LEIPZIG. "Bei dieser Geschichte", sagt Dietmar Ulrich, "habe ich mich bisher zurückgehalten." Kriminalkommissar Ulrich ist erst seit vier Jahren Vorsitzender des SC Eintracht Hamm. Und "diese Geschichte" hat sich vor seiner Zeit in der westfälischen Provinz abgespielt, in den 80er-Jahren, in der Hochzeit des Anabolika-Dopings.Dass sie Ulrich nun einholt, liegt an dem, was die Schriftstellerin Ines Geipel ausgelöst hat mit ihrem Antrag an den Deutschen Leichtathletik Verband (DLV), ihren Namen aus dem dopinggestützten 4 x 100-Meter-Vereinsweltrekord des SC Motor Jena von 1984 zu streichen. Nach anfänglichen Ausweichmanövern rang sich der DLV ein Bekenntnis zu seinem Präsidiumsbeschluss von 2000 ab, wonach gerichtsfeste Beweise zur Löschung von unsauberen Rekorden reichen. Seit Oktober prüft eine Kommission nun alle Bestmarken. "Eine faire Chance für den Nachwuchs statt Orientierung an vergifteten Rekorden" - so plädierte erst Geipel, eine der Nebenklägerinnen in den Prozessen zum DDR-Zwangsdoping, dann der DLV. Auf erfolgreiche Hammer Nachwuchsathleten ist Dietmar Ulrich ziemlich stolz. Einige trainiert er selbst und legt "die Hand dafür ins Feuer, dass alles sauber läuft".So war es nicht immer - weshalb dem DLV der unerfreuliche Rückblick in die westdeutsche Leichtathletikgeschichte bevorsteht. Am 20. Februar 1988 liefen vier Hammer Sprinterinnen das Staffelrennen ihres Lebens: Helga Arendt, Silke Knoll, Mechthild Kluth und Gisela Kinzel absolvierten in Dortmund die 4 x 200 Meter in 1:32,55; das war Hallenweltrekord. Die Unhaltbarkeit des Rekordes brachte eine Anzeige des Heidelberger Doping-Aufklärers Werner Franke ans Licht. 1994 verurteilte das Amtsgericht Hamm den früheren Cheftrainer des Vereins, Heinz-Jochen Spilker, und seinen Assistenten Jörg Kinzel wegen der Weitergabe von Anabolika.Das blaue QuadratKronzeuge Kinzel hatte das, was man heute wie damals im Westen "biografische Falle" für Spitzenathleten nennt, ausführlich geschildert: Wie 1984 ein Formtief von Gisela Kinzel das erfolgsabhängige Familieneinkommen schmälerte, wie Spilker dann mit der "Möglichkeit einer medikamentös bedingten Leistungsverbesserung" lockte, so dass man schließlich "nicht lange überlegte". Fortan wirkte das Anabolikum Stromba als Tempomacher. Den Gerichtsakten liegt das Trainingstagebuch von Silke Knoll bei. Am 19. Januar 1988 malte sie das erste blaue Quadrat für die Einnahme einer Stromba-Pille. Trainer Spilkers Rezeptur: Schlucken bis etwa 18 Tage vor dem Wettkampf. Klarer kann die anabole Vorbereitung des Rekords am 20. Februar nicht dokumentiert sein."Konspirative Absicherung" kriminellen Tuns bescheinigte das Gericht Spilker, weil er später auch das nicht zugelassene Anabolikum Anavar vergab. Er schwieg im Prozess, und so hält es der mittlerweile zum Vizepräsidenten des Thüringer Landessportbundes aufgestiegene Anwalt bis heute. Per Fax lässt er nur mitteilen, er habe einen Schlussstrich gezogen. Außerdem: Die 4 x 200 Meter würden "extrem selten" gelaufen: "Entsprechend", so fährt er fort, "ist die Relevanz diesbezüglicher Rekorde und/oder deren Streichung einzustufen."Die Missachtung Spilkers zeigt, mit welchen Mentalitäten es der DLV zu tun bekommt. Er hat sie selbst lange gedeckt. Helmut Digel, Vizepräsident des Weltverbandes IAAF, dessen Votum für den Geipel-Vorstoß die Rekordprüfung erst ermöglichte, hatte schon nach dem Hammer Urteil einen Handlungsbedarf erkannt. Doch als damaliger DLV-Chef hielt er den im Prozess belasteten Sprint-Bundestrainer Wolfgang Thiele bis zum Jahr 2000 im Amt. Thiele, ohnehin seit Olympia 1976 unter Verdacht, soll auch Doping-Know-How aus der DDR angewandt haben. Wie Spilker: Dem hat angeblich der Rostocker Wolfgang Meier, Coach von Marita Koch, Doping-Interna geflüstert. Kochs 400-Meter-Weltrekord gilt als einer für die Ewigkeit. Die manipulierte Hammer Weltbestmarke wurde 2005 von einer russischen Staffel geknackt. In der deutschen Rekordliste steht sie noch immer."Eine saubere Lösung"Geht es nach Dietmar Ulrich, dem Vorsitzenden des SC Eintracht Hamm, bleibt es dabei nicht. Er wird dem Vereinsvorstand vorschlagen, die Streichung des Rekords zu beantragen: "Eine saubere Lösung, auch für unsere Glaubwürdigkeit." Womöglich, so hofft der Kommissar, zeigen dann andere Vereine ebenso Neigung, ihre Historie zu recherchieren. Der SC Motor Jena etwa, der nicht nur den Rekord, den Ines Geipel annullieren will, in Frage stellen müsste. Der Juristin Anne Jakob, der Anti-Doping-Beauftragten des DLV, die im Kommissionsauftrag die Akten sichtet, wäre ein derartiger Beistand willkommen: "Auch von Athleten, wenn sie das wollen." Bisher ist beim DLV keine Reaktion eingegangen.------------------------------SchwimmrekordeDas Thema Rekordtilgung hat nun auch den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) erreicht. Die DDR-Olympiasiegerin Petra Schneider will ihren deutschen Rekord über 400 Meter Lagen vom 1. August 1982 für ungültig erklären lassen, weil er von Doping beeinflusst gewesen sei, berichtete das TV-Magazin Kontraste.Der Deutsche Schwimm-Verband hat die Möglichkeit eingeräumt, dass unter Dopingeinfluss erzielte Rekorde aus den Listen getilgt werden können. "Wir betrachten es als Individualrecht, wenn ein Athlet bei einem unter unlauteren Bedingungen erzielten Rekord aus den Bestenlisten gestrichen werden will", sagte Generalsekretär Jürgen Fornoff.------------------------------Foto: Enthüllendes im Trainingstagebuch: Silke Knoll, Mitglied der Hammer Sprintstaffel, die 1988 Hallenweltrekord über 4 x 200 Meter lief.