hamburg, nach dem blamablen 27:35 seines Teams im Halbfinale gegen Gummersbach; das letzte Turnier in der ruhmreichen Karriere des Kreisläufers Christian Schwarzer von den Rhein-Neckar Löwen; die Ankündigung des Gummersbacher Rückraumspezialisten Momir Ilic, er wolle zum THW Kiel wechseln, "wenn möglich, sofort". Alles wird relativiert durch die Frage: Wie ist dieser Sport zu retten?Am Sonnabend, vor dem Halbfinale zwischen Kiel und den Löwen, wird der Rhein-Neckar-Manager Thorsten Storm von den Fans des THW Kiel ausgepfiffen. Nach der Partie berichtet er, er sei schon vor der Halle "übelst beschimpft worden". Er führt das darauf zurück, dass die Kieler Verantwortlichen ihn und Jesper Nielsen, den Gesellschafter seines Klubs, regelmäßig verbal attackieren - weil die Löwen die Manipulationsvorwürfe gegen den THW öffentlich gemacht haben und weil Nielsen die Affäre oft und aggressiv kommentiert. Storm sagt über die Kieler: "Es entsteht da ein bisschen eine Hetzkampagne, wo immer wieder Öl ins Feuer gegossen wird. Es wird immer wieder versucht, von eigenen Dingen abzulenken und andere als Täter darzustellen. Das ist für mich kaum noch tragbar. Das ist ein Armutszeugnis."Der Ton wird rauTatsächlich haben die Kieler eigentlich genug mit sich selbst zu tun. Das Magazin Spiegel meldet, die Provinzial-Versicherung, der Hauptsponsor des THW, drohe mit dem Rückzug zum Saisonende. Sie fordere den Rücktritt aller Vereinsgremien und modernere Strukturen. THW-Gesellschafter Georg Wegner bestreitet dies, er schimpft: "Da sind Kräfte am Werk, die versuchen, den THW auf diesem Wege zu vernichten, wenn sie es nicht sportlich schaffen." Der Ton in der Branche wird rau.Ulrich Strombach, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), hat ewig zu dem Thema geschwiegen, das seinen Sport erschüttert. Jetzt will er reden. Er gibt eine Pressekonferenz, nach dem zweiten Halbfinale. Er merkt erstmal an, die Vorwürfe gegen Kiel seien "nicht mein Thema". Er spricht über die deutschen Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich. Sie sind nach dem Europacupfinale 2006 zwischen Medwedi Tschechow und BM Valladolid mit 50 000 Dollar im Gepäck erwischt worden. Sie haben beteuert, sie hätten kein Spiel manipuliert und könnten sich nicht erklären, wie das Geld in ihre Tasche gekommen ist. Zurzeit ermittelt der Europäische Verband (EHF) in dem Fall, Lemme und Ullrich sind suspendiert.Jetzt sagt Strombach, ihnen stehe die Rückkehr aufs Feld "uneingeschränkt" offen, falls die EHF sie von dem Verdacht freispreche, sie seien bestochen worden. Seine Begründung: "Diese beiden Sportkameraden haben in den letzten Jahren ebenso viel zum Renommee unserer Sportartart beigetragen wie unsere Nationalmannschaft." Strombach argumentiert in der Bestechungsaffäre der Gegenwart mit sportlichen Leistungen aus der Vergangenheit - und ist mit dieser Denkweise ein Teil des Problems. Dass eine Bestechung des Schiedsrichterduos, falls es sie gegeben hätte, vermutlich kaum zu belegen wäre? Dass Lemme und Ullrich den Manipulationsversuch nicht bei der EHF gemeldet haben, obwohl sie dazu verpflichtet gewesen wären? Das findet der Herr Präsident offenbar nicht so wichtig.Strombach schwitzt. Er referiert, der DHB habe die 14 besten deutschen Schiedsrichterpaare nach Manipulationsversuchen auf nationaler Ebene in den vergangenen drei Jahren befragt. Ergebnis: "Der deutsche Handball hat einen absolut sauberen Schiedsrichterkader. Das führt zwangsläufig zu der Feststellung, dass auch die Vereine absolut sauber sind." Bestechungsprobleme, das sieht Strombach nun als gesichert an, gebe es nur in internationalen Wettbewerben. Andere haben da so ihre Zweifel. Im Bus, auf dem Weg zur Arena, sitzen vor dem Turnier ein paar ältere Fans. Einer witzelt: "Mal sehen, unter welcher Trainerbank diesmal der größte Geldkoffer steht, höhö." Seine Kumpels lachen, aber nur kurz.Der Präsident blafftDer DHB-Chef Strombach wird dann noch gefragt, wie er die Korruptionsverstrickungen von Hassan Moustafa, dem Präsidenten des Weltverbandes IHF, bewerte - jetzt, da der Handball seine Zukunft zu verspielen droht. Strombach blafft den Fragesteller an: "Über diese Thematik werde ich Ihnen keine Antwort geben, weil ich Sie da nicht für kompetent halte." Strombach gilt als Vertrauter Moustafas.Aber irgendwie passt der irritierende Ton des obersten deutschen Handballfunktionärs zu all den Ungereimtheiten, die die Branche an diesem Finalwochenende erlebt, bei jener Veranstaltung, die doch eigentlich ein Fest sein soll. Ganz zu Beginn, vor dem ersten Halbfinale, tritt in Hamburg eine Band namens Dock3 auf, mit E-Gitarren, Lederkluft und langen Haaren. Sie spielt die offizielle Bundesliga-Hymne, den neuen Stimmungsmacher des Handballs. Das Lied heißt: "Helden am Kreis". Es passt nicht so ganz in die Zeit.------------------------------Foto: Gewohnte Posen, ungewohnte Umstände: Die Kieler Nikola Karabatic (l.) und Thierry Omeyer bejubeln nach dem Pokalfinale einen weiteren Titel.