Frau Dörrie, am Montag läuft im Wettbewerb Ihr Film "Kirschblüten - Hanami" . Darin erzählen Sie von Krankheit, Tod und der Fähigkeit zu trauern. Was hat Sie inspiriert?Die Erkenntnis, dass wir nach außen hin zwar sehr flott und lustig tun, aber jeder auch den Tod und die Trauer kennt und damit zu kämpfen hat. Das rückt immer näher, je älter man wird, und es ist etwas, was uns eint. Wenn man den anderen in seinem Schmerz sieht, darüber spricht oder auch gemeinsam schweigt, erlebt man ein anderes Gefühl der Nähe. Und wenn man im dunklen Kino ist, setzt man sich diesem Gefühl auch ganz gern aus. Nur in dem Moment, wo wir wieder öffentlich werden, tun wir es nicht. Das ist schade.Angesichts des Todes stellt Ihr Film die Frage, wie wir miteinander umgehen: der Mann mit seiner Frau, die Kinder mit ihren Eltern.Das ist der alte Sinn des Memento mori. Früher war die Erinnerung an unser aller Sterblichkeit ja Gang und Gäbe. Auf jedem Bild des 15. Jahrhunderts taucht eine kleine Erinnerung an den Tod auf, oft sehr codiert: Man muss lernen, was es bedeutet, wenn auf einem Stillleben eine Fliege auf dem Stück Obst sitzt. Das sind alles Memento-Mori-Zeichen, die neben der Aufforderung zu einem moralischen Verhalten auch bedeuten, sich des Lebens zu freuen. Den Gedanken, dass Lebenslust immer auch mit dem Bewusstsein des Todes zu tun hat, haben wir heute vergessen.Es ist schmerzlich, wie im Film die Kinder den Eltern begegnen. Sie haben keine Zeit, auch nur ein paar Stunden für die Älteren da zu sein. "Kirschblüten" macht uns da ein schlechtes Gewissen.Dann rufen Sie gleich mal Ihre Eltern an! Das macht wirklich fast jeder, der den Film bisher gesehen hat. Aber es geht mir gar nicht ums schlechte Gewissen. Ich zeige ja nur, wie wir uns immer mehr der Gelegenheiten berauben, zusammen zu sein. Früher war man miteinander beim Essen. Heute müssen wir uns mit den eigenen Eltern oder Kindern verabreden, wenn wir sie mal sehen wollen. Dadurch wird jedes Zusammensein so kostbar, so aufgeladen. Wir haben irrsinnige Erwartungen aneinander, wenn wir uns mal begegnen. Einmal im Jahr, zu Weihnachten, müssen wir aber auch alle ganz fröhlich sein. Aber das klappt nur selten.Sind auch die Erfahrungen der Schauspieler ins Buch eingeflossen?Das Drehbuch stand im Großen und Ganzen fest, aber natürlich wurden die Figuren durch die Erfahrungen der Darsteller angefüllt. Die Form des Films war so angelegt, dass es immer Luft dafür gab, Dinge zu ändern oder sie mit Details anzureichern. Mit Hannelore Elsner habe ich viel über ihre bayerische Vergangenheit und Kindheit in Burghausen geredet. Es war mir wichtig, dass sie Dialekt spricht. Es war mir wichtig, dass sie komplett ungeschminkt ist; ich habe ihr oft von dieser dunklen bayerischen Schönheit erzählt, die ich in ihr sehe. Dann haben wir darüber geredet, was sie noch von ihrer Großmutter weiß, welche Ohrringe sie trug und so weiter. Dabei hat Hannelore gespürt, dass das ihre Wurzeln sind, dass sie diese Wurzeln wiederbeleben kann in ihrem Spiel.Elmar Wepper hatte einen noch schwierigeren Part zu spielen. Immerhin musste er sich nach Trudis Tod ihre Kleider anziehen und mitten in Tokio Butoh tanzen.Elmar und ich, wir waren eine Art Traumpaar. Er hatte von Anfang an ein tiefes Verständnis für diese Rolle, ein unendliches Vertrauen in mich. Andersherum wusste ich: Alles, was er tut, ist für die Figur des Rudi genau das Richtige.Was für Vorteile hatte es, mit einem kleinen Team zu arbeiten?Wir konnten enger zusammen sein. Ich habe Elmar jeden Morgen die Haare grau gefärbt, Requisite, Garderobiere und Aufnahmeleitung gemacht, so wie alle anderen auch viele Jobs gleichzeitig gemacht haben. Ganz entscheidend waren der Kameramann Hanno Lentz und meine Königin des Schnitts, Inez Regnier. Sie sind meinem Wunsch sehr genau gefolgt, dem Augenblick die Gelegenheit zu geben, sich in seiner ganzen Schönheit zu zeigen. Durch die Art des Drehens und den Schnitt hat der Film jene Leichtigkeit und Luftigkeit bekommen, die ich mir vorstellte.Wenn Rudi nach Tokio kommt, wird der Film langsamer, betörender. Ist Rudis Reise nach Japan ein Akt der Wiedergutmachung gegenüber seiner Frau?Die Reise beginnt als Wiedergutmachung. Dann aber wird sie etwas sehr anderes. Rudi findet in seinem Inneren, seiner Seele zum Dialog mit seiner Frau zurück. Das ist eine Art "geglückte Trauer". Und er findet auch sich selbst. Er kann, wie die Kirschblüte, wirklich noch einmal aufblühen in all dem, was er ist. Das entspricht einem zentralen Gedanke im Zen-Buddhismus: Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind, und jedem Ding, jedem Menschen die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen.Sie haben vor zwölf Jahren Ihren Mann verloren. Hat sein Tod dazu beigetragen, sich der Trauerarbeit im Film anzunehmen?Sicherlich, wobei mein Roman "Das blaue Kleid" die viel direktere Beschäftigung damit war. Wenn man diese Erfahrung macht, dann sieht man sehr viel mehr den Schmerz in allen anderen. Vielleicht fällt es mir deshalb auch etwas leichter, mich so einer Geschichte anzunehmen.Das Gespräch führte Ralf Schenk.------------------------------Foto (2) :Ein altes Paar: Rudi (Elmar Wepper) und Trudi (Hannelore Elsner).Regisseurin Doris Dörrie