Um im Urlaub etwas zu erleben, muss man nicht weit fahren. Berlin bietet jenseits der Touristenpfade viele spannende Orte. Unsere Ferienserie stellt in zwölf Teilen idyllische Plätze vor, wenig bekannte Attraktionen und Führungen zu Orten, an die man normalerweise nicht kommt. Heute: Das Technikdenkmal Rohrpost in Mitte.------------------------------Behutsam hält Ralf Rohrlach den dünnen Umschlag zwischen Daumen und Zeigefinger. Besucher greifen nach dem zartrosa Seidenpapier und staunen über das Relikt aus dem Jahr 1890. In schnörkeliger Schrägschrift wurden Name und Anschrift mit Tinte notiert. Vor über hundert Jahren jagten Postbeamte diesen Brief in einer Büchse durch den Berliner Untergrund. Er ging an Margarete Ehrentraut, wohnhaft in der Wilhelmstraße 10.Jeden Sonntag führt Ralf Rohrlach durch die Kelleranlagen des ehemaligen Kaiserlichen Haupttelegrafenamtes in Mitte. Vier Meter nimmt er Besucher mit hinab, in die ehemaligen Versandräume, aus denen preußische Postbeamte Briefe, Karten und kleine Pakete verschickten. Vierzig Prozent der alten Infrastruktur ist noch erhalten. Jedes Mal, wenn Rohrlach vor den schweren dunklen Versandmaschinen steht, dann zeigt er auch rosa Brief vor. Ein Zeitdokument, das er zufällig auf einem Trödelmarkt ergatterte und ein schönes Detail seiner Führung durch das Technikdenkmal Rohrpost.Vor über hundert Jahren zählte die Rohrpost zu den wichtigsten Kommunikationsmitteln. Heute modert es zwar in den Kellern des Haupttelegrafenamts, doch die schweren Maschinen sehen aus, als würden sie noch immer Briefe verschicken. Einige Büchsen liegen dort, wie kleine Laternen sehen sie aus. Bis zu zwölf Briefe passten hinein, zehn Büchsen ergaben einen Rohrpostzug. Per Luftdruck flog die Büchsenpost dann nur einen Meter unterhalb der Bürgersteige - und erreichte eine Geschwindigkeit von bis zu 16 Metern pro Sekunde. "Manchmal ruckelte es oben, dann wussten die Berliner, dass wieder Briefe unterwegs waren", so Rohrlach. Bis 1945 gab es noch hundert Postämter, die über einen eigenen Rohrpostzugang verfügten. Von diesen Ämtern verteilten Briefträger im Schichtdienst Briefe, Päckchen und Karten an die Berliner weiter.Adressaten, die höchste Priorität genossen, erhielten aber einen eigenen Rohrpostzugang. Noch heute stehen neben zwei Maschinen die Namen "Reichstag" oder "Börse" in akkurater Schrift. Letztendlich waren es auch die Börsianer, die den damaligen Postminister Heinrich von Stephan dazu drängten, eine Rohrpostanlage in Berlin zu installieren. Ein bisschen neidisch blickte man nach Paris, Wien und London, denn dort gab es schon solch ein schnelles Postsystem. So stellten die Börsianer dem Ministerium Geld für die Investition in Berlin zur Verfügung.Siemens erhielt den Auftrag, baute die Maschinen, verlegte Kabel und Rohre. Bis 1939 vergrößerte sich das Streckennetz auf rund 400 Kilometer. Insgesamt gab es zwölf Rohrpostlinien, durch die pro Jahr bis zu acht Millionen Sendungen flogen. Auf der längsten Strecke düsten die Büchsen eine Stunde durch die Berliner Rohre.Bomben zerstörten im Zweiten Weltkrieg einen Großteil der dicht unter der Straßenoberfläche liegenden Linien. Heute sind noch etwa sechzig Prozent aller Rohrleitungen erhalten. Doch die elektronische Datenvermittlung löste die Rohrpost in den 60er-Jahren ab. "Natürlich ist die E-Mail heute schneller", sagt Rohrlach.Doch so schöne rosa Briefe, wie den, den Margarete Ehrentraut im Jahr 1890 erhielt, würden heute nicht mehr verschickt. Die Rohrpost habe zudem einen wesentlichen Vorteil gehabt, findet er. Sie transportierte eben noch ein echtes Dokument, das nicht gelöscht werden konnte und viel seltener in falsche Hände geriet. ------------------------------Tipps und TermineKarte: Die Führung durch das Technikdenkmal Rohrpost (Tour 4) findet noch bis 30. November jeden Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr statt. Treffpunkt ist die Monbijoustraße 1/ Ecke Oranienburger Straße. Die Karten kosten im Vorverkauf 9 Euro (ermäßigt 7 Euro) und können 15 Minuten vor Beginn der Führung an der Kasse in der Monbijoustraße erworben werden.Kleidung: Generell wird bei allen Touren warme Kleidung empfohlen, da es in den unterirdischen Anlagen auch in den Sommermonaten recht kühl bleibt.Der Verein Berliner Unterwelten gründete sich 1997. Zurzeit bietet er vier Touren durch den Berliner Untergrund an, unter anderem zu den Themen Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg. Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adressewww.berliner-unterwelten.deEin weiterer Verein, der in Berlin Führungen dieser Art anbietet, heißt "Unter Berlin". Derzeit bietet "Unter Berlin" eine Führung durch den Prenzlauer Berg an, die sich "Underground DDR. Die Oppositionsbewegung" nennt.------------------------------Grünfaktor: *Aktivfaktor: ***Kulturfaktor: ****Allwetterfaktor: *****Familienfaktor: ****------------------------------Foto: Technikdenkmal Rohrpost: Für den Besuch im Keller des Haupttelegrafenamtes sollte man sich warm anziehen.