LONDON, 31. Oktober. Als im Februar 1945 englische Flieger tausende Tonnen Sprengstoff auf Dresden abwarfen, zog auch eine junge Frau namens Elizabeth Mary Alexandra Windsor in den Krieg. Wie viele andere englische Frauen trat die Prinzessin in den Heimatschutzdienst ein. Sie lernte, wie man einen Lkw lenkt und einen Getriebeschaden behandelt. Die Königliche Hoheit in Militär-Uniform, das kurbelte die Moral der Truppe im Kampf gegen Hitlerdeutschland an. Für sie selbst, gerade mal 18 Jahre alt, war es das erste und letzte Mal, dass sie ein Leben wie alle anderen führte. Sieben Jahre später wurde die schmächtige Person nach dem überraschenden Tod ihres Vater George VI. Königin.An diesem Dienstag wird die Queen nach Deutschland kommen. Vielleicht erinnert sich die inzwischen 78 Jahre alte Dame bei ihrem Besuch an jene Zeit, als die britischen Flieger in einer Dresdner Nacht fast 40 000 Menschen töteten. Vielleicht denkt sie auch an die deutschen Bomben und an den Krieg, der noch heute, sechzig Jahre später, so wenig vergessen ist.Eigentlich sollte Königin Elizabeth II. bei ihrem Besuch über die Zukunft von Briten und Deutschen sprechen. Liest man das Besuchsprogramm, hat man den Eindruck, sie soll mit ihren Auftritten in Berlin, Potsdam und Düsseldorf den Untertanen das wiedervereinigte Deutschland nahe bringen, dem man auf der Insel im besten Fall freundliche Gleichgültigkeit entgegenbringt. Lunch mit dem Bundeskanzler, Tee mit dem Bundestagspräsidenten, Museumsinsel und Nationalgalerie in Berlin, der Kulturmetropole. Vodafone und Mineralölgigant BP in Düsseldorf, der Investitionsmetropole. Dazwischen immer wieder Händeschütteln, Winken. All diese Treffen haben eher symbolische Bedeutung. Dass die Queen mit Schröder über die EU-Ratspräsidentschaft der Briten debattiert, ist nicht zu erwarten.Obwohl sie jede Menge gutklingender Titel hat, Königin von Gottes Gnaden, Staatsoberhaupt von Großbritannien und Nordirland, Herrscherin des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens, hat Elizabeth II. politisch nichts zu sagen. Dass ihr Besuch bedeutungslos ist, heißt das nicht. Sie ist immerhin das formelle Staatsoberhaupt, die Ehren-Diplomatin, die von der Regierung für feinere politische Gesten ausgesandt wird. Ihr Besuch ist Belohnung und Anerkennung zugleich. Nach Deutschland kommt sie zum vierten Mal. Damit steigt das Land auf einen Spitzenplatz der königlichen Reiseziele, gleichauf mit Frankreich und den USA.Das sei ein Zeichen, wie sehr England und Deutschland sich nahe stehen, sagt der Stellvertreter des britischen Botschafters, Jeremy Cresswell, am Freitag in London. Und natürlich auch ein Zeichen Tony Blairs, zusammenzubringen, was über dem Irak-Abenteuer des Premiers ein wenig auseinande driftete. Blair selbst, die ehemalige Lichtgestalt deutscher Politiker, ist ja ein wenig verblasst.Doch all diese schönen Pläne wurden inzwischen durch eine unangenehme Geschichte verdrängt, dem Streit darüber, ob sich die Königin bei ihrem Besuch für die Bomben in Dresden entschuldigen soll. Es ist eine merkwürdige Geschichte, hochgekocht aus dem Nichts. Die britischen Boulevardzeitungen hatten geschrieben, dass die Deutschen eine Entschuldigung für die Bomben auf Dresden forderten. Die Bild-Zeitung griff die Story auf und zitierte den Historiker Jörg Brand mit den Worten: "Die Auswirkungen der barbarischen Bombenangriffe sind in England kaum bekannt. Für die Briten war es ein ,gerechter Krieg'. Wie viele Millionen man für diese ,Gerechtigkeit' opfern durfte, danach fragt in England bis heute kaum jemand."Die Briten interpretierten das als einen Affront und legten nach. "Die Queen und sich entschuldigen - das muss ein Witz sein", titelte der "Daily Express" am Wochenende und zitierte den Weltkriegs-Veteranen Arthur Mills: "Die Deutschen sollten sich bei der Queen entschuldigen für all die tapferen Briten, die starben, damit wir heute in Freiheit leben können."Der Streit war auch Thema im Buckingham Palace, als am vergangenen Freitag die Presse über den bevorstehenden Besuch der Queen in Deutschland informiert wurde. "Wie wird die Königin der Forderung der Bild-Zeitung nach einer Entschuldigung nachkommen?", fragte einer der englischen Journalisten. Die Pressesprecherin Penny Russell-Smith, eine resolute, boulevardzeitungsgestählte Person, rutschte auf ihrem edel bezogenen Sessel herum und guckte gequält. Sie sagte, dass die Bild-Zeitung keine Entschuldigung gefordert habe. Dass sie nicht über die Manuskripte der Königin Auskunft geben könne, aber Königliche Hoheit sich sehr wohl des Leidens beider Völker bewusst sei. Sie, Elizabeth II., erkenne das an und trage selbst zur Versöhnung bei. Auf ihren persönlichen Wunsch finde beispielsweise ein Benefizkonzert für die Dresdner Frauenkirche statt, sagte Penny Russell-Smith.Den Journalisten reichte das nicht. Einer fragte, ob die Königin die Mohnblume, das traditionelle Ehrenzeichen für die Opfer des Ersten Weltkrieges, in Berlin tragen wird. Ein anderer drängte darauf zu wissen, warum sie nicht nach Dresden fährt. Man suchte nach Hinweisen, nach kleinsten Gesten der Schmähung. Man suchte nach einer neuen Schlagzeile.Die Story mit der Entschuldigung ist eine dieser Zeitungsgeschichten, die durch Wiederholung ein Eigenleben entwickeln. Immer noch wird in London und Berlin gerätselt, wer eigentlich eine Entschuldigung gefordert haben soll. Und vor allem, was das bringen soll. Wer muss mit dem Entschuldigen anfangen? "Man sollte kein Sorry für Dresden von der Queen erwarten", sagt William Paterson, Experte für deutsch-britische Beziehungen an der Universität Birmingham. "Das würde ja bedeuten, dass wir behaupten, die Angriffe seien falsch gewesen und die gesamte Strategie der Alliierten infrage stellen. Das kann die Regierung nicht machen." Das Eingeständnis hingegen, dass die Deutschen auch gelitten haben, sei möglich, sagt Paterson.Gern wird bei jedem Besuch der Königin in Deutschland über den angeblichen Heimatbesuch gewitzelt. Aus englischer Sicht scheint die Queen sehr deutsch zu sein, sie glit als pflichtbewusst, diszipliniert, ein bisschen humorlos. Und da gibt es ihren Stammbaum: Der Großvater ihres Großvaters, König Georg V., war Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha. Er war mit der wahrscheinlich mächtigsten englischen Frauen aller Zeiten, Königin Victoria, verheiratet und lieh dem englischen Königshaus den Namen. Ihre älteste Tochter wurde später die deutsche Kaiserin Victoria (1840 bis 1901). Ihr zu Ehren wird Elizabeth II. am Mittwoch Victorias einstigen Wohnsitz, das Krongut Bornstedt nahe Potsdam, besuchen.Erst 1918 wurde Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor umbenannt. Ein deutsch klingender Name kam am englischen Hof nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr gut an. Enge Beziehungen zu den kontinentalen Adelsfamilien erhielt man jedoch aufrecht. Noch während des Zweiten Weltkrieges wurde gelegentlich im Buckingham Palace deutsch gesprochen. Und Elizabeths Mann, Philip Mountbatten, später Duke of Edinburgh, hat enge familiäre Bindungen nach Deutschland und spricht noch heute fließend deutsch.Vielleicht macht Elizabeth gerade ihre Familiengeschichte zu einer Versöhnerin zwischen Deutschen und Briten. Auch wenn man sich emotionale Reden von ihr nicht vorstellen kann. Ihr Biograf Ben Pimlott erinnerte an eine Szene aus den 50er-Jahren. Als die junge Königin von einem Staatsbesuch zurückkam, schüttelte sie ihrem Sohn Charles zu Begrüßung die Hand, als sei er ein Diplomat.Ähnlich war es im August 1997, als Prinzessin Diana starb. Wie schwer fiel es der Königin, auf die Massenhysterie der trauernden Untertanen zu reagieren, wie schwer fiel es ihr, freundliche Worte für ihre ehemalige Schwiegertochter zu finden. Beinahe hätte sie nicht einmal die Beerdigung besucht. Diana, verrückt nach Kindern, Bestätigung, Wärme, verkörperte alles, was Elizabeth II. nicht ist.Wo Diana rebellierte, fügte sich Elizabeth. Eine wie sie wirft sich nicht die Treppe herunter, weil ihr Mann eine Freundin hat. Da heult man sich nicht bei Reitlehrern, Bodyguards oder anderem niedrigen Dienstpersonal aus. Da schluckt man den Kummer runter und macht weiter. Manche mögen das als kalt bezeichnen. Für die Queen ist es eine Möglichkeit, die Fassung zu bewahren.Sie ertrug, dass ihre vier Kinder weder ein glückliches Händchen für die Partner- noch für die Berufswahl hatten. Drei Ehen scheiterten. Nur Prinz Charles Ökohof, auf dem er Kekse, Schokolade und Würstchen produzieren lässt, funktioniert. Worte der Versöhnung mit Dianas Familie hat die Königin erst in diesem Jahr gefunden. In einer kurzen Rede im August hob sie Dianas Fähigkeit hervor, Menschen zu faszinieren und das Leben anderer positiv zu beeinflussen. Sie sagte, über die Jahre werden Erinnerungen weicher. Es war das Netteste, was sie über Diana sagen konnte.Das Drama um Diana ist nicht mit dem Drama von Dresden zu vergleichen, doch es zeigt, wie bei der Queen kleine Gesten der Versöhnung aussehen können. Es ist nicht so, dass sich die Königin nicht bemüht hätte. Sie fuhr immerhin schon 1992 nach Dresden, in die Stadt, wo sie nicht nur mit Jubel begrüßt wurde. Sie hat für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gespendet. Und schließlich wird sie Düsseldorf, die ehemalige britische Besatzungszone besuchen. Der Termin fällt in die Zeit, in der sich die Luftangriffe auf die Region zum 60. Mal jähren. Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht zufällig gewählt.------------------------------"Man sollte kein Sorry für Dresden von der Queen erwarten." William Paterson, Universität Birmingham------------------------------Foto: Königin Elizabeth II. - emotionale Reden sind von ihr nicht zu erwarten.