BERLIN, 9. September. Als Jodie Foster sich mit dem Gedanken trug, einen Film über Leni Riefenstahl zu inszenieren, begründete sie dies einmal so: keine andere Frau des 20. Jahrhunderts sei so geschmäht und so bewundert worden wie sie. Den Widerspruch, der Foster interessierte, wollte Riefenstahl am liebsten aus der Welt schaffen. Noch das Drehbuch des Hollywoodfilmes wollte sie kontrollieren. Sie wollte sicherstellen, dass ihre Version der Geschichte erzählt wird.Leni Riefenstahl war eine starke Frau, eigensinnig und feindlich gegenüber jedem, der nicht bedingungslos zu ihr stand. Sie besaß dabei die seltene Gabe, Loyalitäten zu binden. Wer immer mit ihr zusammenarbeitete, blieb zeitlebens fasziniert von der Tat- und Erfindungskraft dieser Frau. Große Kameraleute wie Hans Ertl, Walter Frentz oder Heinz von Jaworsky bestritten nie die entscheidende Rolle der Regisseurin für die berühmten und berüchtigten Filme der dreißiger Jahre. Der Charme, den so viele ihrer Interviewer rühmten, das Einnehmende der Greisin, die allen Respekt abnötigte schon durch die Energie, die sie verkörperte, scheint so gar nicht zu den Schmähungen zu passen, von denen Foster sprach.Doch wo immer der Umstrittenen Kritik begegnete, wo Nachfragen nach ihrer Rolle als Propaganda-Regisseurin im Dritten Reich ihr unangenehm wurden, da griff sie an. Sie wollte ganz und gar angenommen sein, sie wollte, dass ihre Legende geglaubt wird. Vielleicht hat das nicht nur mit der Beharrlichkeit einer über mehr als fünfzig Jahre durchgehaltenen eigenen Sicht zu tun. Vermutlich hat dieses der Nachkriegsgesellschaft so überaus anstößige Festhalten am geschönten Bild viel zu tun mit den Grundbedingungen, unter denen Riefenstahl zur Berühmtheit wurde. Widerstände zu überwinden, das stand am Anfang. Der Vater glaubte nicht an ihre Begabung als Tänzerin. Energisch, besessen fast, bewies sie ihm ihr Talent. Die Filmindustrie wollte ihr keine besseren Rollen geben, von Regiearbeiten ganz zu schweigen. Sie drehte mit kleinstem Team und Budget ihren Erstling "Das blaue Licht". Riefenstahl wollte es allen zeigen. Sie setzte dabei auf eine kleine verschworene Gemeinschaft. Die unvergleichlichen Möglichkeiten, die sie für die Parteitags- und Olympiafilme nutzen konnte, wurden dann ihr Triumph.Die Nachkriegszeit bot ihr dergleichen nicht. Sie verübelte es dem neuen Deutschland, dass es sich 1954 nicht für eine Aufführung von "Tiefland" bei den Filmfestspielen in Cannes einsetzen mochte. Dass sie in den vierziger Jahren in diesem Film Sinti und Roma, Zwangsarbeiter, einsetzte, und damit eine Grenze überschritt, ließ sie nie an sich heran. Es sei den Zwangsarbeitern aus dem Lager bei den Dreharbeiten doch gut gegangen - das hielt sie für eine Entschuldigung.Eine Verantwortung nahm sie nicht nur in diesem wohl bekanntesten und krassesten Fall nicht an. Sie lebte mit ihrem Bild von sich im Reinen, stilisierte sich als naiv. Sie war wohl kein politischer Mensch, aber ihre Naivität war auch Pose.An ihrem Werk scheiden sich folglich die Geister, vor allem in Deutschland. Leni Riefenstahl hat das oft als die große Ungerechtigkeit ihrer Landsleute hingestellt und auf die Retrospektiven im Ausland verwiesen - als Beispiele, die ihren künstlerischen Rang bestätigten. Aber um den Rang ging es in den Auseinandersetzungen hier zu Lande kaum. Im Grunde wussten auch die härtesten Kritiker ihr Können richtig einzuschätzen. Gerade das war das Ärgernis an ihren Filmen: dass sie so gut gemacht waren, auch die Filme über die Parteitage der NSDAP, vor allem "Triumph des Willens", und sicher die beiden Olympia-Filme. Diese Filme, zwischen 1933 und 1938 gedreht, standen immer im Zentrum der Bewertung. Dagegen wurde ihre erste Karriere als Tänzerin, die sie bis zu einer Verletzung sehr erfolgreich betrieben hatte, kaum gewürdigt. Wie auch als Schauspielerin in Bergfilmen und als Regisseurin des "Blauen Lichts".Nach dem Krieg kämpfte sie lange darum, den unvollendeten Film "Tiefland" fertig zu stellen, bis er 1954 dann tatsächlich aufgeführt werden konnte. Es blieb ihr letzter Kinofilm. Fortan arbeitete sie als Fotografin, zunächst und mit internationalem Erfolg bedacht an einem Buch über den Stamm der afrikanischen Nuba. Am Schönheitsideal dieser Fotos versuchten einige Kritiker die Nähe zu einer nationalsozialistischen Ästhetik zu belegen. Ein hilfloses Argument, weil es eine solche einheitliche Ästhetik nie gab. Richtig ist, dass sie immer Größe und Erhabenheit suchte, daher eine kühle Ästhetik bevorzugte, die nichts mit melodramatischen Gesten zu tun hatte. Noch in ihren späteren Leistungen, ihren Tauchexpeditionen, die sie begann, als sie schon über siebzig Jahre alt war, gibt es diesen Zug: Bilder zu finden, deren Schönheit konventionelles Maß übersteigt. Ihr im letzten Jahr aufgeführter Film "Impressionen unter Wasser" besteht aus 45 Minuten erlesener Bilder der Unterwasserwelt. Der Film ist ihre Abschiedsgeste geworden, die nun ganz in die bedeutungslose Schönheit entwich.Die Tabuisierung ihrer propagandistischen Filme und das weitgehende Ignorieren der anderen Arbeiten haben den kritischen Blick auf das Werk letztlich verstellt. Fast alles, was über sie geschrieben wurde, beschäftigt sich mit Fragen von Schuld und Unschuld, und auch ihre Memoiren kommen immer wieder auf dieses Thema zurück. Die seit Kriegsende ununterbrochene Selbstrechtfertigung und die immer wieder erneuerten Beschuldigungen formten einen symbolischen Streit um die Existenz des Künstlers unter dem Nationalsozialismus. Dass ausgerechnet Leni Riefenstahl im Zentrum dieses Streites stand, hatte sehr nahe liegende Gründe. Im Angriff auf sie ließ sich auch die Entlastung vieler anderer verbergen. Sie schien weitaus kompromittierter als ihre Kollegen, hinzu kam das oft verbreitete, nie bestätigte Gerücht, sie sei Hitlers Geliebte gewesen.Nicht selten mischte sich in die politisch motivierten Angriffe auch Ranküne gegen eine enorm durchsetzungsfähige Frau, die sich in Männerdomänen behauptete. Immer wieder hat sie Prozesse geführt und gewonnen, um Anschuldigungen abzuwehren. Zur Klarheit haben diese Gerichtsverfahren kaum beigetragen. Denn die wirklich entscheidende Frage war nie, ob sie Dokumentarfilme gemacht habe - wie sie immer betonte - oder Propaganda. Natürlich haben auch die Parteitags- und Olympiafilme einen dokumentarischen Zug. Sie halten die Inszenierungen in Nürnberg und Berlin in den effektvollsten Bildern fest. In beiden Filmen zeigt sie Hitler als zentrale Lichtgestalt. Dass sie seiner Ausstrahlung erlegen war, hat sie nie bestritten. Sie teilte dies mit Millionen Deutschen, die später lieber nichts mehr davon wissen wollten. Der Olympiafilm zeigt aber auch die Kraft und Grazie schwarzer amerikanischer Sportler, über die Hitler sich nur abfällig äußerte. Seinen primitiven Rassismus hat sie wohl nie geteilt.Dennoch steckt hinter ihrem Beharren auf dem Dokumentarischen ein Selbstbetrug: sie verdoppelt die Inszenierung, ist ihren Zielen verpflichtet. Es gibt keine erschöpften Männer auf dem Parteitagsgelände, es gibt kein endloses Warten, bis die einzelne Formation Teil des Ganzen wird. Riefenstahl hat den glänzenden Schein der Parteitags-Choreografie nicht nur übernommen, sie hat ihn erst geschaffen.Politik habe sie nie interessiert. Sie habe zu denen gehört, die nichts wussten. Dies hat sie bis zum Überdruss wiederholt und damit ein Selbstbild installiert, das anstößig war. Sie stilisierte sich als große autonome Künstlerin, sie bewies sich als geschäftstüchtige Unternehmerin, sie kannte die Vorteile guter Kontakte. Die Hartnäckigkeit, mit der sie am eigenen guten Gewissen festhielt, wirkte dagegen kaum glaubwürdig. Noch in Ray Müllers Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl, "Die Macht der Bilder", ist sie die heimliche Regisseurin, die an ihrem Nimbus strickt. Sie wollte das Recht auf Irrtum, aber dies letztlich nur für ihre Verehrung Hitlers, dem sie nach der Besetzung von Paris ein enthusiastisches Telegramm schickte. Aber sie wollte das Recht auf Irrtum, ohne Schuld anerkennen zu müssen.So stand sie sich selbst im Wege. Denn sie wollte ihre Leistungen gewürdigt sehen zugleich mit ihrer Person. Mit nachgerade erstaunlicher Vehemenz verlangte sie, als künstlerisch hervorragend und moralisch integer angesehen zu werden. Das hat die meisten Interpreten verständlicherweise abgestoßen. Manchen ging es wie Taylor Downing, der dem Olympiafilm eine gründliche Studie widmete. Er hatte selbst bei Olympischen Spielen gedreht und war voller Bewunderung für ihren Film, ohne seine politische Bedeutung zu verhehlen. Wenn Riefenstahl solche Lesarten angenommen hätte, wenn sie zur eigenen Vergangenheit ehrlicher gewesen wäre, sie hätte es den Kritikern nicht so leicht gemacht. Stattdessen hat sie sich seit den fünfziger Jahren als Opfer begriffen; Filme konnte sie nicht mehr realisieren, Anerkennung fand sie erst sehr spät wieder. In dieser Rolle ist sie geblieben, hat sich stilisiert als eine, die büßen musste. So hat sie sich selbst auf die Verurteilung eingelassen und darin wiederum ihre Stärke gesucht.ULLSTEIN 1940, Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten zu dem Film "Tiefland".BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK 2000, Eröffnung einer Fotoausstellung in Berlin-Charlottenburg.