Dieser Tag war so sorgfältig geplant. Konzertagent Peter Rieger, der das Musical "Tommy" vom Broadway nach Deutschland importieren wird -- im April l995 ist Premiere in Offenbach -- hatte alles langfristig und professionell eingefädelt, und dann Ist doch so ziemlich alles schiefgelaufen.Am vergangenen Mittwoch ließ Riegel zwei Dutzend Journalisten nach New York einfilegen, uni sie dort für das Musical Tommy, zu entflammen. Gleichzeitig wollte er Ihnen den genialen Schöpfer des Stückes vorstellen, Pete Townshend, von The Who.Townshend blieb wegAls erstes blieb Townshend weg. Er habe persönliche Probleme, entschuldigte ihn sein Management. Gerüchten zufolge handelt es sich um Eheprobieme. Lange schon soll Townshend nicht mehr die Villa seiner fünfköpflgen Familie mi englischen Twlckenham bewohnen, sondern das Gartenhaus. Jetzt, hörte man, habe dle Gattin die Scheidung eingereicht, und Mr. Townshend sei außer sich. Jedenfalls stehe ih~m nicht der Slnn nach Pressekonferei ren. Peter Rieger hat die Lippen zusammengekniffen und von Verständnis gesprochen.Als er dann abends im St. James Theatre dem Programmzettel entnahm, daß just an diesem Tag in "Tommy" die Zweitbesetzung spielen würde, als die sich auch noch wie befürchtet deutlich von der ersten Garnitur unterschied, dazu noch kurz die Tonanlage patzte, resümierte Rieger still, daß dies wohl nicht sein Tag sei heute. Als schließlich das Publikum nicht so enthusiastisch mltging, wie er es von anderen Vorstellungen kannte, sondern eher erschöpft applaudierte, wünschte sich Peter Rieger dringend, der Tag möge nun bitte ein Ende finden, damit nicht noch mehr passiert.Es passierte dann nichts weiter. Peter P.ieger stellte später fest, daß die meisten seiner Gäste das MusicalFesselnder als erwart~Lerwartet hatten. "Tommy, läuft seit anderthalb Jahren in New York und war der Hit der 93er Salson, bekam fünf Tony-Awards. Als Peter Rieger das Stück zum ersten Mal sah, wußte er sofort: Das will er in Deutschland zeigen, das, oder keins."Tommy" von Pete Townshend und The Who war 1969 elne Revolution. Die erste Rock-Oper überhaupt, ein geschlossenes Werk mit durchgehender Geschichte und klarer Rock-Stilistik, unerreicht bis heute. Auch der Rand Ist ein solcher Coup kein zweites Mal gelungen. Das Stück erzählt das Leben von Tommy, der als Vierjähriger mit ansieht, wie sein Vater den Geliebten seiner Mutter erschießt, woraufluln das Kind taub, stumm und blind wird. Alle Versuche der Eltern, Tommy zu heilen, scheitern ("Tommy Can You Hear Mc?", "See Me, Feel Me"). Er wird vom Onkel mißbraucht, vom Cousin gequält, erträgt alles widerstandslos, bleibt autistisch, entwickelt nur eine sonderbare Fähigkeit beim Flippern -- an diesem Automaten avanciert das Kind zum Champlon. Ein Talent, das Tommy zum Star macht, nachdem er 1 7jährig durch einen weiteren Schock aus seinem Trauma befreit wird (..Fm Free").Wie eine GluckeTownshends Rockoper hielt vor einem Vierteljahrhundert Einzug in die Metropolitan Opera. "Tommy" kam dann als Ballett, als Orchesterfassung und als Film heraus, es sangen und spielten Elton John, Tlna Turner, Ringo Starr, Rod Stewart, Erle Clapton, Phil Gollins, Jack Nicholson und das London Symphonie Orchestra.Die Metamorphose von der Rock-Oper zum Musical aber sollte die schwierigste werden. Acht Jahre lang brauchte es, Pete Townshend von diesem Vorhaben zu überzeugen. Rückblickend hat der Komponist mal gesagt, er habe "wie eine Glucke auf den ganzen Aufführungsrecht*n g~hockt", bevor er begriff, daß das Publikum mittlerweile seine Show im Theater einem Who-Auttrftt im Stadion vorziehe.Als Koautor und Regkseur Des McAnuff das Broadway4tack dann auch noch vertanzen lassen wollte, jaulte Townshend ein letztes Mal auf, bevor er auch diesem Ansinnen zustimmte.Was für eine glückliche Entschel. dung. Entstanden ist ein phänomenales Bühnenstück, das am Broadway kein Pendant hat und die üblichen, bis zum Überdruß strapazierten süßllch-gefühligen Broadway-Klischees meldet. Spannend, geradlinig, streng, und sogar ein bißchen clean erzählt es seine Geschichte. Bühne und Licht, Spiel und Tanz folgen dieser vergleichsweise harten, akkuraten Linie. Gearbeitet wird mit Stahlkonstruktionen, Monitoren, Dla-Projektionen, die die komplizlerte Geschichte plausibel machen, durch bewegliche, ständig auf- und abfahrende Elemente dennoch einen enormen Schauwert bieten.Die Musik ist die SeeleEin großes audlo-visueiles Erlebnis, das trotzdem an keiner Stelle zu Tränen rührt, wie es die Amerikaner eigentlich brauchen. Doch dem Stück fehlt nicht die Seele, wie mancher Broadway-Krltlker monlerte. Die Seele des Stückes bleibt die M4sik. Sie hat auch In dieser "verfeinerten" Musical-Form noch suggestive Kraft und klingt nicht wie der dritte Aufguß aus einer vergangenen Epoche, sondern wie ein unverwustlicher, glutvoller Klassiker.Der Kölner Konzert-Produzent Peter Rieger (41), der mit Tourneen von Pavarottl, Domingo und Garreras, von Peter Gabriel, Phil Gollins, Joe Gocker und Genesis Jahresumsätze von 100 Milllonen Mark verhucht, hat "Tonlmy" schon als Teenager geliebt. Heute betet er das Musical an. Um die Rechte in Deutschland hat er mit allen Mitteln gekämpft und wird nun der erste sein, der "Tommmy" in Europa auf den Markt bringt.Der Neu-Elnsteiger Im Musical-Geschäft mußte dafür In völlig neuen Größenordnungen Investieren. 12,8 Millionen Mark gingen allein für die Renovierung des runtergewirtschafteten Stadttheaters in Offenbach weg. Und die Stadt beteiligt sich an dem Unternehmen, das die Touristik-Branche flott machen könnte, lediglich mit einer Kredit-Bürgschaft und viel gutem Willen.80 bls 175 Mark EintrittDie Produktlonssumme des auch für amerikanische Verhältnisse teuren StOckes beläuft sich auf zehn Millionen Mark, die Hälfte kostet schon das Mischpult. 45 Wochen lang muß das Theater (1121 Sitze) bis auf den letzten Platz ausverkauft sein, um wenigstens diese zehn Millionen einzuspielen. Bei Elntrlttspreisen von 80 bis 175 Mark könnte das ein harter Brocken werden. Aber Rieger duldet keine Zweifel: "Man braucht zwei Dinge. Ein gutes Produkt und einen guten Verkauf. Tommy ist am weitesten entfernt von den gängigen Musicals, es ist die anspruchsvollste Produktion, die ich kenne. Dazu wird unser Marketing-System sehr potent sein." Für den Verkauf hat Rieger die besten Leute von Steiia ("Cats", "Phantom") abgeworben.Generationsstück?100 000 Bestellungen gibt es schon, obwohl morgen erst der Vorverkauf beginnt, Verträge mit Hotels, Medien, Touristik- und Busunternehmen sind eingerütet.Diese Seite also dürfte gesichert sein, die Frage ist eher, ob "Tommy" nicht doch vorwiegend eine bestimmte Generation anspricht. Eine, die kaum zu den Bus-Touristen zählen dürfte. Womöglich wlll es Musical-Fan Müller-Lüdenscheidt doch lieber seicht und sanft, mit krachenden Kronleuchtern ("Phantom der Oper~), landenden Hubschraubern ("Miß Saigon") und nicht mit lautem Rock. Zumal das Stück In Englisch auf die Bühne gebracht, die gesamte Besetzung von den amerikanischen Llzenzhaltem vorgenommen wird."Die 200 Worte Englisch wird man schon verstehen. Und in einem Land, wo Ich Phil Gollins In Hannover viermal ausverkaufen kann, wo Genesis eine Million Menschen zieht, Ist das Interesse für Rockmusik doch wohl groß genug. Man muß nur ein Ereignis draus machen", erläutert Rieger.Das Ereignis vor der Tür Das Ereignis steht vor der Ttir. 150 Menschen werden am Ende für Riegen Musical-Theater arbeiten, darunter 45 Künstler und 64 (1) Bühnenarbeiter. Manchmal sieht sich Rieger die aktuellen Verkaufszahien vom Broadway an, wo "Tommy" derzeit eine Auslastung von nur 74 Prozent aufweist (" Phantom ": 101,7 Prozent -- Stehplätze mitgerechnet). Manchmal beschleicht Ihn leise dle Angst, doch am Publlkumsgeschmack vorbei zu produzieren. Dann denkt er an das Stück, das ihn nun schon zum sechzehnten Mai begeistert hat und glaubt wieder an das Gesetz der Qualität, das eine eigene Dynamik entwickeln wird. Und aul&erdem: "Was mit so vielen Pannen begonnen hat wie auf dieser Medien-Reise, das kann nur Klasse werden."Premlere: 28. 4. 1995, Karten ab morgen unter 069-82 97 8297.Der vierjährige Tommy -- blind, taub und stumm -- mit seinen Eltern, die ihn von seinem Schock nicht heilen können. Foto: promo