Routinierte Operngänger sind natürlich jedem ambitionierten Regisseur ein Graus, aber immerhin klatschen sie an den richtigen Stellen. In der Komischen Oper, wo seit fünf Jahren jeden Herbst eine Kinderoper auf der großen Bühne gezeigt wird, kann man sogar schon routinierten Kinderoperngängern begegnen - 10-Jährigen, die wissen, was in so einer Veranstaltung von ihnen erwartet wird. Am Sonntag- nachmittag gab es in der "Roten Zora" dann auch pflichtschuldigst Szenenapplaus, als die Bühne zur Unterwasserlandschaft wurde und surreal überlebensgroße Meerestiere durch den freien Raum schwebten. Es war eine äußerlich wirkungsvolle Szene, aber auch eine, die Zauber nur deshalb herzustellen schien, weil das eben in eine Kinderoper so hineingehört. Mit dem sozialen Lehrstück, als das die österreichische Komponistin Elisabeth Naske Kurt Helds Buch "Die rote Zora" im Übrigen begreift, hatten die Tintenfische, Quallen sowie der "Chor der Tunfische" dramaturgisch ziemlich wenig zu tun.Nach dem triumphalen Erfolg von Pierangelo Valtinonis "Pinocchio" vor drei Jahren schien die Komische Oper eine für die Zukunft tragfähige Haltung gegenüber der jungen Gattung "Kinderoper" gefunden zu haben: Es wurde weder geleugnet, dass im Musiktheater, manchmal bis zur Textunverständlichkeit, gesungen wird, noch dass dramatische Entwicklungen länger dauern als im Fernsehen. Bei "Robin Hood" im letzten Jahr wurde dieses Bekenntnis zu Lasten der Musik relativiert.Nun will die Komische Oper mit Naskes 2008 in Luzern uraufgeführter "Roter Zora", so scheint es, alles noch besser machen. Bereits die Komponistin will offenbar das Genre "Kinderoper" stromlinienförmig optimieren. Der musiktheatrale Ansatz gegenüber der Buch-, der Film- und der Fernsehfassung soll von Anfang an klar sein, und so darf der wandergeigende Vater der Hauptfigur, des zwölfjährigen Halbwaisen Branko (Adrian Strooper, Tenor), als Sehnsuchtstopos in der ersten Hälfte mehrmals mit seiner Balkan-Combo fideln - eine gute musikdramaturgische Klammer, die die Autoren (Libretto: Theresita Colloredo) jedoch, ebenso wie Brankos Sehnsucht, unterwegs links liegen lassen. Denn für eine wertvolle Kinderoper ist ja noch einiges zu bewältigen: eine Einführung in die Gattung Oper und ihre Bausteine, eine spannende Geschichte und, ganz klar, eine gesellschaftliche Komponente.Während "Pinocchio" durch seinen glutvollen musikalischen Zugriff alles in einem bot, handelt "Die rote Zora" alles nacheinander ab. Als Einführung in die Welt der Oper darf der arme Fischer Gorian (mit mächtigem Bass: Carsten Sabrowski), dem Zora (Olivia Vermeulen) mit ihrer Bande zuerst Fische stehlen und dann fangen helfen will, zwei romantische Arien singen. Dass die zum übrigen musikalischen Geschehen querstehen, kann man nicht ernstlich behaupten bei dem Sammelsurium, wie es vom Orchester unter der Debütantin Catherine Larsen-Maguire getreulich ausgebreitet wird: Strawinski-Bläser, West-Side-Story-Rhythmen, Avantgarde-Geräusche und TV-Serien-Harmonien. Diese Musik möchte offenbar großen Raum für Prügeleien mit Fischen lassen, die auch in einem gallischen statt in einem kroatischen Dorf spielen könnten und damit Konkurrenz in anderen Kunstgattungen haben, der sie nicht gewachsen sind. In den Action-Szenen beschränkt sich die ansonsten vielgestaltige und nuancierte Regie von Jasmina Hadziahmetovic denn auch aufs Choreografieren.Der vermutlich auch für Kinder ermüdende Gänsemarsch der Aufgabenerfüllung endet im Duktus einer Hanns-Eisler-Kantate mit der Belehrung des Fischfabrikbesitzers Karaman (Thomas Scheler) durch den Chor, dass nicht die kindlichen Fischdiebe "die Schuldigen" seien, sondern "wir", die Gesellschaft. Natürlich hat solch epische Erläuterung auch in der Oper längst Tradition, aber es regt sich der Verdacht, dass auf theatrale Psychologie in der musikalischen Handlung nicht aus freien Stücken verzichtet wurde, sondern aus kompositorischer Ideenlosigkeit.------------------------------Nächste Vorstellungen am 8., 15. und 20. November, Komische Oper.------------------------------Die Musik möchte offenbar großen Raum für Prügeleien mit Fischen lassen.Foto: Alle Räder stehen still, wenn mein schicker Hut das will: die rote Zora (Olivia Vermeulen) mit Branko (Adrian Strooper) in der Fischfabrik.