Der Dichter Richard Leising, der vor einem Jahr mit 63 in Berlin starb, hat kein einfaches Leben geführt. Schwer wurde ihm alles, weil er dem Verludern einer Utopie zuschauen mußte: " dieses Land darin ich leben will / Aber muss". 1934 in Chemnitz geboren, wuchs Leising im Handwerkermilieu auf, studierte in Weimar und Leipzig Theaterwissenschaft. Der Jugendtraum des Brechtianers vom großen Theater zerschellte an dogmatischer Kulturpolitik. Und der Dichter camouflierte sich als Dramaturg. Leising schlug sich an kleinen Theatern durch, seit 1973 bis zur Wende-Kündigung am "Theater der Freundschaft" in Ostberlin. Früh glaubte er, dem Verfall der Welt um sich nur im vollendeten Vers begegnen zu können. Des Dichters Empfindungsreiz blieb auch dort von hoher Verletzbarkeit, wo andere wenig bemerkten. Was ihn drängte, waren Erfahrungen, nicht gesuchte Bilder aus eigener Bestimmung. Sein Schreiben am Gedicht zeigte immer eine starke Neigung zum Verstummen. Wahre Verzweiflung hat keine "Gauklerflügel" und keinen Ausdruck, nur ihre Stummheit wie "Bleigewichte". Oder war es ein langes Schweigen, das den Wörtern vorausging? Souveräne Resignation? "Es ist nicht so, dass ich schweige / Ich kann nur nicht sprechen".Leisings Werk, entstanden in vierzig Jahren, umfaßt keine hundert Seiten. Aber in des Dichters "Grundtrauer" wurde aus Sprachnot poetische Virtuosität. Leising kannte eine "lebenslange, manchmal lebenswichtige Freude an einem gelungenen Gedicht". Hatte er an ein Gedicht letzte Hand angelegt, und darüber konnten Jahre vergehen, drängte ihn nichts, es zu veröffentlichen. Nur Freunde bekamen es zu Gesicht. Immer blieb er mehr Außenseiter als Frondeur. Aber die vereinzelt vagabundierenden Gedichte begründeten seinen Rang innerhalb der "Sächsischen Dichterschule". Richard Leising stand am Rand, doch für Dichterkollegen wie Sarah Kirsch, Adolf Endler, Karl Mickel oder Heinz Czechowski gehörte er zum Kern. Eines ihrer schönsten Widmungsgedichte hat ihm Inge Müller hinterlassen: "Trägst dein Kindergesicht wie ein König / Der alle Reiche verloren hat."Bernd Jentzsch konnte 1975 in dem Heft 97 der Lyrikreihe "Poesiealbum" ein gutes Dutzend Gedichte und einige Nachdichtungen aus dem Russischen von Richard Leising vorstellen. 1990 gelang es dem bayerischen Verleger Kristof Wachinger nach zehnjährigem Drängen, diesen stillen Dichter zur Veröffentlichung von fünfunddreißig Gedichten zu bewegen. "Gebrochen deutsch" heißt das Bändchen. Sarah Kirsch sagt darüber: "Ein Buch, in welchem jede Seite mit gültigen Strophen bedruckt ist, das ist höchst selten." Jetzt gab Kristof Wachinger einen Nachlaßband mit Gedichten und kleiner Prosa von Richard Leising heraus: "Die Rotzfahne". In der Aufmachung ein schöner Zwillingsband zu "Gebrochen deutsch": Bleisatz, Walbaum als Schrift, Vorsatz mit Fabriano-Bütten, Ganzleinen. Versammelt sind hier neben Gedichten aus den langen letzten Jahren auch jene Strophen, die Leising in seinem ersten Band nicht aufgenommen hatte. Es findet sich kaum Fragmentarisches, alles ist reif für das Publikum. Auch hier Sarkasmus und Dissonanz. Einige Meisterstücke sind darunter. So das Gedicht "Liebste:" " / Hockt im Trauern, läuft im Singen / Hält sich auf in , weilt in Schliengen / Macht am Ende gar Gedichte / Gauklerflügel, Bleigewichte / Oder umgekehrte Lieder / Wackersteine, Lichtgefieder." Form gewordener Wechsel zwischen Schmerz und Seligkeit. Hier eine Geste des Übermuts, dort ein Zeichen der Trauer, eben ein Geständnis, bald eine Gebärde der Scheu, wenn nicht der Scham. Richard Leising weiß, Unglück kommt auch durch das falsche oder schale Wort in die Welt. Dabei ist es schwer, manches Stück deutscher Erbwirklichkeit nicht auch komisch zu finden. Blickt der Dichter auf sein Leben, hat er keine Wahl. "Auch ich trug stolzgeschwellt, das Hitlermesser / / Später mein Schweigen, ich kleidete es / In edle Wendungen, ich trug, bau auf, bau auf / Meinen Stein herbei zur Mauer, auch ich / / Von vielem bin ich frei, in nichts von Schuld / Und es ist wohl nichts als Glück, / Dass ich keinen verriet." Das Zerbersten von Hoffnungen entfachte für Leising seit seiner Zeit als Pubertätsmarxist ein großes Zerstörungspotential. Zu seinen Gewißheiten gehörte: Es gibt keinen späteren Ausgleich für die Säumnisse im Leben. Er blieb ein gefährdeter Mann, erschöpft bis zum Ekel. "Meine Augen sehen mich nicht mehr." Doch er verlor die Welt um sich nicht. "Wir sind ein Volk" wurde für ihn zu keinem Mirakel. Zu genau kannte er die ideologischen Janusköpfe und ihre Abenteuer mit schlechtem Ausgang. "Sie haben mich nur entmündigt und eingemauert / Aber nicht verfolgt. / In den riesigen Verzeichnissen ihrer Feinde / fand sich mein Name nicht." Nicht in den Akten liegt für Dichter die Zeugenschaft, auch wenn alle Welt meint, sie wüßte, um was es sich handelt. Für Leising weiß sie es nicht. Zu seinen letzten Versen gehören: "Der englische Soldat bleich mit der Gartenkralle / Furchtsam schabend exhumiert er den Tod von Srebrenica."Mit den Bänden "Gebrochen deutsch" und "Die Rotzfahne" läßt sich das poetische Lebenswerk des Richard Leising besichtigen. Beim Lesen kommt einem Barlachs "Alte", die nichts gelernt hat, aber alles weiß, in den Sinn. Ein seltener Dichter. Richard Leising war in seiner kinderäugigen Wahrnehmung sehr einsam. Immer.Richard Leising: Die Rotzfahne. Gedichte und kleine Prosa. Herausgegeben von Kristof Wachinger. Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1998. 64 S., 24 Mark.