Roonui Anania ist ein schöner Mann von 50 Jahren. Vielfältige Muster überziehen seine samtbraune Haut. Im künstlichen Licht schimmern Rhomben, Drachen, Sonnen und satte Farbflächen bläulich. Ornamente und symbolische Formen folgen harmonisch den Rundungen seines Körpers. Sie umkreisen Schulterkuppe und Brust, schlagen einen prachtvollen Reif, verdichten sich um die Schulterblätter, ringeln sich um Nabel und Sonnengeflecht, betonen seine Oberschenkelmuskel und Waden. Roonui, der Tahitianer von den Inseln des Tuamotu-Archipels, trägt vom Hals bis an die Knöchel eine Art Spitzengewand aus kunstvollen Tätowierungen. Als er zur Begrüßung den Arm hebt, offenbart sich nur die Achselhöhle als unbearbeitet.Roonui ist der Star unter Tahitis Tätowierern, im Laufe seines Lebens hat er viele Preise gewonnen. Ihm und ein paar Freunden ist es zu verdanken, dass die Tahitianer ihre alten Tattoos seit den 80er-Jahren wiederentdeckt haben. Die filigrane Kunst ist mehr als 1 000 Jahre alt, sie war allerdings langsam, aber sicher verschwunden, nachdem Ende des 18. Jahrhunderts die ersten protestantischen Missionare gesiedelt und solchen Körperschmuck als Teufelswerk verbannt hatten. Über anderthalb Jahrhunderte geriet sie in Vergessenheit - die schöne Kunst des Bilderklopfens, wie das Tätowieren ursprünglich auf den Inseln genannt wurde.Tattoo sagt man heute dazu, das kommt ursprünglich von Tatau. Tau heißt auf Tahitianisch Wunde - die Tatauierung ist also eine Verwundung. Und daaraus wurde bei uns das Wort Tätowierung. Captain Cook soll es nach Europa gebracht haben, als er 1769 das erste Mal Polynesien besuchte. Roonui bekam sein erstes Tattoo mit elf Jahren und war gleich fasziniert. Seine Freunde Chimé, Purotu und er tätowierten sich gegenseitig ihre jungen Körper und gelangten so zur Meisterschaft im Handwerk ihrer Väter. Nur mit den althergebrachten Motiven war das so eine Sache: Die Polynesier waren lange Zeit schlechte Bewahrer ihrer eigenen Kultur. Handelsschiffe und kriegerische Fregatten aus aller Herren Länder - die, von den puderweißen Stränden angezogen, so manche der 118 Inseln in den fünf im Pazifischen Ozean gelegenen Archipeln heimsuchten - hatten die schönsten und exotischsten Trophäen in ihre Heimatländer entführt. So manches Beutestück schlummert heute noch in Europas Museen. Die Geschichte der Tattoos ist schließlich eine Geschichte der Seefahrer.Aber auch Forscher machten sich immer wieder auf zu der geheimnisvollen Inselgruppe, die zu den am weitesten vom Festland entfernten Punkten der Welt gehört. Der Mediziner Karl von den Steinen, der als Psychiater an der Berliner Charité arbeitete, durchquerte 1897 im Auftrag des Berliner Völkerkundemuseums den "blauen Kontinent" und landete mit der "City of Papeete" auf Nukuhiva im Archipel der Marquesas-Inseln an. Er blieb ein halbes Jahr lang und schrieb alles auf, was ihm ethnologisch wichtig schien. Karl von den Steinen - der 1929 starb und auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde begraben ist - hat die Mythen, Rituale und vor allem die Kunst der Körperbemalung auf den Marquesas studiert und als gesammeltes Werk kurz vor seinem Tode herausgegeben.Roonui und seine tahitianischen Freunde, auf der Suche nach ihren kulturellen Wurzeln, hatten davon gehört und machten sich auf nach Berlin, um ihre Geschichte der polynesischen Tatauierung wiederzuentdecken. Gut 20 Jahre ist es jetzt her, dass sich die prachtvolle Kunst des Bilderklopfens auf den Inseln im Pazifik wieder ausbreitete - Karl von den Steinen sei Dank. Unter den polynesischen Tätowierern ist er eine Berühmtheit. Und Roonuis Tätowierungen haben sich seitdem zu einer Art Kleid verdichtet. Mit Nähnadeln, hausgemachten Tätowiermaschinen oder mit Hilfe einer Fischgräte ließ er anfangs noch seine Haut punktieren und verflüssigten Kohlenstaub unter seine Haut bringen. So war es Tradition.Solcher Methoden bedient sich längst niemand mehr. Heute sieht es beim Tätowierer aus wie beim Arzt: Er arbeitet mit sterilen Einwegnadeln und verwendet eine synthetische Tinte, um Infektionen zu vermeiden. Wer sich tätowieren lässt, liegt mehr oder weniger entspannt auf einer Krankenhausliege. Für Karl von den Steinen, den Arzt und Forscher, war die Tatauierung eine Art polynesischer Blutschmuck, auch Talisman, sexueller Reizschmuck und in dem einen oder anderen Fall vielleicht sogar Ersatz für Kleidung. Zusätzlich zu den auf dem Haar getragenen geflochtenen Blättern, den ineinander gesteckten, stark duftenden Blüten und den polierten Muschelschalenketten galt die Tätowierung als der kostbarste Schmuck der polynesischen Frauen und Männer.Bei Eintritt der Geschlechtsreife erhielten die Männer ihre ersten Zeichnungen als bogenförmige Streifen in der Leistengegend. Junge Frauen wurden mit Grätenmustern an Händen und Fingern geschmückt, später ließen sie sich höchstens noch ihre Lippen oder Mundwinkel verzieren. Bei Männern konnten schon mal 30 bis 40 Jahre verstreichen, bis ihr Körper sich zum Gesamtkunstwerk vervollständigt hatte. Für alle wichtigen Ereignisse des Lebens wie Heirat, Krieg oder Geburt gab es ein weiteres Motiv. Die Matrosen der im 18. und 19. Jahrhundert vor den Gesellschaftsinseln ankernden Schiffe ließen sich Symbole und Schriften ihrer Wahl von den Einheimischen auf ihre bleichen Körper "malen" und hatten dann zu Hause was zu zeigen. Von den Insulanern lernten sie die Grundregeln der Stichtechnik. Heute haben die bei uns gebräuchlichen, meist groben Muster mit den kunstvollen Zeichnungen auf Tahiti nur noch wenig zu tun.Seit drei Jahren findet in Papeete, der Hauptstadt Tahitis, die "Tattoonesia" statt: Auf dem Festival treffen sich gegen Jahresende Freunde des Körperschmucks aus aller Welt, und man kann zuschauen, wie sich Männer und Frauen Pflanzen und Tiere, die elegantesten grafischen Muster und schwarzen Farbflächen in die Haut stechen lassen. "Man spürt eine Art Ziepen", so nennt das Michael zunächst noch. Er lässt sich gerade direkt über dem Bizeps einen ornamentalen Reif um den Oberarm legen. "Hab ich eben gesagt, es tut gar nicht weh?", heißt es etwas später, und das Wasser steigt ihm doch in die Augen. Als Michael es überstanden hat, schmerzt sein frischer Körperschmuck wie ein heftiger Sonnenbrand.Roonui Anania ist auch nach Papeete zur "Tattoonesia" gekommen. Er wird von vielen Verehrern und Verehrerinnen umringt. Seit ein paar Jahren lebt er mit seiner kanadischen Frau Lynda in Montreal und ist auch dort als Tätowierer erfolgreich. "Ich hatte es einfach satt, den Tahiti-Touristen einen Schmetterling nach dem andern auf das Hinterteil zu stechen", sagt er mit einem Seufzer. Ansonsten will er eigentlich nicht über seine Arbeit reden. "Man spricht nicht drüber", behauptet er. Tattoo tabu. "Die Tattoos sind mein ausgleichendes Element", sagt er. "Ich lebe Tattoo. Ich kann mich mit der Tattoo-Maschine besser ausdrücken als mit Worten." Und während Roonui verschwörerisch lächelt, legt er noch eine Portion Extraschmelz in seine braunen Augen.Das Buch: Karl von den Steinen: Die Marquesaner und ihre Kunst. Primitive Südseeornamentik, I. Tatauierung, als Faksimile aus dem Dietrich-Reimer-Verlag von 1925 gedruckt im Bibliophilen Verlag Fines Mundi, Saarbrücken, 41,70 EuroDas Festival: Papeete/Tahiti, www.tattoonesia.org------------------------------Foto: (2) Irgendwo muss man ja mal anfangen: tapfere Besucherin auf dem "Tattoonesia"-Festival.

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