Es war ein besonders schweres Puzzle. Tausende von Marmorstücken hatte die seit 1878 laufende preußische Grabungsexpedition aus dem Burgberg von Pergamon zu Tage gefördert. Der in dem hellenistischen Reliefzyklus abgebildete Kampf der Götter gegen die Giganten stellte sich als ein Gewusel und Gedränge von phantastischen Körpern, wilden Löwen und unerbittlichen Schlangen heraus. Mit detektivischer Kombinationsgabe gelang es in Berlin dennoch, den Pergamonaltar zusammenzusetzen.Die Arbeit lohnte sich. Das "Wunder der Wunder", wie es der heutige Generaldirektor der Staatlichen Museen Peter-Klaus Schuster nennt, ist der Magnet der Museumsinsel. Doch Ruhe war dem Pergamonaltar nicht vergönnt. Es hätte gar nicht des Zweiten Weltkriegs sowie der Transporte ins damalige Leningrad 1945 und wieder zurück 1958 bedurft, um ihn zu ramponieren. Die eisernen Dübel, die die einzelnen Stücke seit hundert Jahren zusammenhielten, begannen nämlich zu rosten, sprengten durch ihre Ausdehnung den antiken Marmor. Auch Zement, Mörtel und Gips verhalten sich anders als die in sie eingelassenen und von ihnen zusammengehaltenen Marmorplatten. 1994 führte kein Weg mehr an einer Grundrestaurierung vorbei.Nach dem Telephosfries, der Frontpartie und dem Nordfries ist nun der südliche Skulpturenreigen vollendet, der Fackel-bewehrte Licht- und Tagesgötter im Kampf mit den Unholden zeigt. Damit ist das "Anfang vom Ende" (Schuster) der größten Restaurierungsarbeit der Antikensammlung erreicht. Auf über drei Millionen Euro werden sich die Gesamtkosten belaufen, wenn auch der Ostfries zum Winckelmann-Tag am 5. Dezember 2003 in neuem Glanz erstrahlen wird. Noch hängt dieser an der Wand und gibt den Kontrast ab, vor dem das Werk der renommierten Restauratorenfirma von Silvano Bertolin zu würdigen ist. Während dort die Figuren in Zement eingelassen sind, plump und schwer wirken, hat man nun einen hellen Kalkstein aus dem Friaul gewählt, der auf die klimatischen Bedingungen ähnlich reagiert wie der Marmor. Nur mit Wasser und weichen Bürsten befreite man die Marmoroberflächen vom Schmutz. Exakt sind die Fragmente durch moderne Harze verklebt. Neue Dübel aus einer ebenso wasser- wie säurefesten Chrom-Nickellegierung sichern den Zusammenhalt. Auf sie gebe er 5 000 Jahre Garantie, scherzt Oberrestaurator Silvano Bertolin.Die Restaurierung steigert nicht nur den ästhetischen Genuss, sondern auch die wissenschaftliche Erkenntnis. Einige kleine, bisher nicht verortete Stücke aus dem Depot konnten eingefügt werden. Uranos erhielt eine Flügelspitze zurück, das Maultier der Selene seine Hinterläufe und ein neu zugewiesenes Bartfragment machte aus einem bisherigen Hephaistos einen grimmigen Giganten. Auch ein Abguss fand seinen Platz im Getümmel: der Gott Tithonos. Das dazugehörige Original gelangte schon im 17. Jahrhundert in die britische Arundel-Collection, konnte erst 1961 als zum Pergamonaltar gehörig identifiziert werden. Sein alter Nachbar, ein minotaurushafter Gigant, stürmt nun nicht mehr ins Leere.SMPK Uranos ringt mit Aither - nun gereinigt und in hellen Stein gebettet.