FRIEDRICHSHAIN. Bei den Spatzen der Brauerei ist Frühjahrsputz: Aus einem Loch im roten Backstein rieseln Federchen und vertrocknete Halme. Dazu ertönt lautstarkes Tschilpen von der Fassade. Dies könnte ein Symbol sein für das, was bald hinter den Mauern beginnen soll: Die ehemalige Patzenhofer Brauerei an der Landsberger Allee/Ecke Richard-Sorge-Straße soll zu einem Ort für Kultur und Unternehmen werden."Hier werden Konzerte und Partys stattfinden, Gäste bewirtet und Künstler in Ateliers arbeiten", sagt Arne Piepgras von der Quantum Immobilien und Projektentwick-lungs GmbH. 3,5 Millionen Euro hat Piepgras der Radeberger Gruppe für das Areal bezahlt. Die drei Brauerei-Denkmäler - das klassizistische Verwaltungsgebäude, das Haupthaus mit den Bierkellern sowie der Gartenausschank auf dem Hof - will er mit EU-Hilfe sanieren. Eine zweite Kulturbrauerei wie die in Prenzlauer Berg soll aber nicht entstehen. Er wolle keine nur auf Kommerz ausgerichtete Einrichtung, sagt Piepgras: "Ich will zwar mit Events und Gastronomie Geld verdienen. Dafür leiste ich mir Künstler, die kein Geld, aber Atmosphäre bringen."Gut geeignet für die geplanten Partys sind die zwei einstigen Technikräume im Haupthaus. Die sind jeweils gut 200 Quadratmeter groß und neun Meter hoch. Derzeit proben dort Trapezartisten. Auf zwei Etagen sollen zudem bis zu 70 Quadratmeter große Ateliers eingebaut werden. Maximal vier Euro pro Quadratmeter sollen die kosten - ein attraktives Angebot für Künstler, die in Berlin immer weniger bezahlbaren Arbeitsraum finden.Mitstreiter von Piepgras sind Künstler sowie ein Förderverein. Dessen Vorsitzende ist Johanna Martin, eine 39-jährige Malerin und Bildhauerin. Musiker Daniel Künzel arbeitet mit 20 weiteren Kollegen aus der Musik-, Design- und Galeriebranche seit gut zwei Jahren auf dem Gelände. Künzel hat im Haupthaus bereits Strom- und Wasserleitungen verlegt, Toiletten eingebaut, Schutt geräumt und Fenster und Türen erneuert . Gebäudesicherung heißt das im Amtsdeutsch. Demnächst eröffnet er einen Klub, in dem nicht nur getanzt werden soll: "Dort zeigen auch bildende Künstler ihre Werke, Jugendliche stellen ihre Ideen vor." Die Aktion im Mai heißt "Macht mal Stille".Ganz unbeachtet bleibt das Treiben auf dem Brauereigelände nicht. "Manchmal kommen Nachbarn vorbei und wollen wissen, was wir hier tun", sagt Künzel. Die meisten seien froh, dass in die Ruinen wieder Leben einzieht. Ein 81-jähriger Mann habe ihm erzählt, wie er früher immer sein Bier direkt aus der Brauerei geholt habe. Einen Bierausschank soll es dort schon bald wieder geben. In sechs bis acht Wochen, so Arne Piepgras, soll auf dem Hof ein erster Biergarten eröffnet werden.------------------------------Auf der FriedrichshöheDer Beginn: Seit 1886 wurde an der Landsberger Allee/Ecke Tilsiter Straße (heute Richard-Sorge-Straße) Bier gebraut. Der Bayer Georg Patzenhofer ließ auf der Kuppe der Friedrichshöhe Lagerkeller, Mälzerei, Sudhaus und einen Restaurationsbetrieb mit Biergarten anlegen. Die Grundmoränenschicht des Barnim war günstig für kühle Bierkeller. 1871 wandelte Patzenhofer, dessen Unternehmen jährlich 11 000 Tonnen Bier produzierte, seinen Betrieb in eine Aktiengesellschaft um. 1920 fusionierte sie mit Schultheiss zur Schultheiss-Patzenhofer AG.Das Ende: 1990 wurde die Brauerei geschlossen. Ein Großteil der Anlagen wurde abgerissen. 1996 wurde der 85 Meter hohe Schornstein gesprengt. Teile der technischen Anlagen wurden vom Deutschen Technikmuseum übernommen. Ein Investor plante auf dem Areal die sogenannten Schultheiss-Pas- sagen mit mehr als 200 Wohnungen, Gaststätten, Läden und einem Hotel. Gebaut wurde aber nur das Multiplex-Kino.Der Neubeginn: 2006 verkaufte die Radeberger Gruppe (vormals Brau und Brunnen) das Gelände an die Quantum Immobilien und Projektentwicklungs GmbH. Zwei Drittel der 22 000 Quadratmeter wurden weiterverkauft, dort sollen Wohnungen und ein Supermarkt entstehen. Die denkmalgeschützten Brauereigebäude sollen zu einem Ort für Kultur und Unternehmen werden, auch ein Biergarten ist auf der Friedrichshöhe wieder geplant.------------------------------Foto (2) : Historische Ansicht der Patzenhofer Brauerei an der Landsberger AlleeBierwerbung auf Blech: altes Patzenhofer-Schild.

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