Irgendwann im Frühjahr hat es die BILD-Zeitung verkündet. Tamara Danz hat Krebs. Nebenbei konnte man erfahren, daß es auch eine neue Platte von Silly gibt. Der Band, deren Stimme Tamara Danz ist. Die Platte heißt "Paradies". Alle Texte stammen von Tamara Danz.Eine Platte und eine Krankheit.Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, sagt die Sängerin. Als sie die Lieder schrieb, habe sie noch nicht gewußt, daß sie krank sei.Ich habe versucht, das zu beherzigen als ich die Platte hörte. Aber es ging nicht. Die Krankheit mischte sich mit den Liedern. Mein Kopf machte Ohnmacht zu Schmerzen, Ruhe zum Tod und die Sehnsucht nach Geborgenheit zur Hoffnung auf Gnade. So hörte ich die Platte und heulte. Die Sonne schien, Tamara sang "Flut, bitte komm Flut, nimm mich mit, trag mich hier raus" und starb dazu. In meinem Kopf.Ich wollte mit ihr reden. Wahrscheinlich wollte ich so was wie ein letztes Interview machen. Tamara bestand auf einem Telefongespräch. Sie lasse nur ihre nächsten Freunde zu sich in die Wohnung, sagte sie. Wir haben mehrmals telefoniert. Mal ging es ihr gut, mal ging es ihr nicht so gut. Wenn wir redeten, war ihre Stimme unverändert, und irgendwann vergaß ich mein "letztes Interview". Sie war nicht mehr die krebskranke Tamara Danz, sie war die Rocksängerin Tamara Danz.Wenn ich dann "Paradies" hörte, mußte ich auch nicht mehr heulen. Alexander Osang am 6. Juli 1996 ERSTES GESPRÄCH Tamara: Hallo.Alex: Hallo. Wie sieht's aus?Wie soll's aussehen?Können wir reden?Ja, ich denke schon. Warte mal, hörste das hier? Warte mal, Uwe. Laß mal das Fenster offen. Hörste dit, Alex?Klingt so nach Gregorianischen Gesängen. Ist da ein Chor vorm Dom angetreten?Nee, hier ist Fronleichnam, Gottesdienst oder Prozession oder so was. Ein Pomp, sag ick dir. Der Ritchie wundert sich, daß der Platz voller Menschen ist auf einmal. Die schleichen sich so an, weißte. Wir machen mal das Fenster zu. Sonst versteh ich überhaupt nichts.Wie läuft Eure Platte?So direkt von den Zahlen her weiß ich das nicht. Es gibt noch keine aktuelle Rückmeldung von der Plattenfirma. Vor vier Wochen hatten wir etwas über 10 000 verkauft.Hast du Kritiken gelesen?Wenig. Es gab, glaube ich, auch nicht so viele, oder?Ich habe ein bißchen im Archiv gesucht, es gibt wirklich wenig über die Platte. Mehr über Deine Krankheit.Das ist natürlich das wichtigste, klar.Liest du zur Zeit überhaupt Zeitung?Nee. Aber ich bekomme viele Briefe. Die Leute schreiben, mir, wie ihnen die Platte gefallen hat. Früher gab es das nicht. Vielleicht hat es mit der Krankheit zu tun.Werdet ihr im Rundfunk gespielt?Ich hör überhaupt kein Rundfunk. Ich hab von andern Leuten gehört, daß es auf Fritz läuft. Die Mädels, die Physiotherapeutinnen, die mir an den Füßen rumfummeln und so, die erzählen mir, daß sie das doch ziemlich häufig hören. Auch auf Antenne Brandenburg. Aber die Westsender wahrscheinlich nicht.Andre Herzberg hat mir mal erzählt, wie er, wenn er eine neue Platte macht, rumgereicht worden ist. Er hatte den Eindruck, daß der Moderator eine Minute vorher einen Zettel zugesteckt bekam, auf dem in drei Stichworten stand, wer hier kommt. Eigentlich hatten sie überhaupt keine Ahnung und auch kein Interesse. Kennst du das?Ja sicher. Die Dinge sind üblich. Das rühren die Plattenfirmen ein. Und dann hast du solche Interview-Termine bei irgendwelchen Sendern, Mittagsmagazin X, Y. Da wird die aktuelle Single gespielt, und dann wirste im Grunde Schwachsinn gefragt. Dit sind so Rituale, die mir auch fremd sind, so rein emotional.Ich hab auch den Eindruck, daß man besetzt wird. Als Farbe, als Ossi Und als Zeitfüller.Als was auch immer.Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, daß du diese Rolle aber relativ oft gespielt hast. du warst in den Klatschkästen der Zeitungen vertreten. Als Ostfarbe bei Springer. Als Rockerin bei unserer Kritikerpreisverleihung. Immer lächelnd. Warum hast du das gemacht? Tja, das weiß ich auch nicht, frag mich mal was leichteres. Weil ich Einladungen gekriegt habe, wahrscheinlich. Und ich war ja nun nicht überall. Bei der Super-Illu-Feier zum Beispiel war ich nicht. Da habe ich mir auch genau überlegt, warum nicht.Warum nicht?Na ja, was soll ich da Ostalgie abfeiern? Soll ich da mit Roland Neudert plauschen oder was? Und mich abknipsen lassen, damit sie irgendwelches blödes Fotomaterial für die nächsten fünf Jahre haben? Wo Danz mit einem Sektglas mit irgendwelchen Idioten rumsteht? Hab' ich keinen Bock drauf.Ihr seid früher gegen Widerstände gestoßen, sowohl im Alltag, als auch in der Musik. Wie ist das heute?Es gibt auch heute Probleme. Logisch. Früher gab es ideologische Gründe, die einem vorgebetet worden sind, und jetzt reden wir nur noch über Geld. Die Argumente, warum eine Platte so nicht geht, sind genauso taub, wie früher auch. Nur daß man heute ganz schwer dagegen ankann. Also, die lassen sich nicht mehr ärgern, die sind kaltschnäuziger. Früher waren sie noch ängstlicher. Oder vielleicht waren sie doch so schwach und haben eine dünnere Haut gehabt.Der Palast wird abgerissen. Hast du das gehört?Na gut, da bin ich emotionslos, muß ich ehrlich sagen.Vielleicht erkennt man aber daran die Methode. Im Prinzip stand doch von Anfang an fest, daß das Ding weg muß. Dann gibt es endlose Diskussionen. Scheinbar wird hin und her überlegt. Aber das passiert alles nur scheinbar. Der Palast ist sicher ein blödes Beispiel. Aber gibt es denn für dich irgendwas Erhaltenswertes aus DDR-Zeiten?An Baulichkeiten in Berlin?Nicht an Baulichkeiten. Ich denke an die Sachen, die die Leute meinen, wenn sie sagen, es war ja nicht alles schlecht. Wenn ich mit Westkollegen darüber rede, fällt mir nie irgendwas ein. Jedenfalls nichts, was ich in Worte fassen könnte.Mir eigentlich auch nicht. Also nichts, was jetzt nicht möglicherweise lächerlich klingen würde, aber letztendlich doch ziemlich wichtig im Alltag war. Es gab viele kleine Sachen, die dann in der Summe doch vielleicht was ausgemacht haben. Die das Zusammenleben leichter gemacht haben.Wie spürt man das Fehlen dieser kleinen Dinge in der Band?Also die Zeiten sind vorbei, wo man sich finanziell ausschließlich auf die Band verlassen kann. Das schafft Härten.Andererseits hat es auch Vorteile. Die Leute kommen plötzlich mit Begabungen an, mit denen man gar gerechnet hatte, weißt du? Jacki zum Beispiel, der ist jetzt Dozent an der Hochschule in Dresden, unterrichtet da Baß. Hätte keiner gedacht. Jack, die olle Schlampe. Ich setzte mich hin, schreibe Texte, und die arbeiten im Studio, wir haben ja jetzt unser eigenes Studio. Da hat sich schon was zum Positiven verändert. Es war doch in den letzten Jahren ganz schön zäh und dröge geworden in der lieben kleinen DDR. Also das hätte nicht mehr lange so sein können, da wären wir erstickt in unserer Taubheit.Das muß jeder für sich beantworten. Journalist kann man glaube ich erst heute sein. Aber ihr hattet schon eine andere Funktion.Na, wir haben Eure gehabt.Journalismus gab es eigentlich nicht. Wir waren ja Propagandisten, Agitatoren. Das läßt sich mit der heutigen Zeit nicht vergleichen. Wobei es auf subtile Art und Weise auch heute Abhängigkeiten und Zwänge gibt. Die Zeitung muß sich verkaufen, und das hat seinen Preis.Aber gerade du hast doch Narrenfreiheit. Das ist richtig, aber ich bin auch ein Exot. Ich bin ein Pausenclown.Ja. Wir waren immer Pausenclowns. Die ganze Zeit. Wir waren nicht privilegiert, wir waren Pausenclowns. Wir haben es genossen.Ich weiß nicht. Ich glaube auch der Pausenclown wird letztlich immer nur benutzt, um die Macht von wem auch immer zu stabilisieren. Um zu zeigen, he, guckt mal, so schlimm ist es doch gar nicht. Der darf doch schreiben, was er will. Oder seht Euch die Platte an, die singen doch genau über die Probleme, die es gibt.Vielleicht.Schreibst du zur Zeit?Nee, jetzt im Moment kann ich nicht. Ich lese Post und höre auch ein bißchen, was die Kollegen so machen, weißt du? Jetzt hab ich mir mal die Zöllner angehört. Bum, bum, bum.Und?Na, ich mußte sofort an diese Rockpalast-Veranstaltung in der Waldbühne denken. Ich hab sie im Fernsehen angeguckt. Ich war ja völlig entsetzt.Weil die Leute nur die Puhdys hören wollten?Nee, weil sie Selig ausgebuht haben. Das ist doch peinlich. Die wollen einen gesamtdeutschen Rockpalast machen. Und dann so was. Bei City haben sie wohl DDR-Fahnen geschwenkt.Ja, aber kann man das denn City anlasten? Oder den Puhdys? Hast du das in der Hand? Kann man so eine Stimmung provozieren? Oder entsteht sie nicht eher im Kopf des Zuhörers?Vielleicht. Aber in gewisser Weise habe ich als Musiker schon Einfluß. Ich weiß doch, was inhaltlich passiert in dem Song. Und ich merke auch, wie die Leute da unten heute abend drauf sind. Und dann hat ja jedes Lied auch eine Geschichte. Wir haben zum Beispiel mal ein Lied geschrieben, das mißbraucht worden ist. "Lied für die Menschen". Es ist ein wunderschönes Lied. Aber es ist richtig bösartig mißbraucht worden. Wir spielen das einfach nicht mehr. Und fertig.Also was soll City machen, wenn sie "Am Fenster" spielen, und unten rollen die Leute die DDR-Fahnen aus?Weiß ich nicht. Ich finde es erst mal City gegenüber unfair. Und dann finde ich es den anderen Bands gegenüber unfair, die dort gespielt haben. Nicht nur den Ostkapellen, sondern eben auch den Westbands gegenüber. Ich meine, Extrabreit sind nun wirklich nicht die großen Virtuosen, aber sie sind auch nicht die Repräsentanten des Großkapitals. Man kann nicht wieder die Künstler zu Stellvertretern machen. Ich kann dazu stehen, wo ich meine Wurzeln habe, ich kann auch ein bißchen sentimental sein. Aber nicht bösartig. Und nicht irgendwelche Sänger für meinen Frust verantwortlich machen. Am Schluß haben die Leute da unten damals, als es um die Wurst ging, Kohl gewählt, und jetzt pfeifen sie Selig dafür aus. Deswegen bin ich ganz froh, daß wir da nicht zum Vortrag gekommen sind.Vielleicht war es ja auch so, daß der Veranstalter des Rockpalast ganz bewußt diese DDR-Sentimentalität bedienen wollte. Die machen doch ganz gutes Geschäft mit diesem verlorengegangenen Heimatgefühl. Sie verkaufen Gefühl. Und wenn es kein Gefühl beim Käufer gibt, dann verkaufen sie es eben als Kult.Ja, genauso ist es. Die Leute packen Angelika Weiz, die Sputniks und den Oktoberklub auf eine Platte. Alles wird undifferenziert zusammengeworfen. Hauptsache DDR. Diese ganzen Sampler mit den schönsten Rockballaden, den schönsten Küchenliedern und weiß der Geier was noch, führen letztlich dazu, daß du in einem Atemzug mit den Puhdys genannt wirst. Ich hab nichts gegen die Puhdys, aber ich bin eine andere Generation, ich hab mit denen nichts zu schaffen.Für mich ist Heimat auch was ganz persönliches. Jeder hat seine. Die kann man nicht mit 1 000 anderen in den großen Heimattopf werfen.Es ist ja auch so, daß auch ganz junge Leute, die uns damals gar nicht kannten, plötzlich die alten Lieder hören und sich gut dabei fühlen. Die sagen, das ist unsere Musik.Und ich glaube, daß hat damit zu tun, daß die sich so verloren fühlen. Die sind jetzt 18, 19, 20 und suchen 'ne Lehrstelle, oder einen Studienplatz oder einen Job. Und da ist nichts. Nur ein großes schwarzes Loch.Dann denken sie an ihre Kindheit, und irgendwie sehnen sie sich danach zurück. Damals, als alles noch geregelt war. Die schlimmen Erlebnisse mit der DDR hatte man ja in dem Alter noch nicht. Die Enge hat man noch nicht so gespürt.Nee, man weiß nur noch die schauen Sachen. Was weiß ich noch aus der Zeit? Da weiß ich Ferienlager. Die ersten Küsse. Heimlich Radio Luxemburg hören unter der Bettdecke, mit Taschenlampe und so. Nur die geilen Sachen.Du hast mir einmal erzählt, du würdest nie heiraten und jetzt hast du geheiratet.Das hat mehr organisatorische Gründe gehabt. Also erbtechnische. Wegen dem Studio und dem ganzen Kram, den wir an gemeinsamem Eigentum so haben. Die ganzen Jahre. Also aus Liebe nicht.Was?Also aus Liebe sind wir zusammen, aber aus Liebe geheiratet haben wir nicht. Aber wir lieben uns natürlich, ist klar.Und wie ist es?Nicht anders. Ich habe meinen Namen noch, und er hat seinen Namen.Es ändert sich gar nichts. Das ist bloß irgendwo registriert. Und steuerlich ändert sich wohl was, zum Positiven, sagt man so.Und du hast nichts empfunden als du gesagt hast "Ja"?Ich hab im Bett gelegen, hab gesagt: "Ja."Hört sich ja ziemlich romantisch an.Ach weißte, das war so eine Situation, da war es ziemlich doll auf der Kippe, das Ganze. Es sah so aus, als würde es sehr schnell zu Ende gehen. Und da haben wir gesagt, bloß jetzt ganz, ganz, ganz schnell. Ehe man jetzt noch anfängt über Testamente nachzudenken und Notar und alles so 'ne Kacke, dann lieber so.Ich frag mich nur, woher die BILD-Zeitung das wußte. Niemand wußte davon. Nur wir, Ritchie und Uta, unsere Zeugen. Nicht mal unseren Eltern hatten wir das gesagt. Komisch, wie die das rausgekriegt haben.Du hast ja auch irgendwann mal im Interview gesagt, daß man sich mit dem Klatsch abfinden muß. Es gibt Boulevard-Zeitungen, und Klatsch ist nun mal ihr Geschäft. Wir lesen sie ja selbst. Aber ist es nicht ein Problem für dich als Songschreiberin, wenn die neue Platte jetzt nur noch unter dem Aspekt deiner Krankheit gesehen wird?Das finde ich natürlich Mist. Es ging ja bei fast allen Artikeln im Grunde nicht mehr um unsere Platte. Die Artikel sind ja eher überhaupt nur erschienen, weil ich krank bin. Das finde ich natürlich doof. Und dann weißt du auch gar nicht mehr, wenn Leute anrufen und sagen, die finden die Platte gut, ob sie sie wirklich gut finden oder ob sie Dir irgendwie ein tröstendes Wörtchen ins Ohr flüster wollen, weißt du.Aber ich muß ehrlich sagen, daß ich gewisse Lieder natürlich genau unter dem Aspekt höre.Du, die sind aber nicht unter dem Aspekt geschrieben worden. Wirklich nicht. Ich wußte damals noch gar nicht, daß ich Krebs habe.Das kann ja sein. Aber wenn ich dann Zeilen höre wie "Gib mir Asyl, hier im Paradies, nur den Moment, um mich auszuruhen" oder auch "das einzige, was mir noch droht, ist noch so ein Leben, noch so ein Leben nach dem Tod", dann denke ich daran, daß du sehr krank bist. Wenn du die Information hast, und hörst die Platte, dann hörst du die einfach anders.So schlimm ist das ja nicht.Du bist mal in einem Fragebogen gefragt worden, welche natürliche Gabe du besitzen möchtest, und da hast du gesagt: Zu wissen, was mich erwartet.Ja.Du hast vorhin gesagt, das war ganz schön auf der Kippe mit dem Krebs. Willst du in solchen Situationen wirklich wissen, was passiert?Tja. Ja, vielleicht, ja.Ich finde die Tatsache zu wissen, was einen erwartet, die kann auch ganz schön brutal sein.Ich weiß es doch eigentlich schon. Also, ich möchte auch wissen, ob es sich lohnt, irgendwelche Kämpfe zu führen. Weißt du? Oder ob es einfach sinnlos ist. Insofern würde mich das schon interessieren. Andererseits hätte ich dann keine Hoffnung, da hätte ich gar nichts, weißt du. Da hätte ich Gewißheit, weiter nichts. Vielleicht habe ich damals eine Scheiß-Antwort gegeben.Das ist eigenartig. Bei meiner Mutter zum Beispiel haben sie vor zwei Jahren Magenkrebs diagnostiziert. Der haben sie den Magen rausgenommen. Wenn ich mir das so überlege, da hatte ich meinen Krebs auch schon. Verstehst du, ich habe um meine Mutter gebangt. Ich bin fast wahnsinnig geworden vor Angst, hab bei der im Krankenhaus am Bett gesessen, gemacht und getan. Und bei mir wucherte das bereits. Ohne daß ich das wußte. Insofern würde ich schon gern wissen, was mich erwartet. Denn dann hätte ich doch schon was unternommen. Eher. ZWEITES GESPRÄCH Wie ist es euch denn gegangen, wenn Ihr früher Tourneen ins befreundete Ausland gemacht habt? Habt Ihr doch, oder?Klar. Wir mußten uns doch bewähren. Also sechs Wochen Rußland-Tour mußte sein. Die haben gesagt, bevor man das nicht absolviert hat, kann man nicht in den Westen fahren.Im Prinzip waren wir auch da nur Stellvertreter. So lange die West-Kapellen nicht spielen durften, waren wir das eben, waren wir die ausländischen Bands. Kapellen wie Omega aus Ungarn waren in der DDR ja auch so was wie Halb-Wessis.Stimmt, die ungarischen Platten haben auch richtig geglänzt. Nicht wie unsere stumpfen AMIGA-Hüllen.So ist es. Na ja, und dann haben wir eben in Moskau eine ganze Woche lang zwei Konzerte am Tag gemacht. Am Stück! Und immer war der Saal brechend voll. Irgendeine Sporthalle. Eine einzige Sporthalle hast du eine Woche lang bespielt und am Tag zwei Konzerte. Ist wirklich kein Witz.Hast du dem Publikum auch was erzählt? Ich meine die Songs konnten sie doch nicht verstehen.Natürlich, ich kann doch Russisch, mein Lieber. Da haben sie gegrübelt. Sie hatten doch extra eine Dolmetscherin für uns. So eine Dolmetscherin hat ja Macht. Die kann dir sonstwas erzählen. Jedenfalls hab ich ihnen auf russisch unsere Lieder erklärt. Das war manchmal wunderbar peinlich.In Rumänien hab ich die Funktionäre heimlich belauscht, weil die ja dachten, ich verstehe kein Wort. Dabei hab ich da ja vier Jahre gelebt mit meinen Eltern. Und da hab ich im Tourbus die rumänischen Tournee-Leiter belauscht. Wie sie vorhatten, uns zu bescheißen. Das war schon ganz praktisch.Wie habt Ihr Jim Rakete kennengelernt?Der hatte in der Dunkelkammer mal irgendeine Kassette gegriffen, die er, ohne hinzugucken, so sagt er, in seinen Recorder legte. Und da war unsere Musik drauf. Wir vermuten, daß ihm die ein Kollege von Spliff untergejubelt hat. Jedenfalls hat es ihm viehisch gut gefallen. Er hat dann anrufen lassen, bei mir zu Hause. Na ja, er war der absolute Guru. Ich hab natürlich nicht geglaubt, daß er das ist. Aber er war's. Wir haben uns getroffen. Weiß ich noch, im Hotel Stadt Berlin. Wollten wir so. Ganz vornehm. +++