Die Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie macht Andy Warhol zum Altmeister der Moderne: Nun kommt der Tempelgang

Andy Warhol nährte sich am Mythos Amerika wie kein zweiter Künstler. Und wie niemand sonst in der Kunst bediente er ihn. Die endlosen Wiederholungen und Variationen der Campbell s-Dosen und Brillo-Boxen, der Streichholzschachteln und Coca-Cola-Flaschen, seine Ikonisierungen von Marilyn, Elvis und Jackie wurden so erfolgreich, weil sie bereits im amerikanischen Bildgedächtnis fest eingebrannt waren. Ohne festgefügte Klischeevorstellung funktioniert dieses Verfahren nicht; das zeigen die Auftragsporträts der achtziger Jahre, aber auch der Schwulst um den Vesuv, den Kölner Dom oder die Modelle von Daimler-Benz.Obgleich Europa, vor allem Deutschland, ihn früh schon emphatisch empfing und er hier zeitlebens einen wichtigen Markt hatte, interessierte sich Warhol doch eigentlich nur für die Bildwelten der USA. Genauso wie er Hollywood und sein Starwesen über alles stellte, fasziniert war vom Geldadel Amerikas, aber kaum vom europäischen Jetset.Warhol, der 1988 nach einer Gallenblasenoperation starb, wäre heute 73, und man fragt sich schon seit langem, wie er seine eigene Mythisierung durch das heftig schwankende, oft heikle Spätwerk gerettet hätte. Die beiden anderen überragenden Nachkriegskünstler Amerikas, Jasper Johns und Robert Rauschenberg, beide für ihr Frühwerk gottgleich verehrt und heute zu astronomischen Summen gehandelt, wurden in der Zwischenzeit von ihrem Ruhm überrollt und strandeten im Eklektizismus des eigenen Werks. Doch war Warhol zeitlebens Meister darin, sich in Szene zu setzen, die Moden und Gesellschaftsrituale selber zu bestimmen, Jüngerscharen zu versammeln, deren Ergebenheit zuweilen in "ästhetisches Flagellantentum" (Werner Spies) ausartete. Irgendwie hätte er auf die Puritanisierung der USA, auf das Internet und die Biotechnologie schon geistreich reagiert.Für Zeitstimmungen hatte dieser Künstler ein untrügliches Gefühl. Wandert man durch die Retrospektive, vor allem durch die üppig ausgebreiteten "Disaster"-Bilder, die Flugzeugunglücke und Autounfälle, die elektrischen Stühle, die Atombomben und die Suizide, dann fragt man sich unwillkürlich, wie Warhol reagiert hätte auf die Bilder vom 11. September, die bereits in den Sekunden ihrer Entstehung zu den amerikanischen Katastrophen-Ikonen schlechthin wurden.Es läuft Warhols Verfahren, das mit Klischeebildern und ihrer Vervielfältigung arbeitet, sicher nicht zuwider, wenn sich angesichts seiner Selbstmörder, die aus ihren Hochhäusern springen, eine einzige Assoziation noch einstellen will. Künftige Exegeten werden diese Bilder als Prophetien des amerikanischen Albtraums deuten und so Warhols Methode eine weitere Kanonisierung zufügen.Heiner Bastian, der Kurator der Ausstellung, hat dem Unternehmen solche Bezüge ausgetrieben. Er zielt auf nicht weniger als die finale Musealisierung des Werks. Die Schau wird zum Pantheon und Warhol - als wäre dies noch nötig - zum bedeutendsten Künstler der zweiten Jahrhunderthälfte stilisiert. Darum durften, wie ursprünglich vorgesehen, die "Thirteen Most Wanted Men" nach der New Yorker Katastrophe nicht mehr an der frei stehenden Großikonostase hängen, die das leer geräumte Obergeschoss zum Warhol-Heiligtum erhebt. Die Verbindung mit den aktuellen Terroristenfotos schien Bastian zu zeitpolitisch belastet. So bilden die gerasterten Fahndungsbilder, entstanden als Auftragswand für die Weltausstellung von 1964, nun im zentralen Saal des Untergeschosses eine morbide Krypta.In Mies van der Rohes Glasvestibül hängst stattdessen ein blutrot durchgefärbter Breitwandaltar, kompiliert aus Leonardos Abendmahl. Die Sakralisierung der Ausstellung treibt hier eine bizarre Blüte. Doch wer deren Händler-Kurator mit Chauffeur und Ministerlimousine vorfahren sieht, wundert sich darüber nicht mehr.In dieser "endgültigen" Retrospektive, die mit der Schau des MoMA von 1989 wetteifert, doch diese im Breitenspektrum und dem wissenschaftlichen Ertrag des Katalogs nicht einholt, soll Warhol vom Talmi seiner schrillen Existenz, von seiner Arbeitskommune, vom Kontext der Pop Art und der New Yorker Partyszene befreit werden. Rein und fern jeder Historisierung hängt er hier wie Matisse oder Tizian.Dabei hatten die jüngsten Warhol-Ausstellungen mit Gewinn Einzelaspekte vertieft. Basel widmete sich dem Frühwerk, Wolfsburg zeigte Warhol als Werkstattkünstler der "Factory", ohne die er nicht denkbar wäre, und Hamburg lenkte in einer Pioniertat den Blick auf den Fotografen Warhol. Diese Facetten, kurz: das ganze Warhol-Gefühl, sind aus der Berliner Ausstellung verbannt. Es ist eine modernistische Präsentation im Stil der fünfziger Jahre, darin allerdings eine enge Symbiose mit Mies Architektur eingehend.Doch trotz aller Aussparungen darf man Bastians Leistung dankbar sein. Berlin profitiert von seiner intimen Kenntnis des Handels und kann nun manche Hauptwerke erstmals öffentlich sehen. Vor allem in Amerika öffneten sich zahlreiche Türen. Reich dokumentiert sind die frühen, pseudonaiven Zeichnungen, halb Werbeillustration, halb Reflektion über die moderne Alltagsikonografie. Schwelgen darf man dann in den Hauptwerken der sechziger Jahre. Alle berühmten Motive sind vertreten, zum Teil in mehreren Versionen oder in serieller Wiederholung, Warhols Grundprinzip. Die Abstürze der Siebziger und Achtziger hat Bastian weitgehend ausgesondert.Man kennt diese Bilder alle auswendig, und doch ist es stets ein Erlebnis, sie im Original zu sehen, soweit dieser Begriff für Warhols Siebdrucktafeln überhaupt angebracht ist. Die Reklame- und Comic-Adaptionen, noch eigenhändig gemalt, die Etiketten, die Dollarnoten, Blumen und Kühe, die Mona Lisa, die Selbstbildnisse und Prominentenporträts bis hin zur Mao-Tapete: Die Ausstellung führt überwältigend vor Augen, wie sehr Warhol unser Bildreservoir geprägt hat.Die weihevolle Musealisierung öffnet immerhin den Blick für kunsthistorische Beziehungen: für die Dada-Ahnen und das große Vorbild Duchamp, für die Übermalungen im Stil der abstrakten Expressionisten, für die monochromen Leerstellen und freien Farbtafeln, die Warhol bei Frank Stella oder Elsworth Kelly entlehnte. Am Ende sorgt der Berliner Tempelgang dann doch noch für einigen Gewinn.Andy Warhol total // Neue Nationalgalerie: Andy Warhol. Retrospektive mit 160 Bildern und 80 Zeichnungen. Potsdamer Straße 50, bis 6. Januar. Di/Mi 10-18, Do 10-22, Fr 10-20, Sa/So 11-20 Uhr. Der Katalog, erschienen bei DuMont, kostet 39 Mark.Kino Arsenal: Andy Warhol - die Filme. Potsdamer Platz, bis 16. Dezember. Telefonische Kartenvorbestellungen für die Filmretrospektive unter 26 95 51 00.Galerie Nikolaus Sonne: Andy Warhol und Alte Meister. In den neu eröffneten Räumen in der Schlüterstraße 54, bis 3. November. Täglich 11-19 Uhr.Picture Show: Andy Warhol - Altered Images. Warhol-Fotografien seines Freundes und Hoffotografen Christopher Makos. Oranienburger Straße 27, bis 4. November. Di-So 14-21 Uhr. Alle 349 Fotos sind für 750 Mark zu erwerben.KATALOG DUMONT Für Warhol war Amerikas Bildreservoir auch ein Reich des Todes und der Katastrophen: Acht Varianten des "Electric Chair" von 1964/65.