Die erste Messe war schnell gelesen. "Ich bin stolz, ein Teil der olympischen Familie zu sein", hatte Billy Payne, Atlantas Olympiaboß, in seinem breiten Südstaatenslang getönt. Sekunden später forderte er die im Woodroff Art Centre' zu Atlanta Versammelten, "seine Brüder und Schwestern", zu Standing ovations für das Familienoberhaupt heraus. Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, nahm die Huldigung gütig entgegen. Die Olympier feierten sich zur Eröffnung ihrer 105. Session wieder einmal selbst. Sie summten Lobeshymnen, verteilten Orden. Nach einem kurzen Kulturprogramm eilte das bunte Völkchen dann ins Foyer zu Schnittchen, Wein und Truthahnscheiben. Mit dabei auch die beiden deutschen IOC-Mitglieder Walther Tröger (66) und Thomas Bach (42), die als enge Freunde zu bezeichnen, ihnen nicht die größte Freude bereiten würde. Walther Tröger, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, hat den Kampf gegen seinen Ruf als visionsloser Technokrat längst aufgegeben.Der schwäbische Wirtschaftsanwalt Thomas Bach, Fecht-Olympiasieger von 1976, setzt dagegen serienweise Siegtreffer in der Sportdiplomatie. Einer Goldmedaille mit der bundesdeutschen Florettmannschaft in Montreal folgte 1981 auf dem Olympischen Kongreß in Baden-Baden Bachs Aufstieg in die neugegründete Athletenkommission des IOC. Der promovierte Aktivensprecher wandelt seither in einem atemberaubenden Tempo durch die olympischen Gefilde. "Bach weiß, wie man eine Mark macht. Er durchschaut die Bewegung", sagt IOC-Marketingchef Richard Pound aus Kanada, der wegen seiner hautengen Kontakte zu Fernsehen und Sponsoren als aussichtsreichster Samaranch-Nachfolger gilt. Auch der australische Ölmanager Kevan Gosper, der die Spiele 2000 nach Sydney holte, schätzt die Wendigkeit seines deutschen Kollegen: "Bach hat einen guten Riecher." Feines Lächeln Wenn die Olympier über den Kollegen Bach urteilen, ziert allerdings ein feines Lächeln ihre Mienen. Ein Signal, deutlicher als alle Worte: Na ja, Sie wissen schon, Juans Liebling. Bach sieht sich vom Herrn der Ringe tatsächlich mit einem Gefühl "fast väterlicher Freundschaft" überströmt. Auf der letztjährigen IOC-Session in Budapest hatte ihn Samaranch persönlich zum Chef der Prüfungskommission für die elf Olympiabewerber des Jahres 2004 berufen. Drei Tage darauf dankte Bach auf seine Weise: Er stimmte, wenngleich "zähneknirschend", für die zugunsten Samaranchs durchgesetzte Anhebung des Alterslimits fur IOC-Mitglieder von 75 auf 80 Jahre. Zur Gegenfraktion zählten Richard Pound und erstaunlicherweise auch Walther Tröger.Mit diesen kleinen Gefälligkeiten hat Bach seinen Sturm an die Schaltstellen der Macht immer wieder forciert, getreu seinem 1992 abgelegten Gelöbnis, im IOC "allzeit bereit zu sein, fair und anständig der Olympischen Bewegung zu dienen". Thomas Bach werkelt in den wichtigsten IOC-Kommissionen, knüpft als kühler Lobbyist die Fäden zwischen Stuttgart (Mercedes-Benz) und Lausanne, hat dem Olympiakonzern die erst vor wenigen Tagen bis ins Jahr 2006 verlängerte Partnerschaft mit der deutschen Lufthansa vermittelt und wurde zum Präsidenten des Internationalen Sportgerichts gewählt, zum obersten Sportrichter der Welt. Einen "artigen Eleven" nannte die Frankfurter Allgemeine den FDP-Mann und Kinkel-Intimus, dessen IOC-Mitgliedschaft nach der nunmehr gültigen Altersregel bis ins Jahr 2033 gesichert ist. Ehrfürchtig pries ihn die französische Sportzeitung "L'Equipe" sogar als "IOC-Präsidenten des dritten Jahrtausends". Bei adidas Daß der Aufsteiger Mitte der achtziger Jahre eine kurze Lehre unter Horst Dassler in der fränkischen Sportartikelfirma adidas absolvierte, war seiner Karriere bislang nur förderlich. Galt doch Dassler bis zu seinem Tode 1987 als der heimliche Herrscher des Weltsports. Er brachte das olympische Finanzprogramm ins Rollen und schuf eine neue olympische Disziplin: die des Strippenziehens. Dassler beherrschte die Kunst des Stoßens und Reißens in den sportpolitischen Kraftkammern des Olymps, der adidas-Mann hob Männer seiner Wahl - skandalumwittert allesamt - auf den Thron: den IOC-Präsidenten Samaranch, Weltfußballboß Joao Havelange, Leichtathletikchef Primo Nebiolo und Mario Vazquez Rana, den Präsidenten der Vereinigung aller NOK. Oder auch Anwar Chowdhry, einen Pakistani, der seit 1986 den Weltboxverband AIBA führt. 1986 verdiente Chowdhry noch in der sportpolitischen Arbeitsgruppe von adidas im französischen Landersheim sein Geld. Seine Inthronisation an der AIBA-Spitze, Mauscheleien und Kampfrichterbestechungen im Boxverband, hat der damals wie heute als AIBA-Generalsekretär tätige Karl-Heinz Wehr aus Berlin für die Stasi auf mehr als tausend Seiten dokumentiert. Nahezu minutiös zwitscherte Wehr, alias "IM Möwe", über Jahre seinem Führungsoffizier. Erstmals tauchten nun Berichte auf, die eine Mitwisserschaft des IOC-Aufsteigers Thomas Bach an diversen Wahlmanipulationen vermuten lassen. Um den adidas-Angestellten Chowdhry - laut "IM Möwe" "charakterlich ein absolutes Schwein, unaufrichtig, hinterhältig und verschlagen" - an die AIBA-Spitze zu manipulieren, spendierte Dassler rund 200 000 Mark. Damit wurden im Herbst 1986 für 37 Delegierte einer Weltverbandstagung in Bangkok Flüge, "Hotelkosten, Kosten für Bar-Besuche und für Massage-Institute sowie Zuwendungen in Bargeld" beglichen. An der entscheidenden Planungsrunde für diesen Kongreß, behauptet "IM Möwe", soll am 24. Juli 1986 mit Dasslers Führungsstab auch Thomas Bach teilgenommen haben. Bach bestreitet dies. Er sei damals bei adidas "internationaler Promotionmanager" gewesen, lediglich "verantwortlich für Verträge mit den Athleten". Für Bach sind Wehrs Stasiberichte "sportpolitisch und kommerziell unstimmig". Es habe natürlich "bestimmte Treffen" gegeben, auf denen über "Veränderungen in einzelnen Verbänden berichterstattet wurde", von solcherlei Machenschaften habe er jedoch nie gehört. Wehrs Aufzeichnungen verblüffen allerdings mit zahllosen Details. Die "Möwe" pflegte stets penibel zwischen Tatsachen und "persönlichen Vermutungen" zu trennen. Zudem decken sich ihre Aussagen mit den Angaben anderer hochrangiger Berichterstatter. So hat Dassler gegenüber dem DDR-Sportchef Manfred Ewald regelmäßig mit seinem unerhörten Einfluß in der olympischen Welt geprotzt. Und das nicht nur mit seiner Personalpolitik, auch die Vergabe der Olympischen Spiele an Seoul, Albertville und Barcelona sagte Dassler schon Jahre vorher voraus. Aus Wehrs Akten erfährt man zudem, mit wieviel Geld adidas den jeweiligen Olympiabewerber unterstützte. "Entscheidungen im internationalen Sport und von Dassler getroffene Vorhersagen haben sich in den letzten Jahren sehr oft als zutreffend erwiesen", resümierte folglich SED-Abteilungsleiter Rudi Hellmann - in einem Rapport an Erich Honecker.Horst Dassler, sagt Walther Tröger, hatte ganz unzweifelhaft "einen langen Arm". Daß Macht ja auch korrumpiere, stehe völlig außer Frage. Und Thomas Bach, erinnert sich Tröger, sei damals Dasslers "rechte Hand gewesen". Welchen Bereich der Herr Kollege allerdings genau zu verantworten hatte, ist Tröger nicht mehr recht erinnerlich: "Denn ich habe zu dieser Zeit immer mit Dassler direkt verhandelt und nicht mit seinem Stellvertreter oder Adlatus." Die Latinofraktion Neun Jahre nach Dasslers Tod spielen dessen Erben, Mitarbeiter und Verbündete immer noch die erste Geige im Milliardenkonzert des Weltsports. Erst vor zwei Wochen haben die Dassler-Erben gemeinsam mit dem Münchner Medienmogul Leo Kirch für 3,4 Milliarden Mark die Fernsehrechte an den ersten beiden Fußballweltmeisterschaften des neuen Jahrtausends erworben; die von Dassler gegründete Marketinggesellschaft ISL organisiert seit elf Jahren das milliardenschwere Sponsorenprogramm des IOC; die sogenannte Latinofraktion mit Samaranch, Nebiolo und Havelange konzentriert weiterhin die sportive Weltmacht in wenigen greisen Händen.Und Thomas Bach, der von den Machenschaften seines ehemaligen Bosses nichts wissen wollte, wird nun also am heutigen Mittwoch mit ziemlicher Sicherheit in die IOC-Regierung berufen. Um die zwei frei werdenden Plätze im Elferrat des Exekutivkomitees bewerben sich neben Bach der Japaner Igaya und Willi Kaltschmitt aus Guatemala. Zwar wünscht sich das finnische IOC-Mitglied Peter Tallberg eine Diskussion über die Akten und glaubt, daß all diese Unterlagen aus den DDR-Archiven "an die Öffentlichkeit gehören", doch damit ist er ein Außenseiter. Das aufklärerische Interesse des olympischen Zirkels hält sich in Grenzen. Präsident Samaranch gab die Richtung vor und riet seinem Zögling Bach, er solle die Vorwürfe nicht so ernst nehmen. "Das übliche Theater vor den Spielen." "Die Kollegen hier interessiert das nicht", hat Walther Tröger erkannt. "In meinem Präsidium würde ich jetzt eine Klärung herbeiführen", sagt er und meint damit nur das deutsche NOK. Doch im IOC, dessen Präsident, ein ehemaliger faschistischer Minister, "schon Schlimmeres erlebt hat, passiert so etwas nicht". Die Aussprache bleibt aus. Es wird Geburtstag gefeiert in Atlanta. Gewohnt souverän Zum Auftakt der dreiwöchigen Jahrhundertfete meisterte der leicht lädierte Shootingstar Thomas Bach den Small talk gewohnt souverän. Nur sein Lächeln wirkte etwas gequält, ein wenig Farbe hatte er wohl auch verloren. Beschwingt scherzend vertrieben sich dagegen Walther Tröger und Gattin den Abend. Sie nahmen erst den letzten IOC-Bus ins Marriott-Hotel. Zuvor hatte sich Tröger noch als Freund des "sauber recherchierten investigativen Journalismus" zu erkennen gegeben. "Ich sage nur Watergate." Daß es "keine Karriere ohne Brüche" gebe, habe er, Tröger, schon oft genug verkündet. Sein IOC-Kollege Thomas Bach, der bislang noch alle Klippen ohne Schaden umschiffte, will gerade jetzt nur allzu gern das Gegenteil beweisen. +++

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