Noch nie gab es in der Hauptstadt mehr Straßen, Plätze oder Adressen, die von der Polizei zu einem sogenannten "Gefährlichen Ort" erklärt wurden. Kontinuierlich haben sich die Kriminalitätsbrennpunkte in den vergangenen zwei Jahren erhöht. Anfang 1997 waren es 20 Schwerpunkte. Seit Montag werden rund 36 Orte von der Polizei in diese Kategorie eingestuft, weil dort die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, höher ist als an anderen Orten der Stadt.Polizisten können schneller handeln, wenn ein Ort als gefährlich eingestuft ist. "Für unsere Beamten ist dieses Instrumentarium eine Arbeitserleichterung", sagt Eberhard Schönberg, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). An einem sogenannten gefährlichen Ort dürfen Polizisten jeden kontrollieren. Dazu zählt insbesondere die Identitätsfeststellung: Die Beamten können Ausweise und Pässe kontrollieren, was sie ohne begründeten Verdacht sonst nicht dürften. Auch Taschen können durchsucht werden, und die Beamten dürfen auch Wohnungen betreten, ohne daß sie dafür eine besondere Ermächtigung brauchen. Polizisten können verdächtigen Personen nach eigenem Ermessen einen Platzverweis erteilen. Ein Fahnder gegenüber der "Berliner Zeitung": Natürlich konzentrieren wir uns bei unseren Überprüfungen auf unsere Klientel und kontrollieren nicht einfach wild drauflos."Als Grundlage für die "gefährlichen Orte" dient das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG), das erst im Mai geändert wurde und es der Polizei nun erleichtert, Plätze als gefährlich einzustufen. In Paragraph 21 wird auch die Definition geliefert. Als Entscheidungsgrund, ob unter diesen "erleichterten Umständen" gearbeitet werden darf, dienen in der Regel dienstliche Berichte. Danach wird von der örtlichen Polizeidirektion mit dem Polizeipräsidenten zusammen entschieden, ob es sich um einen gefährlichen Ort handelt. Das ist der Fall, wenn genügend Strafanzeigen oder nur Beobachtungsberichte von einzelnen Beamten vorliegen. Meist wissen noch nicht einmal die Anwohner, daß sie an einem "gefährlichen Ort" leben. Als bekanntester dieser Orte gilt der Breitscheidplatz in Charlottenburg. Seit Jahren boomt hier der Drogenhandel, regelmäßig kommt es zu Schlägereien und Raubüberfällen. Aber auch der Wittenbergplatz in Schöneberg wird als "gefährlicher Ort" eingestuft. Hier verzeichnet die Polizei einen starken Anstieg der Kriminalität. "Bei uns ist allein in den letzten drei Monaten dreimal eingebrochen worden", berichtet Sabine Bredow, Filialleiterin eines angrenzenden Supermarktes. Ebenso gilt die U-Bahn-Linie 8 als gefährlicher Ort. Auch hier wird schwunghaft mit Rauschgift gehandelt. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben zwar offiziell keine Kenntnis von der polizeilichen Einstufung. Jedoch weiß man um die Drogenumschlagplätze auf der Strecke und setzt daher an vier Haltestellen in Neukölln verstärkt zivile Fahnder und Sicherheitspersonal ein.Die Verbrechensbekämpfung in Berlin erhält mit der Deklarierung der "gefährlichen Orte" einen Sonderstatus. In anderen Bundesländern, wie beispielsweise in Hamburg, können Polizisten im Kampf gegen die Kriminalität auch ohne diese gesetzliche Regelung arbeiten. "Wir kontrollieren eine Person nur dann, wenn wir einen konkreten Verdacht haben", sagte ein Sprecher der Hamburger Polizei.